Autor: marco-fritz

  • Mother’s Day, 1980 – ★★★★

    Mother’s Day, 1980 – ★★★★

    MUTTERTAG
    (MOTHER‘S DAY, USA, 1980, Regie: Charles Kaufman)

    Die Freundinnen Trina, Abbey und Jackie treffen sich wie jedes Jahr, um in den Wäldern ein Wochenende zu verbringen. Sie liegen in ihren Schlafsäcken, kiffen am Lagerfeuer, über dem sie Marshmellows rösten und freuen sich des Lebens. Doch die Freude hält nicht lange, denn zwei psychopathische Brüder schleichen durchs Geäst und nehmen die drei Frauen gefangen und schaffen sie in ihr Haus, wo sie mit ihrer Mutter leben. Eine Nacht aus Folter und Qual bricht an. Doch die beiden Brüder haben die Frauen unterschätzt.

    Charles Kaufman, der Bruder von Troma-Oberhaupt Lloyd Kaufman hat mit MUTTERTAG einen kleinen, sadistischen Rape-and-Revenge-Backwood-Horrorfilm geschaffen, der heute zu den Klassikern des 80er-Jahre-Horrorkinos gehört und im Rahmen des Troma-Katalogs ein ganz klares Highlight darstellt. 

    Wie Sean S. Cunningham mit FREITG DER 13. im selben Jahr, hat sich auch Kaufman für MUTTERTAG in den Wald begeben, um den Schrecken abseits der Zivilisation heraufzubeschwören. Was hier sehr gut funktioniert, ist die Sympathie, die man für die drei Grazien aufbauen kann. Während man im Slasher-Kino den meisten Figuren einen möglichst kreativen, grausamen Tod wünscht, leidet man hier mit den Damen mit und wünscht sich, sie würden ihre Peiniger selbst schnellstmöglich zur Strecke bringen. Sympathien für Trina, Abbey und Jackie aufzubauen ist also mindeste so einfach wie Antipathien gegenüber Ike, Addley und ihrer Mutter. Kaufman fährt wirklich ein paar derbe und sadistische Ideen auf, die ganz in der Tradition von LAST HOUSE IN THE LEFT (1972) und I SPIT ON YOUR GRAVE (1978) stehen. Doch MUTTERTAG kommt trotz seiner Grausamkeiten schräger, fast comicartig daher, was vor allem an Ike und Addley liegt, die nicht nur brutal und gemein, sondern dumm wie Brot sind und vor Dreck stehen. Sie schlagen, erniedrigen, vergewaltigen und fesseln die drei Damen an ihre Fitnessgeräte. Außerdem lernt man, dass die Zweckentfremdung von Schlafsäcken nicht erst seit FREITAG DER 13. VII (1987) Einzug ins Kino erhalten hat. Ihre schrullige Mutter kommt etwas wie Ruth Gordon daher, der man im Gehirn herumgerührt hat. Genauso widerlich wie die Figuren ist auch deren Behausung, in der sie leben. Dort möchte man genauso nicht vom Boden essen wie bei den Sawyers, wobei die insgesamt mehr Stil hatten. 

    Auch handwerklich kann sich MUTTERTAG sehen lassen. Er sieht grob aus, aber nicht schlampig. Die Atmosphäre, die vor allem durch den Naturschauplatz erzeugt wird, ist profitabel wie bei den meisten ähnlich gelagerten Filmen. Nicht besonders berauschend, dennoch gut zu hören ist der Score von Phil Gallo und Clem Vicari Jr., der ein bisschen nach italienischem Horrorfilm klingt.

    Auch wenn MUTTERTAG unter dem Strich nichts Neues bietet, ist Kaufman doch ein recht ruppiger Rape-and-Revenge-Film gelungen, der viel richtig macht und hierzulande durch deutsche „Jugendschützer“ immer schon einen besonderen Stellenwert unter Horrorfilm-Freunden hatte.

    (Bjoern Candidus)

  • Death Warmed Up, 1984 – ★★★½

    Death Warmed Up, 1984 – ★★★½

    ROBOT MANIAC
    (DEATH WARMED UP, Neuseeland, 1984, Regie: David Blyth)

    Dr. Howell ist von der Idee besessen, den Tod zu besiegen. Dafür experimentiert er seit Jahren mit Ratten. Als sich ein Erfolg abzeichnet, benutzt er für seine Versuche Menschen. Als er Michael, den Sohn seines Geldgebers, der seine Versuche nicht mehr billigen möchte, zu einem willenlosen Zombie macht, bringt der seine Eltern um, woraufhin er für einige Jahre in die Psychatrie kommt. Sieben Jahre später möchte er herausfinden, was damals passiert ist und reist mit seinen Freunden auf eine Insel, auf der Dr. Howell fleißig Menschen im Gehirn herumwühlt, um sie zu willenlosen Zombies zu machen.

    Der Neuseeländer David Blyth hat mit ROBOT MANIAC einen groben Mix aus Mad Scientist, Action-, Sci-Fi- und Horrorfilm gezimmert, der gut in einer Liste mit Filmen wie DEADBEAT AT DAWN (1988), THE DEAD NEXT DOOR (1989) oder M.A.R.K. 13 – HARDWARE (1990) passen würde. 

    Obwohl Blyth mit seiner Story und den überzeichneten Figuren kaum für Ernsthaftigkeit sorgt, schafft er doch eine äußerst beklemmende Atmosphäre aufzubauen, die er kontinuierlich bis zum Ende aufrechterhält. Die düsteren, dreckigen Sets wie Bunkeranlagen oder die Operationsräume werden immer wieder mit farbigem Licht durchzogen, was der Inszenierung einen eigenen Charakter verleiht. Wahnsinn und Brutalität steht an vorderster Fort von ROBOT MANIAC. Blyth liefert einige sehr blutige Einschüsse und serviert eine Gehirn-OP, die in der Liste von Gehirn-Ops in Filmen ganz weit oben angesiedelt werden muss. Und was dabei herumkommt, wenn man Leuten im Gehirn herumwühlt, bekommt man auch zu sehen. Die zombieartigen Wahnsinnigen, die hier aufgeführt werden, haben durchaus einen eigenen Charme mit dem sie auch im italienischen Endzeit-Kino jener Tage einen Platz gefunden hätten. 

    Die blutigen Effekte, die punkige Ausstattung, die beklemmenden Schauplätze, die leichten homosexuellen Nuancen, die Dr. Howell mitbringt, der gewalttätige Umgang unter den schrägen Figuren und die durchaus gelungene Fotografie sorgen für viel Abwechslung, die ROBOT MANIAC nie langweilig macht. Abstriche muss man bei den Darstellern machen, die aber durch alles andere gut kaschiert werden. 

    ROBOT MANIAC ist wahrlich kein Meisterstück, aber ein kurzweiliges, actionreiches Splatterfest. 

    (Bjoern Candidus)

  • L.I.E., 2001 – ★★★★

    L.I.E., 2001 – ★★★★

    L.I.E. – LONG ISLAND EXPRESSWAY
    (L.I.E., USA, 2001, Regie: Michael Cuesta)

    Nachdem Howies Mutter bei einem Autounfall auf dem Long Island Expressway ums Leben kam, ist er mehr oder weniger auf sich alleine gestellt, da sein Vater vor allem für seine Arbeit lebt und für seine neue Flamme. Der Einzige, der offensichtlich etwas mehr für ihn empfindet, ist der Stricher Gary, der mit Howie durchbrennen will. Als Gary Howie animiert, in einem Haus einzubrechen, um in einem Keller Waffen zu entwenden, um sie zu verkaufen, geraten sie in Schwierigkeiten, denn der Hauseigentümer, Big John, findet schnell heraus, wer ihn beklaut hat. Während Gary schließlich alleine durchbrennt, wendet sich Big John an Howie und verlangt seine Waffen zurück. Aber der Kriegsveteranen Big John hat ein Faible für kleine Jungen und schlägt Howie seinen Körper als Deal vor.

    Michael Cuestas Regie-Debüt L.I.E. – LONG ISLAND EXPRESSWAY ist ein ausgesprochen gelungenes Coming-of-Age-Drama um einen orientierungslosen Jugendlichen, der allerdings zu keiner Zeit als weinerlicher Depressivling gezeichnet wird. Der mittlerweile zum Hollywood-Star aufgestiegene Paul Dano (THE BATMAN, 2022) war damals 17 Jahre alt, als er in die Rolle des 15-jährigen Howie Blitzer schlüpfte. Dano liefert ein authentisches Bild eines Jugendlichen, der zwar nicht recht weiß, was er will, aber weiß, was er nicht will. Sein Kumpel Gary, der sein Geld durch Sex mit Männern verdient, wird von Billy Kay (HALLOWEEN: RESURRECTION, 2002) verkörpert, der sehr viel weniger Eindruck hinterlässt. Ganz wunderbar ist hingegen der Auftritt von Brian Cox (MANHUNTER, 1986), dessen Figur des Big John ziemlich grau gezeichnet wurde. Er dealt mit Waffen, scheint ein gutes Verhältnis zur Polizei zu hegen und lebt mit seinem sehr viel jüngeren Liebhaber in seinem Haus zusammen. Dass dieser Liebhaber einst auch ein Minderjähriger war, wird schnell klar, und es deutet sich eine Wiederholung an. Dafür, dass Big John pädophil ist, kann er nichts, aber seine perfide Art, seine Lust zu befriedigen, macht ihn natürlich zum Arschloch. Er bietet gerne seine Hilfe an, aber immer nur mit Gegenleistung. Der einzige Komplettversager der Geschichte ist Howies Vater (Bruce Altman), der am Ende sogar noch seine Freiheit verliert.

    Cuesta ist es gelungen, eine spannende und emotionale Geschichte zu erzählen, ohne in Gefühlsduselei oder Kitsch abzudriften. Das Gegenteil ist der Fall, denn die Inszenierung fühlt sich authentisch und lebensnah an und hat durchaus Spitzen zu bieten. 

    L.I.E. – LONG ISLAND EXPRESSWAY ist ein sehenswertes Jugend-Drama in queeren Bereichen, was sich einem Moralfinger verweigert und viel für den Zuschauer offen lässt, um sich selbst damit zu befassen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Dahmer, 2002 – ★★★★

    Dahmer, 2002 – ★★★★

    DAHMER
    (USA, 2002, Regie: David Jacobson)

    Der Fall um den Serienmörder Jeffrey Dahmer beschäftigt seit langer Zeit auch die Filmwelt, und zuletzt war es der wunderbare Evan Peters, der in die Rolle des von den Medien betitelten „The Milwaukee Cannibal“ schlüpfte.

    In DAHMER, der unter der Regie von David Jacobson entstanden ist, schlüpft Jeremy Renner in die Rolle des Serienmörders. Renner, der während der Dreharbeiten 21 Jahre alt war, hat hier einen sehr eindringlichen Jeffrey Dahmer abgegeben, den man in unterschiedlichen Zeitebenen beobachten darf. Zwischen seinen Taten in seiner Wohnung gibt es immer wieder Rückblenden in Jeffreys Jugend, in der es zu Problemen zwischen seinen Eltern (Mr. Dahmer wird von Bruce Davison verkörpert) und seiner Großmutter kommt und in der er sein erstes Opfer findet. Die Übergänge sind manchmal fließend, und man kann sich gut an den Jugendlichen Jeffrey mit Brille orientieren und an dem älteren Jeffrey, der auf diese verzichtet. Auf beiden Zeitlinien gelingt es Jacobson eine dichte Atmosphäre und Spannung zu erzeugen, in der Renner absolut aufzugehen scheint. Wer die Erwartung hat, hier ein Schlachtfest zu bekommen, in dem Jeffrey zahlreiche Männer tötet, dem sei versichert, dass es nicht so ist. Von den mindestens 16 Opfern konzentriert sich der Film auf zwei und auf einen Mann, der verdammt viel Glück hatte. Gedreht wurde teilweise an echten Originalschauplätzen in Milwaukee (und L.A.), allerdings wurden die Namen der Opfer geändert. 

    So richtig tiefe Einblicke in seine Jugend bekommt man nicht; alles wird sehr wage gehalten, was durchaus okay ist, denn um Dahmers Psyche zu ergründen, braucht man wohl mehr als 101 Minute. In den Rückblicken erlebt man einen recht aufgeweckten jungen, homosexuellen Mann, der von einer finsteren Seite angezogen und endgültig von ihr gepackt wird, als er seinen ersten Mord mit 18 Jahren begeht.

    Der neuzeitliche Handlungsstrang konzentriert sich vor allem auf einen Asiaten, dem Jeffrey in den Kopf bohrt, um ihn zu einem willenlosen Sex-Sklaven zu machen. In erster Linie verbringt die Inszenierung aber viel Zeit mit Rodney, den Dahmer zu sich einlädt, um ihn zu töten. Doch es läuft nicht, wie es laufen soll. Hier kommt es zu spannenden Momenten zwischen Jeffrey und Rodney (Artel Kayàru), denn der fühlt sich sexuell von Jeffrey angezogen. 

    DAHMER ist größtenteils sehr schleichend inszeniert, erhöht immer an den richtigen Stellen das Tempo, um dann wieder in seine bedrückende Atmosphäre zurückzufallen. Die Fotografie ist durchaus ordentlich, die Sets sind gut ausgeleuchtet und der Score stimmt. Mit gerade mal 250.000 Dollar hat man es mit einem günstigen, aber sehr wertigen Serienmörder-Biopic zu tun, dem ein bisschen mehr Inhalt nicht geschadet hätte.

    (Björn Candidus)

  • Moonage Daydream, 2022 – ★★★★★

    Moonage Daydream, 2022 – ★★★★★

    MOONAGE DAYDREAM
    (Deutschland, USA, 2022, Regie: Brett Morgen)

    Zwei Filme haben meine Kindheit sehr stark geprägt: DIE UNENDLICHE GESCHICHTE (1984) und DIE REISE INS LABYRINTH (1986), die sich beide VHS-Kassette Nr. 6 teilten. DIE REISE INS LABYRINTH muss ich sogar im Dezember 1986, bzw. Januar 1987 mit meinen Eltern im Kino gesehen haben. All die Monster und bizarren Orte haben mich fasziniert, und in mitten all den Kreationen aus dem Hause Jim Henson stach ein Darsteller hervor, der bis bis heute einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen hat: David Bowie. 

    Der Weg durch den Film zu seiner Musik hätte nicht einfacher laufen können, und so wurde der Mann für mich gleich doppelt interessant. Mit 11 oder 12 sah ich dann BEGIERDE (1983) im Fernsehen, ein Horrorfilm mit David Bowie mit vampirischer Thematik. Wow! 1995, als ich 14 war, kam Bowie mit seinem finsteren Album „Outside“ zurück. Genau das richtige Album, um einen pubertären, pessimistisch geprägten Bjoern zu faszinieren und David Bowie vollends zum persönlichen Held zu ernennen. Ich könnte hier noch ganz viel schreiben, aber ich kürze ab, denn eigentlich soll es ja um MOONAGE DAYDREAM gehen. 

    Einer der traurigsten Tage, die ich bisher erlebt habe, war der 10.01.2016. Zwei Tage nach seinem Geburtstag verstarb David Bowie, der sich kurz davor mit seinem letzten Album „Blackstar“ zurückgemeldet hat, um dann für immer aus dem irdischen Leben zu treten. 

    Mit der Sichtung von MOONAGE DAYDREAM von Brett Morgen habe ich mir lange Zeit gelassen, da ich Angst hatte, emotional zu sehr berührt zu werden. Nicht, dass man sich vor Emotionen verstecken sollte, aber manchmal sind sie einfach unpassend. Doch der richtige Zeitpunkt war gekommen und MOONAGE DAYDREAM landete im Player und hat mich über zwei Stunden weggeblasen, weggeblasen in die facettenreiche Welt von David Bowie in allen Tönen, Farben und Formen, durch alle Jahrzehnte. Station to Station. 

    Man sieht ihn bei Live-Konzerten, auf seinen Ausflügen in Asien während der Serious Moonlight Tour und bei sämtlichen Interviews, in denen er seine persönliche Ansichten, Einstellungen und Lebensweisheiten preisgibt, ohne sich, bzw. ihn zu entmystifizieren, schließlich ist der Film nach Davids Tod entstanden. Und so lernt man David durch seine eigene Worte kennen, wie er von einem bizarren Rockstar, der sich in sämtliche Rollen begeben hat und kurz davor war, sich mit Drogen hinzurichten, zu einem aufgeräumten, gewitzten Musiker wurde, der das Jetzt liebte und lieber nach vorn statt zurück blickte. Statt schwülstig oder übertrieben theatralisch zu sein ist MOONAGE DAYDREAM ein wunderbarer Blick auf David Bowie und den Dingen, die ihn ausmachten und weiter ausmachen. 

    Zwischen den zahlreichen Momentaufnahmen und den optischen Veränderungen Bowies werden auch immer wieder Popkulturelle-Artefakte gestreut, die ihn faszinierten. NOSFERATU, METROPOLIS, DER ANDALUSISCHE HUND… Menschen, die ihn inspirierten, wie William S. Burroughs, Friedrich Nietzsche, Karl Marx und Aleister Crowley blitzen auf. 

    MOONAGE DAYDREAM ist eine faszinierende Künstler-Collage auf ganz hohem visuellen Niveau und für einen Bowie-Fan unverzichtbar. Danach war ich sehr aufgebaut und traurig zugleich. Ganz viel Liebe für MOONAGE DAYDREAM! 

    (Bjoern Candidus)

  • Traumstadt Gazette Ausgabe 85

    Traumstadt Gazette Ausgabe 85

    GAZETTE 85

    David Bowie, Superman und noch mehr Endzeit bringen Euch Bjoern Candidus und Marco Fritz in der 85. TRAUMSTADT GAZETTE.

    -NO BLADE OF GRASS (1970)

    -PSYCHO MANIACS (1974)

    -L.I.E. – LONG ISLAND EXPRESSWAY (2001)

    -EXILED (2006)

    -MOONAGE DAYDREAM (2022)

    -SUPERMAN (2025)

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

    Facebook: https://www.facebook.com/AntenneTraumstadt

    Spenden für den Podcast: https://www.paypal.com/paypalme/AntenneTraumstadt

    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • The Dead 2: India, 2013 – ★★

    The Dead 2: India, 2013 – ★★

    THE DEAD 2
    (THE DEAD 2: INDIA, GB, 2013, Howard J. Ford, Jonathan Ford)

    Die Zombie-Seuche, die sich über Afrika ausgebreitet hat, findet mittels eines Frachtschiffs den Weg nach Indien. Dort ist der amerikanische Ingenieur Nicholas Burton beschäftigt, der plötzlich einen Notruf von seiner schwangeren Freundin Ishani Sharma aus der Stadt Mumbai empfängt. Trotz dem Widerwillen des Vaters von Ishani macht sich Nicholas auf, um seine Freundin aus einer Stadt voller Zombies zu retten. 

    Wie schon beim Vorgänger haben die Frod Brüder auch hier wieder ein untypisches Land für einen Zombiefilm gewählt. Ging die Reise im 1. Teil nach Afrika, führt sie jetzt nach Indien. Die Stärken des Vorgängers, werden im Grunde wiederholt. Indien ist ein sehr frischer Schauplatz, und die Kultur die angeschnitten wird, ist eine Seltenheit im Horror-Genre. Die hitzigen Aufnahmen von Steppen, Feldern, Wüsten und Felsen sind gut eingefangen, dennoch erschien mir im Vorgänger alles etwas natürlicher. Die Zombies sind weiterhin klassisch gehalten, langsam und erinnern optisch an Romero, aber auch an diverse Italo-Zombies. Die Gore-Effekte verzichten weitestgehend auf den Einsatz von CGI, dennoch könnte der ein oder andere Spritzer Blut am Rechner entstanden sein. 

    THE DEAD 2 legt deutlich mehr an Tempo zu. Die Kamera wackelt in den Action-Szenen zu sehr. Außerdem tauchen hier von Anfang an deutlich mehr Menschen und Zombies auf, was den Film zwar auflockert, aber auch hektisch macht. Das Hauptproblem von THE DEAD 2 ist nicht das kopieren der Stärken des Vorgängers, sondern das Versagen der Figuren, bzw. der Geschichte. Konnten Rob Freeman und Prince David Oseiq in THE DEAD noch eine gewisse Sympathie aufbringen, bleibt Joseph Millson als Nicholas Burton langweilig und ausdruckslos, obwohl er insgesamt mehr Aktion liefert. Mitreißen konnte mich leider hier gar keine Figur.

    THE DEAD 2 ist deutlich actionbetonter als sein Vorgänger, doch besser wird er dadurch leider nicht. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Dead, 2010 – ★★★½

    The Dead, 2010 – ★★★½

    THE DEAD
    (GB, 2010, Regie: Howard J. Ford, Jonathan Ford)

    Nachdem ein Rettungsflugzeug des US-Militärs abstürzt, muss sich der überlebende Ingenieur Lt. Brian Murphy durch ein zombieverseuchtes Westafrika kämpfen, um einen im Norden gelegenen Stützpunkt zu erreichen. Murphy trifft auf den Afrikaner Sgt. Daniel Dembele, der ihn schließlich begleitet und gemeinsam mit ihm gegen Wasserknappheit und Zombies kämpft.

    Die beider Brüder Howard J. und Jonathan Ford haben sich mit THE DEAD mitten in der Welle des Neuen Zombiekino des 21. Jahrhunderts dazu entschlossen, es wieder langsamer anzugehen. Die vielen sehr agilen Zombies, die zwar insgesamt mehr Gefahren bergen, weichen hier wieder den langsamen und verbreiten damit den nötigen Old-School-Zombie-Charme der 60er-90er-Jahre. Das Zombie-Design ist wie eine Mischung aus George A. Romeros Untoten und denen aus dem italienischen Kino, allerdings ohne die Matschköpfe zu berücksichtigen. Die Zombies, die hier durch die Gegend wandeln, sind ausschließlich frische wiederauferstandenen Tote. Die anfänglichen Szenen, in denen Lt. Murphy an den Strand gespült wird, erwecken sogar Erinnerungen an IN DER GEWALT DER ZOMBIES (1980) von D‘Amato, während ich später an Francos OASE DER ZOMBIES (1983) denken musste. 

    Die Story von THE DEAD hat nicht viel zu bieten, dafür machen Rob Freeman als Murphy und Prince David Oseiq als Sgt. Dambele einen guten Eindruck, und für eine gewisse Zeit wird THE DEAD zu einer Art wortkargen Buddy-Movie ohne einen Funken Humor. Murphy und Dambele, zwei Männer unterschiedlicher Kultur, die gemeinsamen in der afrikanischen Steppe um ihr Überleben kämpfen, reichen als Hauptakteure durchaus aus. In der Mitte kommt es zwar zu ein paar Hängern, obwohl mehr möglich gewesen wäre, aber insgesamt sorgen die Fords dafür, dass man zwischendurch immer wieder mit Zombie-Action versorgt wird. Es kommt zwar zu durchaus ruppigen und grausamen Momenten, die manchmal rasant inszeniert wurden, aber selten ist THE DEAD hektisch. Lobenswert sind auch die Gore-Effekte, bei denen man auf CGI-Verzichtet hat, zumindest ist es mir nicht aufgefallen.

    Am meisten konnte mich aber der Schauplatz begeistern. Gedreht wurde in Burkina Faso und Ghana, was eine absolute Seltenheit im Horror-Genre ist. Weitläufige Steppen, Wüste, schöne Felslandschaften, Lehmhütten und die ständigen Geräusche der Zikaden sind der Zauber von THE DEAD, der diesen Zombiefilm von den vielen anderen absetzt. Sonne und Trockenheit zeichnen sich überall ab und vermitteln ein Gefühl der totalen Ödnis am Ende der Welt, wo ich den ein oder anderen langweiligen Moment durchaus verzeihen kann, nein, fast erwarte. 

    Wer auf klassische Zombiefilme steht und ein unverbrauchtes Setting erleben möchte, dem sei THE DEAD empfohlen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Cruising, 1980 – ★★★★★

    Cruising, 1980 – ★★★★★

    CRUISING
    (Deutschland, USA, 1980, Regie: William Friedkin)

    In der New Yorker Schwulen-Szene treibt ein Serienmörder sein Unwesen, der seine Opfer in der SM-Lederszene findet. Die Polizei sucht nach Anhaltspunkten und schickt ihren Mitarbeiter Steve Burns auf einen Undercover-Einsatz, in dem er die Identität eines Homosexuellen annimmt, der schnellen Sex in der Szene sucht. Immer wieder geraten Typen in sein Visier, und er muss schmerzlich mit ansehen, wie die New Yorker Polizei Homosexuelle behandelt. Burns gerät immer mehr in eine Krise, die für ihn brandgefährlich wird.

    Der große William Friedkin hat mit CRUISING Gerald Walkers gleichnamigen Roman adaptiert, der einen in die anonymisierte Welt der homosexuellen Leder-SM-Szene entführt, die vor allem für ein heterosexuelles Publikum interessant sein könnte, schließlich begibt sich dieses kaum freiwillig auf solches Terrain. Irgendwie ist es fast niedlich, wie Friedkin dem Zuschauer den Hanky Code beibringt. 

    Friedkin ist der Einblick in eine Männerwelt gelungen, die sich vor allem maskulin, in Jeans und Leder gekleidet präsentiert und so ein anderes Bild zeichnet als das oft schrille und bunte, was viele Nicht-Homos bis heute immer noch haben. Andererseits werden Klischeebilder auch von homosexueller Seite nur allzu gerne aufrechterhalten. Wie dem auch sei, Friedkin hat hier ein paar eindringliche Momente geschaffen, die Männer in Ekstase zeigen, wie sie sich streicheln, küssen, schaukeln, Drogen nehmen, sich komplett fallen lassen und oft blind vertrauen. Dieses blinde Vertrauen sollte man besser nicht haben, was die Opfer des Killers, kurz bevor sie ins Jenseits schreiten, feststellen müssen. 

    Friedkin zeichnet ein beeindruckend düsteres Bild von New York City, was wie ein finsterer Moloch daherkommt, der dich jederzeit schlucken kann, egal wo. So sind es hier auch Cops, die zur Gefahr von Strichern werden. Joe Spinell (MANIAC, 1980) spielt als Streifenpolizist DiSimone einen von denen, die sich durch Machtmissbrauch Oralsex erzwingen. Die Polizei, dein Freund und Schänder trifft hier zumindest teilweise zu, aber man ist auch zum Beginn der 1980er-Jahre. 

    Die Wahl, Al Pacino als Steve Burns zu besetzen, hätte kaum besser sein können, und es ist faszinierend wie viele ähnliche Typen in CRUISING auftauchen, um eine Anonymisierung aufzubauen und den Zuschauer zu verwirren. Pacino ist natürlich das Paradebeispiel für einen maskulinen Mann der 80er-Jahre, doch in ihm als Steve Burns ist eine unglaublich sanfte Ader, die es ihm ermöglicht, an seinen Job zu zweifeln. Ähnliches spürt man bei seinem Vorgesetzten Capt. Edelson, der glänzend von Paul Sorvino verkörpert wird. 

    Friedkin vertieft sich dennoch nicht allzu sehr auf die Figuren, sondern konzentriert sich mehr auf den Spannungsaufbau der drohenden Gefahr, in der sie sich bewegen. Hier sei nicht nur das Visuelle gelobt, wenn die Lederkerle durch die Gassen und Parks schleichen, sondern auch die Soundebene, die einem das Knirschen von Leder und das Klirren von Metall eindrucksvoll vor Ohren führt. Der Score von Jack Nitzsche, der manchmal etwas nach John Carpenter klingt, spielt sich leise im Hintergrund ab, dafür bekommen die Songs mehr Aufmerksamkeit. „Heat of the Moment“ von Willy DeVille und „Spy Boy“ von John Hiatt passen perfekt. 

    Friedkin hat mit CRUISING einen geschickten, packenden Serienmörder-Thriller abgeliefert, der sich auf einem brisanten wie interessanten Spielfeld bewegt, aus dem er nicht einmal heraustritt. Wunderbar. 

    (Bjoern Candidus)

  • Nevrland, 2019 – ★★★

    Nevrland, 2019 – ★★★

    NEVRLAND
    (Österreich, 2019, Regie: Gregor Schmidinger)

    Der 17-jährige Jakob lebt mit seinem Vater und seinem altersschwachen Opa in einer Wiener Wohnung. Sein Abi hat er in der Tasche und um die Zeit bis zu seinem Kosmologie-Studium zu überbrücken, arbeitet er im Schlachthaus. Jakob fühlt sich zu Männern hingezogen und verbringt die Nächte in Gay-Chats. Dort lerne er eines Tages den Kunststudenten Kristjan kennen. Doch Jakob steckt voller Ängste, die immer mehr sein Leben bestimmen.

    Ganze sieben Jahre benötigte Gregor Schmidinger, um sein Jugend-Psycho-Drama NEVRLAND auf die Beine zu stellen. Ein langjähriges Unterfangen, was in den USA, wo er studierte, mit dem Einreichen seines Drehbuchs begann und letztlich als österreichische Produktion auf die Beine gestellt wurde. Dabei ist wahrlich keine leichte Kost entstanden, die es dem Zuschauer nicht besonders leicht macht, Fuß zu fassen. Schmidinger sorgt dafür, dass man ähnlich vor den Kopf gestoßen wird, wie Jakob selbst. 

    Anfänglich glaubt man sich noch in einem Familiendrama zu befinden, in dem es zu der (im Kino) relativ seltenen Situation kommt, dass ein Vater und ein Opa gemeinsam mit einem Jungen in einer Wohnung leben. Jakob darf sich also nicht nur um seine berufliche Karriere kümmern, sondern auch noch um Opa, der immer mehr den Verstand verliert. Dass es dem Jungen immer schlechter geht, wird von seinem Vater erst wahrgenommen, als Jakob auf der Arbeit zusammenbricht. Von seinen homosexuellen Neigungen weiß Papa natürlich auch nichts. Diese lebt Jakob nachts im Internet aus, was ganz nett inszeniert wurde. Auf Cock Tube werden nach Zufallsprinzip Boys für Boys ausgewählt, die sich dann per Webcam sehen können. Vor pornographischem Material muss man hier keine Angst haben, dafür bekommt man ein paar ästhetische Körper zu sehen, aber auch ein paar richtige Horror-Szenen, die man erst mal gar nicht erwarten würde. In teils surrealen, experimentellen Bildern, getränkt in flackerndem Licht, wird Jakobs Psychose immer mehr zu einem Horrortrip, der im letzten Drittel komplett ausufert und auch für den Zuschauer anstrengend werden kann. Epileptiker sollten Abstand nehmen, wie es auch zu Beginn eine Texttafel empfiehlt. Die Videoclip-Ästhetik ist wirklich nicht neu, wurden aber dennoch ordentlich von Jo Molitoris fotografiert. 

    Lobenswert ist auf jeden Fall Simon Frühwirths Darstellung als Jakob. Der Jungdarsteller, der hier in seiner ersten Rolle zu sehen ist, ist stets präsent und zeigt, was er kann, auch wenn sich sein depressiver Gesichtsausdruck nicht einmal zu verändern scheint. Paul Forman bleibt als Kristjan hingegen sehr ausdruckslos.  

    NEVRLAND ist ein durchaus ansprechend inszeniertes Drama, was allerdings ein bisschen zu effekthascherisch ist, statt mehr zu erzählen und tiefer in den Kern der Seele vorzudringen.

    (Bjoern Candidus)