Autor: marco-fritz

  • A Ghost Story, 2017 – ★★★★

    A Ghost Story, 2017 – ★★★★

    A GHOST STORY
    (USA, 2017, Regie: David Lowery)

    C und M sind verheiratet und leben in einem kleinen Haus. Als Ms Ehemann C bei einem Autounfall stirbt, kehrt dieser als Geist, verhüllt mit einem Bettlaken, zurück. Er steht nur da und beobachtet seine trauernde Frau. Als diese aus dem Haus auszieht, bleibt C zurück, denn er ist an dem Ort gebunden. 

    Mission erfüllt: Regisseur David Lowery hat mit seinem Geister-Drama A GHOST STORY mein Herz berührt. Im 4:3 Bildformat mit abgerundeten Ecken rückt die Szenerie ganz dicht an den Zuschauer, was eine tolle Wirkung hat. Der Film schmückt sich mit herbstlichen Farben und wartet mit dezenten Lichtspielereien auf, die in Kombination mit dem Score von Daniel Hart eine bittersüße Melancholie versprühen. Der ganze Film ist sehr still gehalten; die wenigen Dialoge sind gut verteilt über die 90 Minuten Spielzeit. Sicher werden sich viele Zuschauer gelangweilt abwenden, aber ich habe die Stille genossen. Entschleunigung ist der wahre Jakob. Aber was wäre all das ohne gute Darsteller? Ein nur halb so guter Film. Auch wenn noch andere Darsteller im Film zu sehen sind, liegt der Fokus auf Casey Affleck als C und Rooney Mara auf M. Besonders Mara spielt ihre Rolle sehr gut. Zu Affleck lässt sich gar nicht viel sagen, da er ja die meiste Zeit schweigend unter einem Bettlaken steht. Die klassische Darstellung des Geistes unter einem Bettlaken finde ich ganz bezaubernd gewählt, auch wenn ich manchmal an Michael Myers denken musste. 

    A GHOST STORY handelt über Liebe, Schmerz, Vergänglichkeit, Einsamkeit und Trauer. Ein Film der sich fast allem verweigert, was man sonst aus diesem Bereich kennt. Einer der unkonventionellsten Geisterfilme, die ich gesehen habe. Ganz, ganz rührendes Kino ohne Kitsch und gängiger Hässlichkeit. 

    (Bjoern Candidus)

  • Evil Dead Trap 2: Hideki, 1992 – ★★★★

    Evil Dead Trap 2: Hideki, 1992 – ★★★★

    HIDEKI: THE KILLER
    (SHIRYÔ NO WANA 2: HIDEKI, Japan, 1991, Regie: Izô Hashimoto)

    Ein Serienkiller bringt junge Frauen um und verstümmelt sie auf grausame Weise. Die erfolgsorientierte TV-Reporterin Emi berichtet mit großem Interesse über die Fälle. Ihre beste Freundin Aki, eine Filmvorführerin in einen Kino, ist das genau Gegenteil von Emi, denn sie ist mollig, Single und wird von ihrer Umwelt als uninteressant gesehen. Plötzlich sieht Aki auf den TV-Beiträgen einen kleinen Jungen, der sie anstarrt, was sie zu einer Sekte führt, die von einer Hellseherin geleitet wird, die genau weiß, wer Aki ist. Parallel dazu bittet Emi ihren Liebhaber, Kurahashi, mit Aki ins Bett zu gehen, damit die endlich ein Erfolgserlebnis hat. Ein fataler Fehler. 

    Auch wenn der Originaltitel SHIRYÔ NO WANA 2, bzw. EVIL DEAD TRAP 2 eine Fortsetzung zu Toshiharu Ikedkas Horror-Slasher von 1988 verspricht, hat Izô Hashimotos HIDEKI: THE KILLER mit diesem nichts groß zu tun. Eine Sache eint sie aber auf jeden Fall: sehr harte Gore-Szenen und ein Händchen für das Visuelle. Gerade das Visuelle ist eine große Stärke von Hashimotos Serienmörder-Psycho-Horror-Thriller, der sich ein wenig der damaligen Musik-Videoclip-Ästhetik bedient. Aus vielen unterschiedlichen Perspektiven und Blickwinkeln wird man in eine japanische Großstadt entführt, deren Nächte mit Neonreklameschildern geflutet werden. Hier tummelt sich Aki mit ihrer schönen Freundin Emi herum, die viele andere Freunde hat mit der sie ihre Freizeit verlebt. In atmosphärischen, sehr stilistischen Bildern werden Partys gefeiert oder man wird geradewegs in einen Alptraum aus Blut und Gedärme gestoßen, was sich ab der zweiten Hälfte intensiviert, bis man schließlich im Finale im roten Lebenssaft versinkt. Hashimoto liefert ein paar sehr harte Momente, besonders jene, die als Reportage dargestellt werden. 1991 sollte man nicht nur minutenlang eine aufgedunsene Wasserleiche einer Frau in DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER studieren können, sondern auch eine am Ufer liegende Leiche, deren Eierstöcke herausgerissen wurden. 

    Nach einer langen Einführung der Figuren, die durchweg mit guten Darstellern besetzt wurden, dringt man immer tiefer vor in eine finstere, verschachtelte Geschichte, die für reichlich Verwirrung sorgt und viel Raum für Interpretationen bietet. HIDEKI: THE KILLER ist wahrlich nicht nur ein Serienmörder-Thriller, sondern auch ein Film über eine verletzte Seele, über Einsamkeit und dem krankhaften Verlangen nach Erfolg. Zusätzlich streut Hashimoto auch ein paar übersinnliche Elemente mit rein, die sich aber nicht eindeutig klären, aber seinen Film auch als Horrorfilm lesen lassen können. Schönheit und Grausamkeit gehören zusammen und werden in HIDEKI: THE KILLER in berauschenden Bildern geliefert, die von einem sehr coolen, minimalistischen Score von Masaya Abe untermalten werden. 

    Surreal, brutal, emotional… HIDEKI: THE KILLER ist ein stylischer Schlag in die Magengrube aus Fernost. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Trip, 1967 – ★★★★

    The Trip, 1967 – ★★★★

    THE TRIP
    (USA, 1967, Regie: Roger Corman)

    Paul Groves steckt in einer Lebenskrise. Seine Frau hat die Scheidung eingereicht und sein Job als Regisseur für Werbeclips ödet ihn zunehmend mehr an. Sein bester Freund, John, schlägt ihm einen LSD-Trip vor, um neue Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln. Paul ist begeistert von der Idee und begibt sich vertrauensvoll in die Hände von John, der seinen Trip überwacht.  

    Roger Cormen war stets für Überraschungen gut, hangelte sich als Regisseur oder Produzent von Film zu Film und von Genre zu Genre. Mit THE TRIP, der auf einem Drehbuch von Jack Nicholson basiert, machte er Halt beim Drogenfilm. Es geht um LSD, was damals sehr angesagt war. Und so startet der Film auch mit einer Warnung über die Droge, was im weiteren Verlauf weniger der Fall ist. Die Gefahr wird thematisiert und durch John als Aufpasser von Paul ernstgenommen. Der moralische Zeigefinger wird aber glücklicherweise nicht erhoben. Paul wird von Peter Fonda dargestellt, dem man die Faszination seines Trips durchaus abkauft. Wunderbar ins Bild passt auch Bruce Dern als drogenerfahrener John, der kluge Ratschläge gibt. Und von wem stammt das Lysergsäurediethylamid? Natürlich von Dennis Hopper, der hier kurz als Hippie-Drogen-Guru Max zu sehen ist. Die weibliche Seite wird von Susan Strasberg als Pauls Ehefrau Sally und Salli Sachs als Glenn vertreten. 

    Corman schickt Fonda auf einen schrägen Trip, der einem die psychedelischen Seiten der 60er-Jahre wunderbar vor Augen führt. Buntbemalte Wände, verlaufende Farben und Formen projiziert auf tanzende Hippies, Fantasywelt mit finsteren Reitern, ein kurzer Abstecher ins Haus der Ushers und ein Besuch in einem Waschsalon halten THE TRIP in Bewegung. Einige Halluzinationen erlebt man nur durch die Beschreibung von Paul, andere werden einem förmlich in die Augen gehämmert. Epileptiker sollten um diesen Film einen weiten Bogen machen. Passend untermalt wird der bunte Trip vom Psychdelic-Jazz-Rock der Band The Electric Flag. 

    THE TRIP ist ein phantasievoller Drogenfilm über den Ausbruch aus dem Alltag, die Suche nach einer Erleuchtung und dem Sinn hinter den Dingen, die Paul beschäftigen. Ein Film seiner Zeit, durch und durch. 

    (Bjoern Candidus)

  • Night Visitors, 1987 – ★★½

    Night Visitors, 1987 – ★★½

    FRÖHLICHE WEIHNACHT 2
    (NIGHT VISITORS, USA, 1987, Regie: Robert Fulk)

    Eine als Weihnachtssänger (und Sängerin) getarnte Gang verschafft sich an Heiligabend, Dank der Gutmütigkeit eines Familienvaters, Zutritt zum Haus der Whitmores. Da das Auto angeblich nicht mehr anspringt, bietet Mr. Whitmore an, drinnen auf den Abschleppdienst zu warten. Doch die Herrschaften vergessen schnell ihre guten Manieren und tyrannisieren die Whitmores. 

    Der hier als FRÖHLICHE WEIHNACHT 2 vermarktete Film, der unter der Regie von Robert Fulk entstanden ist, hat mitnichten etwas mit der britischen Produktion DON‘T OPEN ‚TIL CHRISTMAS (1984) zu tun, der hier wiederum als FRÖHLICHE WEIHNACHT veröffentlich wurde.

    Dieser höchst schrullige Vertreter des Home Invasion-Films ist eine groteske Mischung aus Thriller und Komödie, die aufgrund ihrer zahlreichen Figuren und dem Setting völlig den Boden unter den Füßen verliert. Mit wirklichen Gags ist hier nicht zu rechnen; flapsige Charaktere, die allesamt einen an der Murmel haben, was auch auf die Familie Whitmore zutrifft, füllen den humorigen Part allein durch ihre Anwesenheit aus. Auch wenn die Rüpelgang nichts Gutes im Schilde führt, ist der Film sehr handzahm und beschränkt seine Gewalt auf Schubsen, kleine Raufereien und verbale Gemeinheiten. 

    Ich weiß nicht, wen FRÖHLICHE WEIHNACHT 2 ansprechen soll, aber eines ist sicher: Spannung, Action und ausufernde Gewalt ist hier nicht zu finden. Die Hoffnung auf ein LAST HOUSE ON THE LEFT (1972) unter dem Weihnachtsbaum darf also sofort begraben werden. Am ehesten erinnert mich dieses Kammerspiel an eine Sitcom, in deren Weihnachtsfolge ein paar Dinge schief laufen. Auf sonderbare Art unterhaltsam. 

    (Bjoern Candidus)

  • Caligula, 1979 – ★★★★½

    Caligula, 1979 – ★★★★½

    CALIGULA / CALIGULA: THE ULTIMATE CUT
    (Italien, USA, 1979 / 2023, Regie: Tinto Brass)

    Caligula wird von seinem Großonkel, Kaiser Tiberius, nach Capri gerufen. Tiberius ist von Krankheit gezeichnet und wird bald sterben. Doch die Auswahl seiner Nachfolger ist problematisch. Es passiert, was Caligula bereits befürchtet hat: Tiberius will ihn vergiften, denn der möchte den jungen Gemellus zum Nachfolger, den er offensichtlich auch sexuell begehrt. Doch Caligula ist schlau, kann das vergifte Getränk weiterreichen und lässt schließlich Tiberius durch die Hände seines Leibwächters Macro töten, um zum Imperator aufzusteigen, der jedem unweigerlich seine neue Macht demonstriert. Doch es kommt, wie es oft kommt: nach dem Aufstieg kommt der Fall.

    Die Hoffnung, mit CALIGULA einen historisch korrekten Film über das Leben von Gaius Caesar Augustus Germanicus, kurz: Caligula, geliefert zu bekommen, darf wohl begraben werden. Zwar zeigt Tinto Brass und Drehbuchautor Gore Vidal den Aufstieg und Fall Caligulas, doch der Film ist weniger ein Biopic, sondern ein wilder Bilderrausch mit bizarren Figuren, der in punkto Design und Ausstattung höchst beachtlich ist. Wie ein übergroßes Theaterstück wirken die Kulissen des Palastes auf der Insel Capri des anfänglich noch lebenden Kaisers Tiberius, der auf höchst widerliche Art von Peter O‘Toole dargestellt wird. Blass, ausgemergelt und mit Syphilis-Flecken im Gesicht wirkt er wie ein Zombie, der bereit ist für seinen Nachfolger. 

    Riesige Bäder, Statuen, eine pompöse Arena mit einer bizarren Enthauptungsmaschine, prunkvolle Säle voller Dekadenz, wohin das Auge blickt, werden einem hier geboten. Passend zu den zahlreichen sexuellen Praktiken, die man geliefert bekommt, durchzieht die Inszenierung ein rötliches Licht, was direkt aus der Hölle zu kommen scheint. Die ganze Inszenierung wirkt irreal, als wäre man in einer Parallelwelt des Jahres 37 n. Chr. Wie eine Viper (so nennt ihn Tiberius auch) schlängelt sich Malcolm McDowell als Caligula durch seinen Palast als neuer Kaiser des Römischen Reiches. Alles scheint vergiftet und gebunden an den Launen Caligulas. Er lässt töten, tötet selbst, fistet ein Brautpaar und sorgt dafür, dass ihn alle hassen und ihm trotzdem den Arsch nachtragen. Malcolm McDowell geht absolut auf in seiner Rolle und es ist faszinierend, ihn dabei zu beobachten. Das gilt im Grunde für jeden hier, denn gleich, unter welchen problematischen Bedingung die Produktion auch stand, hat dies nicht auf die Darsteller abgefärbt. Neben O‘Toole und McDowell ist auch der wunderbare John Steiner dabei, den man als glatzköpfigen Longinus kaum erkennt, aber eine tolle Performance liefert. Sehr eindringlich ist auch John Gielgud als Nerva, den man beim langsamen Ausbluten in einer Badewanne beobachten darf. Drusilla, Caligulas Schwester, wird von Teresa Ann Savoy verkörpert, während Hellen Mirren des Kaisers Ehefrau verkörpert. Die Szene, in der sie ihr Kind zur Welt bringt ist ein weiteres Bonbon des Bizarren. 

    Im Grunde ist CALIGULA ein Exploitationfilm wie er im Buche steht. Aber er ist vor allem eines nicht: die eigentliche Vision von Tinto Brass und Gore Vidal. Brass wurde der Filmschnitt entzogen. Manche Szenen wurden entfernt, geändert oder hinzugefügt und zusätzlich wanderten Hardcore-Szenen in den finalen Schnitt der Kinofassung, die in gewissen Ländern gezeigt wurde. In anderen Ländern wurde der Film hingegen stark gekürzt, um in die Kinos zu kommen. CALIGULA wurde zu einem inhaltlichen Debakel, Dank Penthouse-Chef Bob Guccione, der den Film zusammen mit Franco Rossellini produzierte. 

    Etwas sortierter, teils logischer im Aufbau und bereinigt von den nachträglichen Hardcore-Szenen, präsentiert sich die neue Schnittfassung, die Thomas Negovan erstellte und 2023 Premiere in Cannes feierte. Diese Fassung ist nicht nur chronologisch abweichend geschnitten, sondern besteht komplett aus alternativen Takes der jeweiligen Szenen. Alles ist etwas anders, manches ist weg, vieles dazu gekommen. Aus einer Laufzeit von 156 werden 178 Minuten. Sehr gelungen ist auch die neue musikalische Untermalung von Troy Sterling Nies, die für zusätzliche Sogwirkung sorgt. Weniger schön, da viel zu modern, ist der animierte Prolog. Ich hatte nie ein Problem mit der Kinofassung, da mich der Film immer sehr begeistert hat. Doch CALIGULA: THE ULTIMATE CUT ist eine zauberhafte Alternative, den Film ein stückweit mehr zu erleben, wie er einst gedacht war. 

    CALIGULA ist ein faszinierender, stark besetzter Film mit großen Bildern voller Überraschungen, Intrigen, Gewaltausbrüchen und sexuellen Ausschweifungen sämtlicher Ausrichtungen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Caligula: The Ultimate Cut, 2023 – ★★★★½

    Caligula: The Ultimate Cut, 2023 – ★★★★½

    CALIGULA / CALIGULA: THE ULTIMATE CUT
    (Italien, USA, 1979 / 2023, Regie: Tinto Brass)

    Caligula wird von seinem Großonkel, Kaiser Tiberius, nach Capri gerufen. Tiberius ist von Krankheit gezeichnet und wird bald sterben. Doch die Auswahl seiner Nachfolger ist problematisch. Es passiert, was Caligula bereits befürchtet hat: Tiberius will ihn vergiften, denn der möchte den jungen Gemellus zum Nachfolger, den er offensichtlich auch sexuell begehrt. Doch Caligula ist schlau, kann das vergifte Getränk weiterreichen und lässt schließlich Tiberius durch die Hände seines Leibwächters Macro töten, um zum Imperator aufzusteigen, der jedem unweigerlich seine neue Macht demonstriert. Doch es kommt, wie es oft kommt: nach dem Aufstieg kommt der Fall.

    Die Hoffnung, mit CALIGULA einen historisch korrekten Film über das Leben von Gaius Caesar Augustus Germanicus, kurz: Caligula, geliefert zu bekommen, darf wohl begraben werden. Zwar zeigt Tinto Brass und Drehbuchautor Gore Vidal den Aufstieg und Fall Caligulas, doch der Film ist weniger ein Biopic, sondern ein wilder Bilderrausch mit bizarren Figuren, der in punkto Design und Ausstattung höchst beachtlich ist. Wie ein übergroßes Theaterstück wirken die Kulissen des Palastes auf der Insel Capri des anfänglich noch lebenden Kaisers Tiberius, der auf höchst widerliche Art von Peter O‘Toole dargestellt wird. Blass, ausgemergelt und mit Syphilis-Flecken im Gesicht wirkt er wie ein Zombie, der bereit ist für seinen Nachfolger. 

    Riesige Bäder, Statuen, eine pompöse Arena mit einer bizarren Enthauptungsmaschine, prunkvolle Säle voller Dekadenz, wohin das Auge blickt, werden einem hier geboten. Passend zu den zahlreichen sexuellen Praktiken, die man geliefert bekommt, durchzieht die Inszenierung ein rötliches Licht, was direkt aus der Hölle zu kommen scheint. Die ganze Inszenierung wirkt irreal, als wäre man in einer Parallelwelt des Jahres 37 n. Chr. Wie eine Viper (so nennt ihn Tiberius auch) schlängelt sich Malcolm McDowell als Caligula durch seinen Palast als neuer Kaiser des Römischen Reiches. Alles scheint vergiftet und gebunden an den Launen Caligulas. Er lässt töten, tötet selbst, fistet ein Brautpaar und sorgt dafür, dass ihn alle hassen und ihm trotzdem den Arsch nachtragen. Malcolm McDowell geht absolut auf in seiner Rolle und es ist faszinierend, ihn dabei zu beobachten. Das gilt im Grunde für jeden hier, denn gleich, unter welchen problematischen Bedingung die Produktion auch stand, hat dies nicht auf die Darsteller abgefärbt. Neben O‘Toole und McDowell ist auch der wunderbare John Steiner dabei, den man als glatzköpfigen Longinus kaum erkennt, aber eine tolle Performance liefert. Sehr eindringlich ist auch John Gielgud als Nerva, den man beim langsamen Ausbluten in einer Badewanne beobachten darf. Drusilla, Caligulas Schwester, wird von Teresa Ann Savoy verkörpert, während Hellen Mirren des Kaisers Ehefrau verkörpert. Die Szene, in der sie ihr Kind zur Welt bringt ist ein weiteres Bonbon des Bizarren. 

    Im Grunde ist CALIGULA ein Exploitationfilm wie er im Buche steht. Aber er ist vor allem eines nicht: die eigentliche Vision von Tinto Brass und Gore Vidal. Brass wurde der Filmschnitt entzogen. Manche Szenen wurden entfernt, geändert oder hinzugefügt und zusätzlich wanderten Hardcore-Szenen in den finalen Schnitt der Kinofassung, die in gewissen Ländern gezeigt wurde. In anderen Ländern wurde der Film hingegen stark gekürzt, um in die Kinos zu kommen. CALIGULA wurde zu einem inhaltlichen Debakel, Dank Penthouse-Chef Bob Guccione, der den Film zusammen mit Franco Rossellini produzierte. 

    Etwas sortierter, teils logischer im Aufbau und bereinigt von den nachträglichen Hardcore-Szenen, präsentiert sich die neue Schnittfassung, die Thomas Negovan erstellte und 2023 Premiere in Cannes feierte. Diese Fassung ist nicht nur chronologisch abweichend geschnitten, sondern besteht komplett aus alternativen Takes der jeweiligen Szenen. Alles ist etwas anders, manches ist weg, vieles dazu gekommen. Aus einer Laufzeit von 156 werden 178 Minuten. Sehr gelungen ist auch die neue musikalische Untermalung von Troy Sterling Nies, die für zusätzliche Sogwirkung sorgt. Weniger schön, da viel zu modern, ist der animierte Prolog. Ich hatte nie ein Problem mit der Kinofassung, da mich der Film immer sehr begeistert hat. Doch CALIGULA: THE ULTIMATE CUT ist eine zauberhafte Alternative, den Film ein stückweit mehr zu erleben, wie er einst gedacht war. 

    CALIGULA ist ein faszinierender, stark besetzter Film mit großen Bildern voller Überraschungen, Intrigen, Gewaltausbrüchen und sexuellen Ausschweifungen sämtlicher Ausrichtungen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Traumstadt Gazette Ausgabe 81

    Traumstadt Gazette Ausgabe 81

    Kevin Bacon wird unsichtbar, Killerbienen zerstechen die USA, Robert Ginty frönt dem Kettensäge-Hobby…

    -DER TÖDLICHE SCHWARM (1978)

    -WHITE FIRE (1984)

    -SILENT MADNESS (1984)

    -HIDEKI: THE KILLER (1991)

    -HOLLOW MAN (2000)

    -FINAL DESTINATION: BLOODLINES (2025)

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

    Facebook: https://www.facebook.com/AntenneTraumstadt

    Spenden für den Podcast: https://www.paypal.com/paypalme/AntenneTraumstadt

    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • Macabre, 1980 – ★★½

    Macabre, 1980 – ★★½

    MACABRO – DIE KÜSSE DER JANE BAXTER
    (MACABRO, Italien, 1980, Regie: Lamberto Bava)

    Jane Baxter, die ihren Mann betrügt, zieht das Unheil an, was an einem Tag auf sie einbricht. Erst ertrinkt ihr kleiner Sohn in der Obhut ihrer Tochter in der Badewanne, dann wird ihr Liebhaber bei einem Autounfall von einer Leitplanke geköpft. Nachdem sie ein Jahr in einer Nervenklinik verbracht hat, kehrt sie in das Haus nach New Orleans zurück, in dem sie ihren Ehemann betrogen hat. Bewohnt wird das Haus von dem blinden Robert, der Jane besonders anziehend findet. Doch Jane ist in Gedanken nur bei ihrem verstorben Liebhaber und verliert sich immer mehr in krankhafte Phantasien. 

    Lamberto Bavas erste eigene Regiearbeit, MACABRO – DIE KÜSSE DER JANE BAXTER, ist ein Sonderling, der einem viel Zeit abverlangt, bevor er ein paar derbe Highlights liefert. Nach einem zackigen Anfang, der Janes Schicksal zeigt, setzt sich die Inszenierung erst mal. Bava lässt die Story kriechen und lässt sich einen immer wieder fragen, um was es hier genau gehen soll. Bernice Stegers wirkt als Jane Baxter unnahbar, bewegt sich schläfrig durchs Geschehen oder zieht blank. Noch weniger Leben kommt mit dem blinden Robert ins Spiel, der von Stanko Molnar dargestellt wird. Beide sind hier die Hauptfiguren, und bis auf wenige Ausnahmen, auch die einzigen Figuren, die MACABRO zu bieten hat. Größtenteils findet die Handlung im Haus statt, was zumindest sehr atmosphärisch eingefangen wurde. Der Farbanstrich und die Ausstattung erinnert insgesamt etwas an Lucio Fulcis sogenannter Gates of Hell – Trilogie. Die wenigen Außenaufnahmen, die man in New Orleans gedreht hat, verstärken das Bild. Im Finale dringt Bava dann in die Welt der Nekrophilie vor und lässt einen gleich zwei mal an Joe D’Amatos SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF (1979) denken. 
    Aber dann ist der Film auch schon zu Ende. 

    MACABRO – DIE KÜSSE DER JANE BAXTER ist ein sperriges Psycho-Krimi-Horror-Drama, was leider über große Strecken spannungsarm vor sich her plätschert, um einen im letzten Drittel endlich versöhnlicher zu stimmen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Emanuelle in America, 1977 – ★★★★

    Emanuelle in America, 1977 – ★★★★

    EMANUELLE IN AMERIKA
    (EMANUELLE NERA IN AMERICA, Italien, 1977, Regie: Joe D‘Amato)

    Die Fotoreporterin Emanuelle begibt sich erneut in die Welt der Schönen und Reichen. Diesmal verschlägt es sie nach Amerika. Sie gerät in einen Sumpf aus Sex und Gewalt, den es gilt zu dokumentieren.

    Joe D‘Amatos zweiter EMANUELLE-Film ist ein Feuerwerke des Sexploitation-Kinos von vorn bis hinten. Laura Gemser langweilt sich in dieser Sternstunde des Sexfilms nun wahrlich nicht, ebensowenig ihr damaliger Ehemann Gabriele Tinti. Noch weniger dürften sich die geilen Böcke des Bahnhofskinos gelangweilt haben, wenn sie die Schöne mit ihrem Kein-Gramm-zu-viel-Körper erblickten. Ich möchte nicht die Reinigungskraft im Kino gewesen sein.

    Dass es hier nicht nur menschliche, sondern auch tierische Penisse gibt, sind zusätzlich eingefügten Szenen zu verdanken mit denen Frau Gemser glücklicherweise gar nichts zu tun hatte. Ebenso tauchen hier auch ein paar sehr harte Szenen auf, die einen Snuff-Film zeigen sollen, der zum heißmachen gutbetuchter Herrschaften während des Sexes läuft. Und damit dieser dritte Ausflug in Emanuelles Welt der Lüste auch schön klingt, wurde erneut Nico Fidenco auf den Plan gerufen. 

    EMANUELLE IN AMERIKA ist handwerklich gar nicht schlecht inszeniert, wurde von D’Amato persönlich fotografiert und bietet Spaß und Fragwürdiges gleichermaßen. Ein Film, wie ihn heute niemand mehr drehen würde. 

    (Bjoern Candidus)

  • Hustler White, 1996 – ★★★★½

    Hustler White, 1996 – ★★★★½

    HUSTLER WHITE
    (Deutschland, Kanada, 1996, Regie: Bruce LaBruce)

    Der homosexuelle Autor Jürgen Anger fliegt nach Los Angeles, um auf dem berühmten Santa Monica Boulevard die dort ansässige Stricher-Szene zu dokumentieren. Dabei stößt er auf den adonisgleichen Stricher Monti Ward, der kurz vorher versehentlich über den Fuß eines anderen Strichers gefahren ist und Fahrerflucht begeht. Anger verfolgt Monti, um durch ihn in die Welt der Liebe und des Sexes kennenzulernen. 

    Der kanadische Filmemacher, Fotograf und Autor Bruce LaBruce und Rick Castro haben mit HUSTLER WHITE eine hoch unterhaltsame Stricher-Liebes-Komödie mit einem sehr authentischen, fast dokumentarischen Blick auf die Stricher-Szene von West Hollywood geworfen. Bruce LaBruce schlüpft persönlich in die Rolle des verliebten Jürgen Anger, der wie eine Stubenfliege durch die Straßen saust, um seinen Monti Ward um den Finger zu wickeln. Zwischendurch erhält man Einblicke in die Welt des käuflichen Sexes in sämtlichen Facetten. Man ist z.B. bei einer SM-Session dabei, in der die Haut eines Freiers mit einer Rasierklinge aufgeritzt wird, man wohnt einer Gang Bang-Party bei, auf der ein Schwanz nach dem anderen in den After eines blonden Muskelmannes versenkt wird, darf einem Amputationsfetischisten bei seinen Freuden beobachten und wird Zeuge einer Mumifizierung mit Gaffer Tape. 
    Hier wird einiges geboten, um den sexuellen Horizont des Zuschauers zu erweitern, egal, ob man sich angezogen oder abgestoßen fühlt. Was in HUSTLER WHITE schnell ersichtlich wird ist der Spaß, den die Darsteller hatten. Neben LaBruce ist der Ex-Lover von Madonna, Tony Ward, als Monti Ward dabei, während viele andere Darsteller aus der queeren Underground-Szene von L.A. stammen. In gewisser Weise erinnert der Film etwas an das Mondo-Kino, doch LaBruce und Rick Castro bringen einen ganz eigenen Charakter mit, der die authentischen Sex-Einlagen mit der lustigen Liebesgeschichte zwischen Jürgen und Monti kombiniert. Dass sich auch noch ein Serienmörder unter das Lustvolk mischt, bringt sogar noch ein bisschen Spannung mit rein. 

    HUSTLER WHITE ist ein außergewöhnlicher Film und eine klare Empfehlung für all jene, die für 80 Minuten in die Welt homosexueller Vergnügen gegen Bezahlung abtauchen wollten. Bruce LaBruce wurde hiermit zu Recht international bekannt. 

    (Bjoern Candidus)