Autor: marco-fritz

  • The Living Dead at Manchester Morgue, 1974 – ★★★★½

    The Living Dead at Manchester Morgue, 1974 – ★★★★½

    DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN*
    (NO PROFANAR EL SUEÑO DE LOS MUERTOS, Italien, Spanien, 1974, Regie: Jorge Grau)

    George, ein Kunsthändler aus London, möchte ein wenig Urlaub vom chaotischen Stadtleben machen und fährt mit seinem Motorrad aufs Land. An einer Tankstelle beschädigt, Ethna, eine junge Frau, sein Motorrad, die ihn daraufhin ein Stück mit ihrem Auto mitnimmt. Zur gleichen Zeit setzt das Landwirtschaftsministeriums eine neuartige Maschine zur Bekämpfung von Insekten ein, was zur Folge hat, dass sich die Toten aus den Gräbern erheben. Schließlich dauert es nicht lange, bis George und Erhna in einen ersten Konflikt mit einem Zombie geraten.

    Jorge Graus DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN ist eine äußerst atmosphärische und recht blutige Antwort auf DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN (1968), die mit einer Öko-Thematik kombiniert wurde und so perfekt in das 70er-Jahre-Dystopie-Kino passt. Themen wie Umweltverschmutzung werden bereits in der Eröffnungssequenz ersichtlich, wenn man Leute in der Stadt sieht, die sich hinter einem Mundschutz verbergen, und die Umwelt bleibt ein Thema. Während der Ursprung für die Zombie-Plage in DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN im Unklaren bleibt, liefert Grau die Erklärung: Ultraschallwellen, die als Insektenbekämpfung in der Landwirtschaft dienen sollen. Nur leider haben diese Ultraschallwellen auch den Effekt, die Toten auferstehen zu lassen. 

    Während das erste Aufeinandertreffen zwischen George, Ethna und dem untoten Landstreicher Guthrie stark an Barbaras und Johnnys Begegnung mit dem Friedhof-Zombie aus DIE NACHT DER LEBENDEN TOTEN erinnert, löst sich Grau zunehmend von seinem Vorbild oder variiertes es zumindest sehr gut. Mit George Kennedy als Inspector hat man einen widerlichen Antagonist (neben den Zombies), den man als Antwort auf Cooper verstehen kann. George wird von Ray Lovelock gespielt, der hier sein schönes Gesicht hinter einem Bart versteckt. Das macht aber nicht viel, denn als wortgewandter Hippie-Kunsthändler macht er einen ordentlichen Eindruck und ist das perfekte Gegenstück zu Kennedy. Doch zwischen den menschlichen Konflikten kommt es natürlich auch zu Konflikten mit den Zombies, und die sind ziemlich saftig ausgefallen. In Sachen Gore legt Grau hier ganz schön vor, bedenkt man, dass DAWN OF THE DEAD (1978) und WOODOO – SCHRECKENSINSEL DER ZOMBIES (1979) erst noch kommen sollten. Körper werden zerhackt, Körper werden aufgerissen, Organe werden gefressen… Zudem ist das Zombie-Maku-up gelungen und sorgt für ein paar richtig unangenehme Momente. Sehr hörenswert ist auch der Score von Giuliano Sorgini und die verstörenden Atemgeräusche, die von Regisseur Grau selbst stammen.

    Grau ist es ganz vorzüglich gelungen, eine einfache, hanebüchene Idee mit guten Figuren, einer sehr unheimlichen und morbiden Atmosphäre und derben Gewaltspitzen anzureichern. DAS LEICHENHAUS DER LEBENDEN TOTEN gehört zu den stärksten und qualitativsten Zombiefilmen, die das europäische Kino hervorgebracht hat. 

    (Bjoern Candidus)

    *Podcast-Besprechung bei „Antenne Traumstadt“

  • 100. The Executor – Der Vollstrecker (1983)

    100. The Executor – Der Vollstrecker (1983)

    THE EXECUTOR – DER VOLLSTRECKER

    OT: GLI STERMINATORI DELL’ANNO 3000

    Italien, 1983

    Regie: Giuliano Carnimeo

    Bjoern Candidus und Marco Fritz begeben sich in die wüste Ödnis einer endzeitlichen Welt, in der es seit einem Atomkrieg nicht mehr geregnet hat und seit dieser Zeit Kriege um Wasser geführt werden.

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

    Facebook: https://www.facebook.com/AntenneTraumstadt

    Spenden für den Podcast: https://www.paypal.com/paypalme/AntenneTraumstadt

    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • Revenge of the Dead, 1983 – ★★★★½

    Revenge of the Dead, 1983 – ★★★★½

    ZEDER – DENN TOTE KEHREN WIEDER*
    (ZEDER, Italien, 1983, Regie: Pupi Avati)

    Stefano bekommt von seiner Freundin Alessandra eine Schreibmaschine geschenkt, auf der er ein Farbband entdeckt, was eine geheimnisvolle Nachricht bereithält. Dort ist die Rede von Toten, die wieder auferstehen, was ihn dazu animiert, der Sache auf den Grund zu gehen. Doch schnell stellt er fest, dass dies eine schlechte Idee war.

    Pupi Avatis ZEDER gehört für mich zu den spannendsten Italo-Horrorfilmen. Avati verknüpft hier sehr geschickt Giallo-, Zombie- und Mystery-Elemente und liefert wie schon mit DAS HAUS DER LACHENDEN FENSTER (1976) unheimliche Bilder im Tageslicht. Denke ich an Avati, denke ich unweigerlich an Unheimliches, was im Licht der Sonne auf den Protagonisten wartet, ähnlich wie in TÖDLICHE FERIEN (1970), TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974) oder EIN KIND ZU TÖTEN (1976). 

    Ein weiterer, sehr wirkungsvoller Star des Films ist die Ruine Colonia Provincia Varese, einem früheren Feriendomizil der italienischen Faschisten, was man im Zweiten Weltkrieg kurze Zeit als Gefängnis und Krankenhaus umfunktionierte, bevor es für ewig geschlossen wurde. Hier liegt eine der K-Zonen, in denen die beerdigten Toten wieder auferstehen. Kennern von Stephen Kings Roman „Friedhof der Kuscheltiere“ wird das irgendwie bekannt vorkommen, und auch am Ende werden sie ein Déjà-vu erleben. Allerdings ist es auszuschließen, dass der eine vom anderen abgeguckt hat, denn ZEDER wurde im August 1983 veröffentlicht, während Stephen Kings Roman im November des gleichen Jahres das Licht der Welt erblickte. Während es bei Stephen King ein Indianerfriedhof mit einer Geschichte ist, lässt einen Avati in einem Raum voller Fragen oder angeschnittenen Antworten stehen, und genau das ist eine der Stärken seiner Inszenierung. Häppchenweise bekommt der Protagonist Stevano, dargestellt von Gabriele Lavia, Anhaltspunkte geliefert und dringt immer Tiefer in eine geheimnisvolle und gefährliche Welt ein, in der er am besten nur sich selbst vertraut. Bei der Spurensuche funktioniert ZEDER wie ein Giallo, und auch der ein oder andere Mord ist so aufgebaut. Romero- oder fulcieske Zombie-Fress-Orgien sind hier hingegen absolut nicht zu finden. Insgesamt legt Avati sehr viel Wert auf Atmosphäre, Geräuschkulisse und Setting und steht somit doch auch wieder etwas in der Tradition von Fulcis (so genannter) „Gates of Hell – Trilogie“, aber ist in der Darstellung viel gediegener. Die Zurückhaltung wirkt sich in allen Belangen positiv aus, und es sind vor allem die Dinge, die man nicht sieht, die hier für Unbehagen sorgen. 

    Nicht ganz so glänzend ist die Besetzung, denn Gabriele Lavia hat leider nicht das Talent, mich als Zuschauer auf der Sympathie-Ebene abzuholen. Die Figur von Stefano ist mir egal, im Gegensatz zu der Geschichte, in die er verwickelt wird. Somit ist es gleich, wer seine Rolle bekleidet, denn alles andere ist viel spannender und funktioniert astrein. Gleiches gilt auch für die anderen Figuren, die hier auftauchen. Vieles bleibt unausgesprochen, manches wird gerade zu zerredet oder verwirrt einen noch mehr, doch das habe ich hier nie als störend empfunden, ganz im Gegenteil. Viel störender ist hingegen der sehr aufdringliche Score von Riz Ortolani, der sogar für mich die größte Schwäche des Films darstellt, und ich mag Ortolani. 

    ZEDER durchzieht eine Atmosphäre der Angst, der Paranoia und lässt einen kaum erahnen, was als nächstes passiert. Seit ich Avatis Film Mitte der 90er-Jahre gesehen habe, hat sich die oben erwähnte Ruine in mein Hirn gebrannt, die im Finale für eindrückliches italienisches Horrorkino sorgt, was es in den 80er-Jahren nur noch sehr selten gegeben hat.

    ZEDER – DENN TOTE KEHREN WIEDER ist spannend, toll fotografiert, bedient sich sehr atmosphärischen Schauplätzen und sei somit allen Freunden italienischer Thriller- und Horror-Kost empfohlen.

    (Bjoern Candidus)

    *Podcast-Besprechung bei „Antenne Traumstadt“

  • Blue Angel Cafe, 1989 – ★★

    Blue Angel Cafe, 1989 – ★★

    BLUE ANGEL CAFE
    (Italien, 1989, Regie: Joe D‘Amato)

    Raymond, ein aufstrebender Politiker, verliebt sich in die schöne Nachtclubsängerin Angie, was dazu führt, dass die Ehe zu seiner Frau Kate zerbricht. Daraus entwickelt sich ein Skandal, der Raymonds politische Karriere zerstört und ihn bald zu einem verschuldeten Mann macht, schließlich leben er und Angie auf großem Fuß. Frau weg, Job weg, Geld weg, und zwischen ihm und Angie kommt es zu Problemen, als sie versucht, ihn finanziell zu unterstützen, indem sie wieder in alte Nachtclub-Gefilde zurückkehrt.

    Mit BLUE ANGEL CAFE hat Joe D‘Amato ein ziemlich langweiliges Liebes-Drama gezimmert, was in der New Yorker High Society angesiedelt ist. Produziert wurde der Film erneut von D‘Amatos Filmklitsche Filmirage, bei der es stets auf und ab ging. In den Nachtclub-Szenen, wenn Angie ihre Liedchen trällert, zeigt D‘Amato noch sein Können in Sachen Kamera-Arbeit, doch wenn es in langweilige Büros oder hässliche Luxusapartments geht, macht sich eine unglaubliche Ödnis breit. Diese wird von dem einlullenden Score von Luigi Ceccarelli zusätzlich befeuert. So können nur Liebes-Dramen oder Sexfilme klingen. 

    Visuell konnte mich D‘Amato hier mal nicht abholen, und wenn man viele seiner Filme kennt, weiß man, dass er ein guter Kameramann war. Aber die langweiligen Sets sprechen wenigstens die gleiche Sprache wie die langweile Story um Liebe, Eifersucht, Macht, Reichtum und Sex. Das ganze könnte auch ein Handlungsstrang von DER DENVER-CLAN (1981-1989) sein. Tara Buckman bringt als Angie noch einen Funken Charisma in BLUE ANGEL CAFE, aber Richard Brown als Raymond Derek und der Rest vom Schützenfest sind so spannend wie ein warmes Glas Wasser. Da helfen auch keine Softsex-Einlagen, um es irgendwie lodern zu lassen.  

    Wer sich einen Überblick über die Facetten von Joe D‘Amatos Filmografie verschaffen möchte, sollte durchaus einen Blick in BLUE ANGEL CAFE werfen, doch gute Unterhaltung ist hier nicht zu finden. 

    (Bjoern Candidus)

  • Monster Shark, 1984 – ★½

    Monster Shark, 1984 – ★½

    DER MONSTER-HAI
    (SHARK: ROSSO NELL’OCEANO, Frankreich, Italien, 1984, Regie: Lamberto Bava)

    Eine angespülte Leiche vor der Küste Floridas, der beide Beine abgerissen wurden, wirft Rätsel auf. Anfänglich glaubt man an einen Hai. Doch in Wahrheit ist es ein prähistorischer Vorfahre, der die Küste Floridas aufsucht, um seinen Hunger zu stillen.  

    Einen Mangel an Themenvielfalt kann man Lamberto Bavas Filmografie nicht vorwerfen, was allerdings nicht heißen soll, dass sein Werk mit Innovationen aufwartet. DÄMONEN (1985) ist und bleibt sein stärkstes Werk, und DER MONSTER-HAI ist das genaue Gegenteil. 

    Bava hat hier als eine weitere Antwort auf DER WEISSE HAI (1975) abgeliefert, die wahrscheinlich im Zuge von DER WEISSE HAI 3 (1983) produziert wurde. Immerhin sah die Story vor, die u.a. aus der Feder von Luigi Cozzi stammt, dass man es hier nicht mit einem herkömmlichen, lediglich zu groß geratenen Hai zutun bekommt, sondern mit einer prähistorischen Mischung aus Hai, Kugelfisch und Kraken, die man leider selten in Gänze zu Gesicht bekommt. In erster Linie sieht man nur das Maul mit riesigen, übereinander liegenden Zähnen oder eine Pixel-Darstellung am Monitor, der Forschungsyacht. An Monitoren verweilt man ständig, um die Zeit voll zu kriegen, statt irgendwas spannendes zu inszenieren. Ein Gespräch jagt das nächste, und zwischendurch darf der Monster-Hai mal kurz die Beißer fletschen. Um dann doch noch ein bisschen zusätzlichen Terror zu verbreiten, wird noch ein alberner Subplot mit einer Mordserie reingebuttert. Zumindest erspart man einem ein Fest, was es in so vielen Tierhorrorfilmen gibt, insbesondere eine Regatta, wenn es um Fische geht. Immerhin kann Florida als Schauplatz noch ein bisschen für Sommerurlaub-Atmosphäre sorgen, was allerdings auch Bruno Mattei mit CRUEL JAWS (1995) gelang.  

    Große Augen kann man durchaus bekommen, wenn man die Besetzungsliste liest, doch die Augen werden immer kleiner, wenn man die Leistungen sieht. Michael Sopkiw, Valentine Monnier, Gianni Garko, William Berger, Cinzia de Ponti und Dagmar Lassander wirken allesamt so trübe wie der Rest des Films. Nicht mal Fabio Frizzi kann hier helfen. 

    DER MONSTER-HAI ist ein leidliches Relikt aus einer Zeit in dem sowohl dem Tierhorrorfilm als auch dem italienischen Horrorfilm immer mehr die Energie entzogen wurde. 

    (Bjoern Candidus)

  • Cry of a Prostitute, 1974 – ★★★★

    Cry of a Prostitute, 1974 – ★★★★

    DIE RACHE DES PATEN 
    (QUELLI CHE CONTANO, Italien, 1974, Regie: Andrea Bianchi)

    Der Auftragskiller Tony Aniante soll den Mafia-Boss Don Ricusso aus dem Leben blasen. Dabei gerät Tony zwischen die Fronten. Es gibt für ihn nur einen Weg: beide Gruppierungen gegeneinander auszuspielen.  

    Andrea Bianchi (RÜCKKEHR DER ZOMBIES, 1980), einer der großen Schmierkönige des italienischen Kinos haut hier mächtig auf den Putz. Das macht er nicht nur mit Gewalt, sondern auch mit Geschick und Einfallsreichtum. Für Bianchis Verhältnisse ist das Werk schon fast zu professionell, verglichen mit seinem späteren Werk. Wie dem auch sei, visuell, handwerklich und inhaltlich ist DIE RACHE DES PATEN absolut überzeugend. Die herrliche Besetzung sorgt für beste Italo-Unterhaltung. Sie besteht u.a. aus dem charismatischen Henry Silva als Tony Aniante, der wie immer nur einen Gesichtsausdruck zu haben scheint, der freilich nichts Gutes vermittelt. Barbara Bouchet verkörpert die laszive Schlampe Margie und Mario Landi, ja, genau der Mario Landi, dem wir so illustre Schundjuwelen wie GIALLO A VENEZIA (1979) und PATRICK LEBT (1980) zu verdanken haben, gibt sich als Don Turi Scannapieco die Ehre. Und dann gibt es eine ganze Wagenladung von hässlichen Schmierlappen, die überall im Film auftauchen und den Unterhaltungsfaktor hochhalten.

    Teilweise hat mich das Geschehen immer wieder an einen Italowestern erinnert, was natürlich auch am ländlichen Setting liegt. Auch an garstigen Ideen mangelt es in DIE RACHE DES PATEN nicht. Drogen, die in Kinderleichen aufbewahrt werden und Sex in einem ausgeweideten Schwein sind definitiv Highlights. Dazu liefert Bianchi einige blutige Gewaltausbrüche, die an spätere Fulci- oder D‘Amato-Exzesse erinnern. 

    DIE RACHE DES PATEN ist ein hammerharter Mafia-Thriller, der nicht nur handwerklich überzeugt, sondern auch in allen anderen Bereichen durchdringt. 

    (Bjoern Candidus)

  • Slave of the Cannibal God, 1978 – ★★

    Slave of the Cannibal God, 1978 – ★★

    DIE WEISSE GÖTTIN DER KANNIBALEN
    (LA MONTAGNA DEL DIO CANNIBALE, Italien, 1978, Regie: Sergio Martino)

    Susan Stevenson begibt sich nach Neuguinea, um ihren verschollenen Ehemann Henry zu finden. Auf ihrer Expedition in den Dschungel begleitet sie ihr Bruder Arthur, Professor Edward Foster und der Arzt Manolo. Doch die Gegend ist alles andere als sicher, denn nicht nur gefährliche Tiere, sondern auch ein Kannibalen-Stamm treibt in den Urwäldern seinen Unwesen.

    Sergio Martino reitet, wie es bereits der Titel vermuten lässt, mit DIE WEISSE GÖTTIN DER KANNIBALEN auf der damals erfolgreichen Kannibalenfilm-Welle, die durch Umberto Lenzis MONDO CANNIBALE (1972) ausgelöst wurde. Wie in den Vertretern davor und danach bewegt man sich auch hier im Rahmen eines Abenteuerfilms, was für mich auch den Reiz dieses Subgenres ausmacht. Große Abenteuer werden hier freilich nicht erlebt. Die unangetastete Natur in all ihren Facetten ist meistens der wahre Jakob dieser Produktionen. Wie auch sein folgender Film, FLUSS DER MÖRDERKROKODILE (1979), wurde auf Sri Lanka gedreht. Flüsse, Wälder und Felsen bestimmen das Bild und zeigen eindrücklich das Wirken von Mutter Natur. Doch Martino wartet nicht lange, um das wahre Grauen seiner Inszenierung auszupacken: Tiersnuff. In diesem Punkt gehört DIE WEISSE GÖTTIN DER KANNIBALEN zu den widerlichsten Vertretern. Die Details erspare ich uns an dieser Stelle gerne. Die fiktiven Gore-Szenen, wie eine Enthauptung, das Abtrennen eines Penis und das Ausweiden eines Menschen, wirken vergleichsweise harmlos. Leider kann Martino diese unschönen Umstände auch nicht durch seine Besetzung gutmachen. Der von mir geschätzte Stacy Keach wirkt als Professor Edward Foster genau so eklig und unsympathisch wie Claudio Cassinelli als Manolo und Antonio Marsina als Arthur Weisser. Ganz schlimm wird es mit Ursula Andress als Susan Stevenson. Der Titel DIE ÄTZENDE GÖTTIN DER KANNIBALEN wäre hier treffender gewesen. Klar, in einem gefährlichen Dschungel voller wilder Tiere und hungriger Kannibalen wird kaum Partystimmung aufkommen, dennoch wirkt hier jeder so, als wäre ihm eine verdammt große Laus über die Leber gelaufen. Aber vielleicht war auch einfach nur das Kokain scheiße. 

    Ansonsten liefert Martino die übliche rassistische Sicht des Weißen auf Naturvölker und zeigt obligatorische Rituale mit allem Pipapo, Kannibalen im Selbstbefriedigungsmodus, einen Kannibalen, der ein Wollschwein fickt und die oben erwähnten Grausamkeiten. Spannung lässt Martino aus, und der Score von Guido und Maurizio De Angeles läuft gefühlt in einer Dauerschleife, ohne groß zu variieren. 

    Im ohnehin zwiespältigen Kannibalenkino gehört DIE WEISSE GÖTTIN DER KANNIBALEN leider nicht zu den Sternstunden. Definitiv einer der schlechtesten Filme von Sergio Martino.

    (Bjoern Candidus)

  • The Killer Wore Gloves, 1974 – ★★½

    The Killer Wore Gloves, 1974 – ★★½

    DIE HEISSE NACHT DER KILLER
    (LA MUERTE ILAMA A LAS 10, Italien, Spanien, 1974, Regie: Juan Bosch)

    Die attraktive Peggy Foster arbeitet für eine Londoner Zeitung. Ihre aktuelle Laune hält sich in Grenzen, denn ihr Liebhaber Michael ist für ein paar Monate als Reporter nach Vietnam gegangen und hat sich seit dieser Zeit nicht mehr bei ihr gemeldet. Doch dann glaubt sie, Michael in einem Auto gesehen zu haben, was sie einer gemeinsamen Freundin erzählt, die ihr aber keinen Glauben schenkt. Dann kommt es zu einem tragischen Zwischenfall: Peggys neuer Untermieter ist von ihrem Balkon gestürzt, ob mit Absicht oder nicht, versucht die Polizei herauszufinden. Dann wird ihre beste Freundin Shirley ermordet aufgefunden.

    Guckt man genau hin, kann man auch im Giallo-Kino italienisch-spanischen Co-Produktion entdecken, wie z.B. DIE HEISSE NACHT DER KILLER. Inszeniert wurde der Film von dem Spanier Juan Bosch (DIE NACHT DES EXORZISTEN, 1975), der sich inszenatorisch offensichtlich an seinen italienischen Kollegen orientierte. Argento, Bava und Martino sind im Aufbau gewisser Szenen gut zu erkennen, doch Bosch fehlt das nötige Feuer, um qualitativ mithalten zu können. In der ersten halben Stunde funktioniert der Spannungsaufbau noch gut und bis zum Ende kommt es immer wieder zu kurzen atmosphärischen Momenten, in denen es auch kleine Gewaltspitzen gibt, die allerdings nicht die Rede wert sind. Inhaltlich bietet DIE HEISSE NACHT DER KILLER keine großen Überraschungen, was im Giallo aber auch keine Seltenheit ist. Der Weg zum Ende ist in der Regel spannender als das Finale. 

    Leider sieht die Produktion insgesamt wenig aufregend aus. In erster Linie hält man sich in langweiligen Räumen von Wohnungen oder Büros auf, in denen es zu vielen Gesprächen oder kleineren Erotik-Szenen kommt. Immerhin darf man sich anfänglich an ein paar schönen Impressionen von London City laben, das Peggy mit ihrem Mini-Cooper durchfährt. Peggy wird von der gebürtigen Ägypterin Gillian Hills verkörpert, der einzigen Person, die hier etwas Liebreiz mitbringt. Von italienischer Seite bekommt man Bruno Corazzari als John Kirk Lawford geliefert. Die Besetzung ist insgesamt nicht besonders anziehend geraten, aber die verschrobenen Klischeefiguren, die sich hier auftun, passen zumindest zum Gesamtbild. Recht gelungen ist der abwechslungsreiche Score von Marcello Giombini. 

    DIE HEISSE NACHT DER KILLER ist leider kein großer Wurf, dennoch ist es Bosch gelungen, seinen Giallo immer knapp über Wasser halten zu können. 

    (Bjoern Candidus)

  • Murder Mansion, 1972 – ★★★

    Murder Mansion, 1972 – ★★★

    DAS HAUS IM NEBEL
    (LA MANSIÓN DE LA NIEBLA, Italien, Spanien, 1972, Regie: Francisco Lara Polop)

    Für einige Reisende soll es die Nacht des Grauens werden. Als ein dichter Nebel aufzieht, verfahren sich Pärchen in einer abgelegenen Gegend von Frankreich und haben Begegnungen mit unheimlichen Gestalten, die sie schließlich in ein altes Herrenhaus treiben. Dort treffen sie auf die schöne Hausbesitzerin Martha Clinton, die ihnen Unterschlupf für die Nacht gewährt. Doch in damit begibt man sich in höchste Gefahr.

    Wie im Italowestern ist es auch im Giallo-Kino zu Co-Produktionen zwischen Italien und Spanien gekommen, wenn auch sehr viel seltner. DAS HAUS IM NEBEL von Regisseur Francisco Lara Polop ist eins der Beispiele, was zusätzlich noch das Ambiente eines Gothic-Horrorfilms mitbringt. Bereits das Kaminfeuer, das während der Einblendung der Credits lodert, stimmt einen direkt auf einen Horrorfilm ein. Was die unheimliche Atmosphäre angeht, hat Polop seine Hausaufgaben gemacht. Ein alter Friedhof, Nebelschwaden, die durch die Landschaft ziehen und ein marodes Herrenhaus in der Pampa sind Argumente für DAS HAUS IM NEBEL, hinter dessen Gothic-Horror-Kulisse eigentlich ein Giallo steckt. 

    Zwar kann Polop die Atmosphäre kontinuierlich halten, aber es kommt auch zu längeren Durststrecken, die mit vielen Dialogen durchzogen werden, die samt dem oft schwülstigen Score von Marcello Giombini für eine gewisse Ödnis sorgen. Auch die Darsteller sind leider wenig anziehend, ausgenommen Ida Galli und Eduardo Fajardo. 

    Neben ein paar billigen, aber charmanten Horror-Szenen und dem ein oder anderen blutigen Moment hat DAS HAUS IM NEBEL wenig Spitzen und funktioniert mehr in seiner Gesamtheit als Gothic-Horror-Giallo. Von seiner Ästhetik her erinnert Polops Inszenierung allerdings mehr an das spanische Kino um Paul Naschy als an das italienische eines Mario Bavas. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Psychic, 1977 – ★★★★

    The Psychic, 1977 – ★★★★

    DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN
    (SETTE NOTE IN NERO, Italien, 1977, Regie: Lucio Fulci)

    Bereits in ihrer Kindheit wurde Virginia von einer Vision heimgesucht, die sie den Selbstmord ihrer Mutter sehen ließ, der sich dann bewahrheitete. Viele Jahre später hat sie erneut eine Vision, in der eine Frau getötet und in einem Loch in der Wand eingemauert wird. Als sie das Landhaus ihres Mannes Francesco renovieren möchte, stößt sie auf eine frisch verputzte Wand, hinter der sich eine Frauenleiche befindet. Die Polizei steht vor einem Rätsel, glaubt aber den Täter in Francesco gefunden zu haben, der aber mit einem Alibi aufwartet. Von Virginias Visionen will die Polizei hingegen nichts wissen. Diese erhält dafür Hilfe vom Parapsychologen Dr. Luca Fattori, der das Rätsel um ihre Visionen versucht zu lüften.  

    Lucio Fulcis vierter Besuch in der Welt des Giallo ist ein durchaus gelungener Versuch, Thriller-Elemente mit dem Übersinnlichen zu kombinieren, ähnlich, wie es Marcello Andrei mit PSYCHO MANIACS (1974) gemacht hat. Die Story und das Drehbuch stammen aus der Feder von Fulci und Dardano Sacchetti, die sich wohl bei WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (1973) ihre Inspiration geholt haben. Aber auch Edgar Allan Poes Geschichte „Die schwarze Katze“ (1843) blitzt auf, der sich Fulci auch 1981 mit BLACK CAT annäherte. Doch DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN hat genug eigenen Charakter, um sich als Thriller zu behaupten. 

    Schon zu Beginn fällt das ländliche Setting ins Auge, was mal nicht Italien, sondern die Küste Englands zeigt. Später geht es, zumindest inhaltlich, nach Italien, wo Virginia das Landhaus ihres Mannes Francesco aufsucht. Virginia wird von Jennifer O‘Neill verkörpert, die ihre Rolle sehr überzeugend spielt und wie Ida Galli als Gloria phantastisch eingefangen wurde. Die männliche Seite wird durch Gianni Garko als Francesco, Marc Porel als Luca Fattori und Gabriele Ferzetti als Emilio vertreten. Die gesamte Besetzung ist außerordentlich stark und setzt die Qualität seines Giallos DON‘T TORTURE A DUCKLING (1972) fort. Kameramann Sergio Salvati konzentriert sich sehr auf die Gesichter der Figuren und liefert verspielte Kamerafahrten, um sich den Geheimnissen in DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN zu nähern. Der Sog in die mysteriöse Geschichte funktioniert nicht nur durch die Suche der Protagonisten und der Spuren, die sie finden, sondern besonders über den Score des Trios Fabio Frizzzi, Franco Bixio und Vince Tempera, der bis zum Ende eine gewichtige Rolle spielt. 

    Fulci baut die Spannung langsam auf, liefert sehr atmosphärische Szenen an vielen unterschiedlichen Schauplätzen, blickt in manchen Momenten schon in Richtung seiner (so genannten) Gates-of-Hell-Trilogie und schließt mit einem starken Finale ab, was vielleicht sein bestes ist. 

    DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN ist ein sehr spannender, hypnotischer, stark besetzter Giallo, der in Fulcis Filmografie weit vorn anzusiedeln ist. 

    (Bjoern Candidus)