Autor: marco-fritz

  • Possessor, 2020 – ★★★½

    Possessor, 2020 – ★★★½

    POSSESSOR
    (Kanada, GB, 2020, Regie: Brandon Cronenberg)

    Die Auftragsmörderin Tasya Vos arbeitet für eine Organisation, der es ihr ermöglicht, mittels Gehirnimplantat in das Bewusstsein von Menschen zu gelangen. So kann sie Besitz über ihren Körper und Verstand bekommen und sie als Attentäter einzusetzen. Obwohl ihr Job zusehends mehr Schaden in ihrer Psyche hinterlässt, nimmt sie den nächsten Job an: In den Verstand von Colin zu gleiten, um seine Verlobte Ava und ihren Vater umzubringen. 

    Kalt, modern, mit ruhiger Hand inszeniert zeigt sich Brandon Cronenbergs zweiter Langfilm, in dem die filmische Welt seines Vaters, David Cronenberg, mehr als einmal durchschimmert. Nach einer spannenden und ziemlich blutigen Eröffnungs-Szene wird man schnell in das Geschehen gezogen, was mich 100 Minuten ganz gut unterhalten hat. Ganz gut klingt allerdings weniger euphorisch, und das war ich auch nicht.  

    Fremde Körper zu benutzen, um diese als Attentäter einzusetzen, ist eine clevere Idee, die auch gar nicht schlecht umgesetzt wurde. Mit Christopher Abbott (was für ein unsympathischer Typ), Jennifer Jason Leigh (ist die nur alt geworden oder hat sie ihr Gesicht absichtlich verschandeln lassen?), 
    Andrea MANDY Riseborough und Schlaftablette Sean Bean (den ertrage ich nur sehr schwer) hat man eigentlich gute Leute an Bord, aber ich konnte einfach keinen Zugang zu diesen Figuren finden, was möglicherweise sogar die Intention des Regisseurs war, schließlich geht es ja um die vorübergehende Fremdsteuerung von Menschen, die von ihrem Umfeld charakterverändert wahrgenommen werden.  

    Mehr erreichen konnte mich das Visuelle. Die Videoclip-Ästhetik hat mich etwas an die Arbeiten von Chris Cunningham erinnert. Der Film ist sehr schön fotografiert vom versierten Karim Hussain (SUBCONSCIOUS CRUELTY, 2000). Die Kamera schwebt manchmal förmlich auf ihre Ziele zu. Passend unterstützt wird das Schweben von Jim Williams Score. 

    Die Form und der Anstrich stimmen in diesem nicht gerade zimperlichen Scifi-Body-Horror-Thriller, dennoch konnte mich POSSESSOR nicht vollends erreichen. Mir fehlte da etwas. Vermutlich einfach nur eine gewisse Wärme oder Liebe für die Figuren.

    (Bjoern Candidus)

  • Frequent Death, 1988 – ★★★

    Frequent Death, 1988 – ★★★

    FREQUENZ MORD
    (FRÉQUENCE MUERTE, Frankreich, 1988, Regie: Élisabeth Rappeneau) 

    Jeanne Quester ist nicht nur eine erfolgreiche Psychotherapeutin, sondern auch eine Radiomoderatorin, die eine Talksendung moderiert, in der sie Lebensratschläge gibt. Sie selbst quält sich mit einem Ereignis aus ihrer Kindheit herum, denn ihre Eltern wurden ermordet, und sie hat ihre Leiche gefunden. Als sich plötzlich ein ominöser Anrufer meldet, rückt ihre dunkle Vergangenheit immer mehr in die Gegenwart und bedroht das Leben von Jeanne und ihrer Tochter Pauline.

    Regisseurin Élisabeth Rappeneau hat mit FREQUENZ MORD Stuart Kaminskys Roman „When the Dark Man calls“ (1983) adaptiert und einen ansehnlichen Psycho-Thriller gedreht, der sich gut in die Reihe von Radishow-Filmen wie SADISTICO (1971), TALK RADIO (1988) oder PONTYPOOL (2008) einreihen lässt. Vielmehr geht es aber um Catherine Deneuve als Jeanne Quester, die bedroht wird und glaubt, es sei Faber, der kürzlich entlassene Mörder ihrer Eltern. Es entwickelt sich ein solider Thriller mit ein paar spannenden Momenten und einer durchweg düsteren Atmosphäre. Neben dreckigen und heruntergekommenen Gegenden bietet FREQUENZ MORD aber auch einen schönen 80er-Look, wenn es z.B. in die Radiostation geht. Action sollte man nicht erwarten, und ab der Hälfte setzen kleinere Mangelerscheinungen ein, die zu einem Finale führen, was nicht allzu gut durchdacht wurde. 

    Nichtsdestotrotz hat Élisabeth Rappeneau mehr richtig als falsch gemacht und mit FREQUENZ MORD ein guten Beitrag im französischen Thrillerkino der 80er-Jahre geliefert. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Being, 1981 – ★★★½

    The Being, 1981 – ★★★½

    THE BEING
    (USA, 1983, Regie: Jackie Kong) 

    Pottsville, eine beschauliches Nest in Idaho, hat ein Problem: Bürger verschwinden spurlos, und zurück bleibt Blut und Schleim. Hat die Atommülldeponie in der Nähe etwas damit zu tun? Schleicht gar ein Killer durch Pottsville? Diesen Fragen gehen Garson Jones vom Seuchenschutz und Detective Mortimer Lutz nach und stoßen auf etwas Furchterregendes.

    Regisseurin Jackie Kong (BLOOD DINER, 1987) serviert mit THE BEING einen düsteren Monsterfilm, der zwar im Grunde nach Schema F abläuft, aber dennoch unterhält und gut aussieht.

    Mal wieder bekommt man eine Kleinstadt präsentiert, hier beschrieben von einem Off-Sprecher. Was im Tierhorrorfilm und im Slasher funktioniert, wird auch hier benutzt: ein Fest. THE BEING greift das im Horrorkino höchst seltene Osterfest auf, was allerdings keinen großen Rahmen findet, sieht man von der Eiersuche ab. Dennoch wurde der Film bereits 1980 unter dem Titel EASTER SUNDAY gedreht, feierte dann aber 1981 als BEAUTY AND THE BEAST Premiere, bevor er 1983 als THE BEING offiziell in die US-Kinos kam. 

    In Pottsville, was sich als die größte Kartoffelstadt des Landes bezeichnet, erwarten einen einige verschrobene Figuren, und auch die Hauptfigur Detective Lutz, dargestellt von Bill Osco, hinterlässt einen höchst sonderbaren Eindruck für einen Mann des Gesetzes. José Ferrer hat als Bürgermeister nur seine Kartoffeln und das Ansehen von Pottsville im Kopf, während Martin Landau perfekt in die Rolle des Fachmanns für Seuchen und Radioaktivität passt. Diese und viele weitere Figuren treffen hier aufeinander und sorgen größtenteils für gute Unterhaltung. Hin und wieder ist es aber auch zu viel Gelaber, was THE BEING manchmal etwas ausbremst. 

    Kong lässt sich auch Zeit, das Monster in Gänze zu zeigen, was eigentlich erst im Finale der Fall ist (kennt man das Filmplakat nicht). Man bekommt lange Zeit immer nur Klauen oder andere Fragmente des Wesens zu sehen, was durchaus wirksam ist. Während der radioaktive Hintergrund des Monsters dem Themenbereich des 50er-Jahre-Kinos bedient, ist es optisch an ALIEN (1979) und seine zahlreichen Epigonen angelehnt und bringt trotzdem einen eigenen Charakter mit. Kong geizt auch nicht mit blutigen Szenen, die allerdings sehr schnell inszeniert wurden. Zudem ist die Inszenierung insgesamt sehr düster, was aber zur Atmosphäre beiträgt. 

    THE BEING erfindet das Rad nicht neu, liefert die üblichen Zutaten eines Monster-Horrorfilms in einer Kleinstadt, inklusive beiläufiger Öko-Botschaft, aber macht dabei insgesamt einen wertigen B-Film-Eindruck. 

    (Bjoern Candidus)

  • Cop, 1988 – ★★★

    Cop, 1988 – ★★★

    DER COP
    (COP, USA, 1988, Regie: James B. Harris)

    Eine Reihe von Frauenmorden erschüttert L.A., was den hartgesottenen Cop Lloyd Hopkins auf den Plan ruft. Noch fehlt jede Spur, aber als der Täter ein mit Blut geschriebenes Gedicht am Tatort zurücklässt, findet Hopkins einen Anhaltspunkt.

    Regisseur James B. Harris hat hier einen ordentlichen Serienmörder-Krimi inszeniert (und zusammen mit James Woods produziert), der sich vor allem Zeit nimmt für seine Figuren. Woods, der als Sgt. Lloyd Hopkins einen Frauenmörder jagt, passt perfekt in die Rolle des Cops mit übersteigertem Ego, der durchaus Arschlochzüge an den Tag legt und sich immer mehr im Selbstjustiz-Modus verliert. An seiner Seite, nicht minder passend: Charles Durning. Ein gutes Cop-Duo, bei dem Durning als Sgt. Dutch Peltz versucht, Hopkins zu zügeln. 

    Interessant ist das Thema des Feminismus, was hier nebenbei aufgemacht wird, was für einen US-80er-Thriller eher ungewöhnlich ist, aber dementsprechend auch nur oberflächlich aufgegriffen wird. Mehr Einblicke wird vermutlich die Romanvorlage von James Ellroy liefern. Nichtsdestotrotz ist dieses Thema, im Rahmen von solch einem Film, lobenswert. Schön ist auch, dass man weitestgehend auf Action verzichtet. Es gibt ein paar harte Szenen, aber auf Verfolgungsjagden, Explosionen oder anderem Tamtam wird verzichtet. Dafür krankt es etwas an Atmosphäre und manchmal lässt DER COP etwas die Spannung vermissen und enttäuscht am Ende sogar. Sehr gelungen ist der Score von Michael Colombier, der manchmal ein wenig an ANGEL HEART (1987) erinnert.

    Auch wenn DER COP das Rad nicht neu erfindet und kaum Überraschungen bietet, hat Harris einen soliden Krimi-Thriller mit guter Besetzung abgeliefert. 

    (Bjoern Candidus)

  • I Know What You Did Last Summer, 1997 – ★½

    I Know What You Did Last Summer, 1997 – ★½

    ICH WEISS WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST
    (I KNOW WHAT YOU DID LAST SUMMER, USA, 1997, Regie: Jim Gillespie)

    Julie, Helen, Barry und Ray fahren mit dem Auto eine Küstenstraße entlang. Dabei überfahren sie einen Mann, der plötzlich auf der Straße auftaucht. Doch statt den Unfall zu melden, lassen sie den Mann im Meer verschwinden und schwören, über den Vorfall nie wieder zu sprechen. Ein Jahr später bekommt Julie einen Brief mit der Nachricht: Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast. 

    Während Wes Cravens SCREAM-Reihe weiterging hatte sein Drehbuchautor Kevin Williamson bereits das nächste Projekt am Hals: das Drehbuch für einen weiteren Slasher, den diesmal Jim Gillespie (D-TOX, 2002) inszenieren sollte. 

    ICH WEISS WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST startet mit einem atmosphärischen Küsten-Setting. Das Meer tobt entlang einer Küstenstraße, die von dem Hauptproblem befahren wird: Jennifer Love Hewitt als Julie, Sarah Michelle Gellar als Helen, Ryan Phillippe als Barry und Freddie Prince Jr. als Ray. Vier dümmliche Figuren, die von wenig bis gar nicht talentierten Darstellern verkörpert werden und die direkt die einsilbigen Dumpfbirnen der 80er-Slasher herbeisehnen. Würden sie wenigstens schnell abtreten, aber nein. Gillespie quält einen zusätzlich mit Spannungsarmut, abgedroschenen Schockeffekten und harmlosen Kills. Einzig das Erscheinungsbild des Killers mit Öljacke, Fischerhut und Haken hat mir gefallen und mich ans Giallo-Kino erinnert. 

    Zu keiner Zeit gelingt es ICH WEISS WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST mit irgendwas zu überzeugen. Entweder die flachen Figuren nerven einen mit ihrem affektierten Verhalten oder die ärmlichen Versuche, eine packende Story zu erzählen, scheitern der Reihe nach. Alles ist hohl und ausdruckslos. 

    (Bjoern Candidus)

  • I Still Know What You Did Last Summer, 1998 – ★

    I Still Know What You Did Last Summer, 1998 – ★

    ICH WEISS NOCH IMMER WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST
    (I STILL KNOW WHAT YOU DID LADT SUMMER, USA, 1998, Regie: Danny Cannon) 

    Karla, die beste Freundin von Julie, gewinnt eine Reise für vier Personen auf die Bahamas. Carla bietet Julie an, mitzukommen und noch ihren Freund Ray zu fragen. Doch Ray lehnt aus Zeitgründen ab. Stattdessen begleitet sie Will und Tyrell. Die Vier treten ihren Urlaub an, der zu einem Alptraum werden wird, denn Julies Vergangenheit reist mit, und sie hat einen Haken. 

    Wer hätte gedacht, dass ICH WEISS WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST (1997) jemals eine Fortsetzung bekommen würde? Vermutlich viele, da der Film erfolgreich in den Kinos lief und Slaher wieder angesagt waren. 

    Doch schon der erste Teil, der immerhin auf einem Skript von Kevin Williamson basiert, ließ bereits die Stärke eines SCREAM (1996) vermissen. Und so liefert auch ICH WEISS NOCH IMMER WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST quälende Darsteller wie Jennifer Love Hewitt, die in erster Linie dumm grinst oder in den Panikmodus rutsch oder Freddie Prinze Jr., der so viel Ausstrahlung besitzt wie ein leerer Eimer. Das gilt auch für den Rest der Bande, und Jeffrey Combs und Frank Black machen es nicht besser. Black macht es sogar noch schlimmer. Von dem sehr dummen Handlungskonstrukt will ich erst gar nicht anfangen, denn das gehört ja fast zum guten Ton des Slasherkinos. Die wenigen Ansätze von Spannung sind in erster Linie dem verregneten Insel-Schauplatz geschuldet, den es im Rahmen des Slasher-Kinos relativ selten gibt, obwohl es natürlich ein toller Ort ist, um nicht entkommen zu können. Hier kann Regisseur Danny Cannon wenigstens ein bisschen Atmosphäre erzeugen, die natürlich nicht lange hält, weil der nächste Pfosten des Storykonstrukts samt Darstellern zusammenbricht. Da helfen auch die Kills nicht, die minimal härter ausgefallen sind als im Vorgänger.

    Wer bei ICH WEISS NOCH IMMER WAS DU LETZTEN SOMMER GETAN HAST Nichts erwartet, wird davon auch ganz viel bekommen. Versprochen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Coma, 1978 – ★★★★

    Coma, 1978 – ★★★★

    COMA
    (USA, 1978, Regie: Michael Crichton)

    In einem Krankenhaus kommt es gehäuft zu Fällen, in denen Patienten bei simplen OPs ins Koma fallen. Als es die Kollegin von Dr. Susan Wheeler trifft, beginnt sie in Eigenregie Nachforschungen über die mögliche Ursache zu finden, sehr zum Missfallen der Krankenhausleitung.   

    Nach seinem faszinierenden Roboter-Computer-Science-Fiction-Film WESTWORLD (1973) widmete sich Roman-Autor und Regisseur Michael Crichton mit COMA der Medizin und adaptierte Robin Cooks gleichnamigen Roman. 

    COMA versprüht von Beginn an eine dichte Atmosphäre, die sich erst mal zwischen Dr. Susan Wheeler und Dr. Mark Ballows zeigt. Die Beiden, dargestellt von Geneviève Bujold und Michael Douglas, sind frisch verliebt, zeigen aber bereits Probleme untereinander. Mark ist ein 
    sympathischer Soft-Macho, Susan eine emanzipierte, selbstbewusste Frau, was sie im Verlauf des Films unter Beweis stellt. Mit Geneviève Bujold und Michael Douglas hat Crichton Gold an Bord, und mit Robert Widmark als Chef-Chirurg Dr. George Harris ebenso. Rip Torn gibt sich als Dr. George die Ehre, Ed Harris taucht in der Pathologie auf, während Tom Selleck als Patient Hallo sagt. Gute Leute für einen spannenden Thriller.

    COMA schlägt in die Kerbe des 70er-Jahre-Paranoia-Kino und greift zudem unangenehme Themen (z.B. Abtreibung) auf, die bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren haben. Dass hier der Schrecken in einem Krankenhaus wütetet, macht das Ganze zusätzlich unangenehm. Ein Ort der Hilfe und im besten Fall Heilung, wird zur tödlichen Falle, der man hilflos ausgesetzt wird. Immer mehr schraubt sich Dr. Susan Wheeler in das System der Klinik, was sie schließlich zum Jefferson-Institut führt. Versprüht COMA schon von Anfang an eine gewisse Kälte, wird es im Jefferson-Institut geradezu eisig. Crichton lässt auch hier wieder seine Freude an der Science-Fiction freien Lauf und kombiniert diese mit medizinischen Themen. Immer wieder beeindruckend ist der Raum voller von der Decke hängender Koma-Patienten im UV-Licht. Eine zusätzliche Veredelung kommt mit Jerry Goldsmith Score, der zwar etwas unauffälliger ist, aber die Spannung gut zu untermalen weiß. 

    Sieht man über kleinere Längen im Mittelteil hinweg, ist COMA ein durchgehend spannender Medizin-Thriller mit einer packenden Story, einer tollen Besetzung und dem unnachahmlichen Charme des 70er-Jahre-Kinos. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Driller Killer, 1979 – ★★★★

    The Driller Killer, 1979 – ★★★★

    THE DRILLER KILLER
    (USA, 1979, Regie: Abel Ferrara)

    Reno Miller ist ein Maler, der mit seiner Freundin Carol in einem heruntergekommenen New Yorker Apartment lebt und in Geldnöten steckt. Er geht immer mehr vor die Hunde, und seine Rechnungen kann er auch nicht mehr bezahlen. Auch der Kunsthändler Dalton will ihm kein Geld mehr leihen, da er ihn ohnehin für untalentiert hält. Dalton schlägt Reno aber vor, sein aktuelles Gemälde bis Ende der Woche zu vollenden, um ihn damit zu überzeugen. Die folgenden Tage entwickeln sich zu einem Alptraum, in dem Reno immer mehr vom Stress und der Belastung seiner Umwelt geschluckt wird und schließlich mit einer Bohrmaschine Amok läuft. 

    Nach seinem Debütfilm, dem Porno 9 LIVES OF A WET PUSSY (1976), taucht Abel Ferrara in die Abgründe der menschlichen Seele ab und schickt sich selbst als Reno, THE DRILLER KILLER, ins Rennen der Filme, die ein New York City im Dreck präsentieren. 

    Hier ist nichts schön, hier herrscht ein Alptraum geschaffen von Menschenhand, und selten wurde New York City so abstoßend und widerlich inszeniert wie hier. Wer sich in Filmen wie MANIAC (1980) oder COMBAT SHOCK (1984) „wohl fühlt“, wird sich bei THE DRILLER KILLER nicht beschweren können. Der Film stinkt aus jeder Pore und nimmt einen mit in die finstersten und schmutzigsten Ecken von New York City, wo Obdachlose und Drogensüchtige ihre letzten Tage in der Ecke verbringen. Mitten in dem Ghetto aus Elend, Gewalt und nervendem Lärm lebt Reno, der höchst authentisch von Ferrara verkörpert wird. Wahnsinn, wie kaputt er spielen kann. Seine Freundin Carol, ihre lesbische Geliebte, die ihren Verstand an Drogen verloren hat und sein kompletter Freundeskreis sind nicht weniger durch als Reno selbst, nur fangen die nicht an, Bohrmaschinen als Mordwaffe einzusetzen. Wenn in Reno der Schalter ungelegt wird, wenn er dem Ballast des täglichen Wahnsinns nicht mehr standhalten kann, setzt er Dennis Donnellys ein Jahr vorher veröffentlichten THE TOOLBOX MURDERS (1978) fort. Reno läuft mit einer Bohrmaschine durch die nächtlichen Straßen von New York City und bohrt Obdachlosen in die Herzen, Rücken und Köpfe, bevor er gezielter vorgeht und persönliche Rache an seinem Umfeld nimmt. All das passiert in höchst realistischen Bildern, die nur manchmal von surrealen Momenten überschattet werden, wenn Reno zu halluzinieren beginnt. Die Tötungen mittels Bohrmaschine sind richtig hart, blutig und spitzen sich bis zum Ende hin zu. Ferrara gibt schon einen guten Vorgeschmack auf Filme, die kurze Zeit später die weltweiten Kinoleinwände erobern und Menschen gleichauf abstoßen und anziehen sollten. Eine weitere Stärke der Inszenierung sind die unbekannten Darsteller und der experimentelle Score von Joe Delia, der perfekt zu den lebensfeindlichen Bildern passt.

    Man kann Ferrara sicherlich vorwerfen, dass er dem Zuschauer keine tiefgründige Story anbietet, Renos kompletten Kontrollverlust fast als normale Reaktion auf die Probleme, die sich ihm bieten, darstellt, aber man sollte THE DRILLER KILLER am besten einfach so nehmen, wie er ist: ein rohes, ungeschliffenes, nihilistisches Monster von Film. Gleichzeitig ist es der Auftakt eines Ausnahmeregisseurs, der es wie kaum ein anderer versteht, die kaputten Seelen von New York City aufeinander treffen zu lassen. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Black Cat, 1989 – ★★★

    The Black Cat, 1989 – ★★★

    DEAD EYES*
    (IL GATTO NERO, Italien, 1989, Regie: Luigi Cozzi)

    Der Regisseur Marc Rivetta möchte einen Film über die Hexe Levana drehen. Für die Rolle von Levana schwebt ihm seine Frau Anne vor, die anfangs begeistert ist von der Idee. Doch es dauert nicht lange, bis Anne von schrecklichen Träumen und Visionen heimgesucht wird. Die echte Levana ist zurück aus der Hölle, und sie richtet ein Blutbad an. 

    Was Dario Argento lange Zeit nicht bewerkstelligen konnte, setzte Ende der 80er-Jahre Luigi Cozzi in inoffizieller Form um: den dritten Teil der sogenannten Mütter-Trilogie, die mit SUSPIRIA (1977) ihren Anfang nahm und 1980 mit INFERNO fortgeführt wurde. Von einem wirklichen dritten Teil kann hier also nicht die Rede sein, vielmehr spielt Cozzi mit den Elementen der anderen Teile und baut drumherum ein reichlich wirres Gebäude. Inhaltlich wackelt Cozzis Story komplett hin und her und ist kaum mitreißend, was vor allem an den Figuren liegt, die ziemlich flach und ausdruckslos erscheinen. Der rettende Anker unter den Darstellern ist Caroline Munro, aber auch von ihr sollte man hier nicht zu viel erwarten. Die Idee mit dem Film, der über die Hexe gedreht werden soll, die dann den Weg zurück in die Realität findet, nimmt sogar ein wenig FREDDY‘S NEW NIGHTMARE (1994) vorweg, der zumindest gradliniger erzählt wurde. Aber Geradlinigkeit war noch nie die stärke des italienischen Horrorkinos, und so liefert Cozzi hier einen bunten, surrealen Horrortrip ab, der neben fiesen Eiterbeulenköpfen auch eine Handvoll Gore-Effekte kredenzt. Ähnliche Filme aus der gleichen Epoche wie GHOSTHOUSE (1988) oder WITCHCRAFT – DAS BÖSE LEBT (1988) haben durchaus auch ihre Schauwerte, aber bei Cozzi wirkt alles etwas runder und charmanter. 

    Kann sich der Score von Vince Tempera durchaus hören lassen, wird es bei den Heavy Metal Songs ähnlich unpassend wie das ein oder andere Mal bei Argento. Doch das ist nur ein kleiner akustischer Schönheitsfehler, der schnell verziehen wird, wenn jemandem hier nach ASTARON-Tradition der Bauch explodiert. 

    DEAD EYES ist ein greller Okkult-Horrorfilm voller aneinandergereihter Ideen, die Cozzi erneut als Fan des Phantastischen verraten, nur nicht als großen Geschichtenerzähler. 2007 hat es Dario Argento mit seinem richtigen dritten Teil, MOTHERS OF TEARS, wahrlich nicht besser gemacht. 

    (Bjoern Candidus)

    *Podcast-Besprechung bei „Antenne Traumstadt“

  • Silver Saddle, 1978 – ★★★½

    Silver Saddle, 1978 – ★★★½

    SILBERSATTEL
    (SELLA D’ARGENTO, Italien, 1978, Regie: Lucio Fulci) 

    Der 10-jährige Roy wird Zeuge, wie sein Vater von einem Mitglied des Barrett-Clans erschossen wird. Roy zögert nicht und erschießt den Mann. Viele Jahre später trifft Roy auf Snake, der ihm von einem gut bezahlten Auftrag erzählt. Dieser führt schließlich dazu, dass Roy auf Thomas Barrett Junior stößt, auf den es gleich zwei Parteien abgesehen haben, denn der Junge ist wertvoll. 

    Nach seinem Giallo DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN (1977) kehrte Lucio Fulci ein weiteres Mal zurück zum Italowestern und schickte Giuliano Gemma auf den SILBERSATTEL. 

    Was hier sofort ins Auge stößt ist die schöne Fotografie von Sergio Salvati, der die bergige Wüste von Almería in all ihrer Schönheit eingefangen hat. Dörfer, Ruinen und ein alter Friedhof sorgen für eine dichte Atmosphäre, die vom Heulen des Windes unterstützt wird. Manchmal liegt etwas geradezu endzeitliches über den Bildern. Fulci hat den Geist des 60er-Jahre Italowestern aufleben lassen und lässt einen schnell vergessen, dass man sich bereits in Jahre 1978 bewegt. Die Ausstattung ist toll, der Score von Fabio Frizzi, Franco Bixio und Vince Tempera ist abwechslungsreich und der charismatische Giuliano Gemma (DER TOD RITT DIENSTAGS, 1967) macht als Revolverheld ohnehin immer eine gute Figur. Das gilt auch für Geoffrey Lewis (BRENNEN MUSS SALEM, 1979), Donald O’Brien (ZOMBIES UNTER KANNIBALEN, 1980), Aldo Sambrell (ZWEI GLORREICHE HALUNKEN, 1966), Ettore Manni (WESTERN JACK, 1967) und natürlich für Cinzia Monreale (BUIO OMEGA, 1979). Und selbst der kleine Sven Valsecchi hat als Thomas Barrett Junior gut gepasst und erstaunlich viel Auflockerung mit in die Inszenierung gebracht. Für einen späten Fulci ist SILBERSATTEL erstaunlich locker, humorvoll und fast lebensfroh, sieht man von den Tötungen ab, die sich zwar im Rahmen halten, aber dennoch teils blutig geraten sind, was im Italowestern nicht immer selbstverständlich war. Wenn hier in Köpfe geschossen wird oder man eine Gruppe hingerichteter Mönche sieht, ist das durchaus Fulcis Gangart, wenn auch nur kurz. Den brutalen und nihilistischen Ton von VERDAMMT ZU LEBEN – VERDAMMT ZU STERBEN (1975) hat er hier auf jeden Fall nach unten reguliert. Die Story selbst ist das eigentliche Problem von SILBERSATTEL, denn die ist weder originell noch spannend. Obwohl die Darsteller allesamt gut gewählt sind und perfekt in die Rollen passen, sind die Charaktere verhältnismäßig flach.

    SILBERSATTEL ist ein hochwertiger Italowestern mit tollen Darstellern und wunderschönen Bildern, die gut über die flache Story hinwegtäuschen können. 

    (Bjoern Candidus)