DAS HAUS DER PEITSCHEN
(HOUSE OF WHIPCORD, GB, 1974, Regie: Pete Walker)
Das Fotomodel Anna-Marie fällt auf einen jungen Mann herein, der sie geradewegs in die Hölle hinter Gefängnismauern lockt. Dort rächen sich die Alten an freizügigen jungen Frauen, die sie aufgrund ihres unmoralischen Verhaltens verurteilten, foltern und im schlimmsten Fall hinrichten.
Nachdem Pete Walker mit IM RAMPENLICHT DES BÖSEN (1972) einen Früh-Slasher hinlegte und sich anschließend mit der Komödie TIFFANY JONES (1973) zurückmeldete, folgte mit DAS HAUS DER PEITSCHEN ein höchst beklemmender Woman-in-Prison-Film, der zu den düstersten Beiträgen des britischen Kinos jener Tage gehört.
Wie in den WIP-Filmen von Herrschaften wie Jess Franco oder Bruno Mattei wurde auch hier ein altes Gefängnis zu einem Privatgefängnis umstrukturiert, natürlich unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit. An diesem unheiligen Ort sollen unmoralische, wollüstige junge Frauen verurteilt und im schlimmsten Fall hingerichtet werden, was erst mal nicht neu klingt. Doch Walker verzichtet auf billige Sexeinlagen, denn die stünden im Kontrast zum dem Thema, was Pete Walker und sein Drehbuchautor David McGillivray hier aufgreifen. Die Texttafel zu Beginn kündigt bereits den Kurs an, den der Film nehmen wird.
„Dieser Film ist denjenigen gewidmet, die, ob der heutigen laxen Moralvorstellungen beunruhigt sind und sehnlichst die Rückkehr von Züchtigung und Todesstrafe erwarten.“
Die Love & Peace-Bewegung der Hippies und das Spiel der Geschlechter, der kurzen, aber intensiven Glamrock-Phase Anfang der 1970er-Jahre waren ein Dorn im Auge der Alten, und hier rächen sie sich für den angeblichen Verfall der Moralvorstellungen der ewig Gestrigen. Jede neue Generation steht den Anfeindungen der alten gegenüber. In diesem Punkt ist DAS HAUS DER PEITSCHEN zeitlos und auch heute noch inhaltlich relevant. Doch statt wie bei Franco ständig irgendwo die Brüste schwingen zu lassen, sind die drei strengen Damen, die hier für Zucht und Ordnung sorgen, von Kopf bis Fuß in konservativen grauen Kleidern gehüllt. Vergewaltigungen gibt es keine, dafür übelste Peitschenhiebe und Hinrichtungen mittels Strick. Hier herrscht eine permanente Bedrohung und Ausweglosigkeit, was Walkers Inszenierung deutlich vom Gros anderer britischer Produktionen jener Tage abhebt. Das inoffizielle Gefängnis erinnert in seiner Konsequenz an Filme wie DIE 120 TAGE VON SODOM (1975), nur ohne sexuelle Gewalt. Apropos Marquis de Sade: der Lockvogel von der Gefängnisbesitzerin heißt Mark E. Desade. Dieser wird von Robert Tayman dargestellt, den man als Graf Mitterhaus aus CIRCUS DER VAMPIRE (1972) kennt. Während Penny Irving als inhaftierte Anne-Marie, samt ihrer Insassinnen, etwas untergeht, sind Barbara Markham als Gefängnisdirektorin Mrs. Wakehurst und Sheila Keith als Walker absolutes Gold. Die eine strahlt noch mehr Widerlichkeit aus als die andere, und die wunderbare Sheila Keith gehörte nach diesem Film zum Repertoire von Pete Walker. Vielleicht war es ein gutes Omen, dass sie hier in ihrer Rolle den Namen des Regisseur trägt. Einfach herrlich, wie befriedigt sie ausschaut, wenn sie ihren sadistischen Trieben frönt. Dezent zu spüren ist auch eine lesbische Tendenz, die nach ihrer eigenen Moralverstellung doch kaum sein darf. Aber vielleicht lebt sie auf diese Art ihren sexuellen Traum aus. Die dritte im Bunde ist Bates, die von Dorothy Gordon dargestellt wird und aufgrund der Dominanz der anderen Damen ebenfalls etwas untergeht. Und dann ist da noch der alte, blinde Tattergreis Desmond Bailey, der als Richter die Urteile fällt, obwohl er längst nicht mehr zurechnungsfähig ist und nur von seiner Frau ausgenutzt wird. Walker baut ein beängstigendes System auf, was natürlich jegliche Verteidigung mittels Anwalt ausschließt. Mrs. Wakehurst ist die Staatsanwältin, die den Richter in der Hand hat, und wer Pech hat, wird gehängt. Der Diebstahl einer Scheibe Brot reicht schon aus, damit hier die Todesstrafe ausgesprochen wird.
DAS HAUS DER PEITSCHEN ist aber nicht nur darstellisch und inhaltlich gehaltvoll, sondern besticht auch durch seine düstere Atmosphäre, die bereits anfänglich mit Regen gewürzt wird, aber so gehört es sich schließlich für England. Die bunte, freizügige Welt des Londons der 70er-Jahre weicht den Grau- und Brauntönen hinter den Gefängnismauern im ländlichen England. Der Kontrast wird gut verdeutlicht, wenn man hin und wieder in eben jenes London blendet, wo sich die Freunde von Ann-Marie langsam Sorgen machen. Für die Fotografie zeichnet sich Peter Jessop verantwortlich, der mit IM RAMPENLICHT DES BÖSEN zu Walkers Stamm-Kameramann wurde und dafür sorgte, dass sein Kino ein Wiedererkennungswert bekommt. Walkers Filme tragen stets einen erdigen, authentischen, oft schmuddeligen Look, der lebensfrohe Orte gerne ausschließt, was perfekt zu seinen garstigen Figuren passt, die nicht selten aus alten Leuten bestehen. Und so hängt auch hier der Mief alter Menschen im Raum, die nicht anpassungsfähig sind und mit allen Mitteln versuchen, ihre moralische Vorstellung auf die Anderen zu übertragen, und das mit aller Gewalt.
DAS HAUS DER PEITSCHEN funktioniert auch heute noch hervorragend, und viele werden bei der Texttafel zu Beginn vermutlich applaudieren. Doch während es in dem Film in erster Linie um sexuelle Freizügigkeit und die verklemmte Moralvorstellung der Alten geht, haben wir in der heutigen Welt eher ein Problem mit der Gewalt, die zu lasch bestraft wird.
DAS HAUS DER PEITSCHEN gehört zu den wichtigsten Vertretern des britischen Exploitation-Kinos der 70er-Jahre, der auf billige Effekthascherei verzichtet und lieber eine finstere Story mit sadistischen Figuren liefert. Mein Lieblingsfilm von dem viel zu unbesungenen Pete Walker.
(Bjoern Candidus)