Autor: marco-fritz

  • The Night Child, 1975 – ★★★★

    The Night Child, 1975 – ★★★★

    THE CURSED MEDALLION
    (IL MEDAGLIONE INSANGUINATO – PERCHE?, GB, Italien, 1975, Regie: Massimo Dallamano)

    Michael Williams, ein Fernsehreporter der BBC, soll in Italien eine Dokumentation über mystische und okkulte Gemälde aufnehmen. Gemeinsam mit seiner Tochter Emily und dem Kindermädchen Jill geht es nach Italien, genauer nach Spoleto, einem wunderschönen Bergdorf. Seit dem Unfalltod ihrer Mutter ist Emily stark angeschlagen, und die neue Umgebung tut nichts, um dies zu verbessern. Sie wird von Angstattacken und Visionen heimgesucht und entwickelt einen Hass gegen Jill. Vater Michael ist besorgt, konzentriert sich aber gleichzeitig um die reizende Produzentin Joanna. Als die mysteriöse Gräfin Cappelli auftaucht, warnt sie Michael vor einem finsteren Gemälde, was ihn und seine Tochter ins Verderben stürzen wird, sollte er nicht abreisen. Doch er will nicht hören…

    Die Schatzkammer des italienischen Kinos ist reich gefüllt, und es gibt immer wieder etwas zu entdecken. IL MEDAGLIONE INSANGUINATO von Massimo Dallamano (DER TOD TRÄGT SCHWARZES LEDER, 1974) ist ziemlich in Vergessenheit geraten, scheint mir. Hierzulande erklärt sich das wahrscheinlich dadurch, weil der Film hier nie in synchronisierter Form erschienen ist. Im Ausland sieht es da besser aus. Der Mangel an Aufmerksamkeit ist vor allem deshalb tragisch, weil Dallamano einen wirklich hervorragenden Okkult-Horrorfilm geschaffen hat, der zwar klar auf der damaligen Teufelswelle entstanden ist, aber ROSEMARY‘S BABY (1968) oder DER EXORZIST (1973) nicht direkt kopieren will, wie es andere eher versucht haben. Es gibt durchaus bekannte Elemente, aber die Story ist eine andere. Der Film hat mich sogar stellenweise mehr an DAS OMEN erinnert, was erst ein Jahr später das Licht der Leinwand erblicken durfte. Von London geht es nach Rom und von da in ein italienisches Bergdorf irgendwo in Umbrien. Alte Häuser, finstere Gassen und eine schöne Natur mit sommerlichem Wetter dominieren das Bild, im Kontrast dazu gibt es düstere Vision aus dem Mittelalter und die höllischen Impressionen des mysteriösen Gemäldes. Kameramann Franco Delli Colli hat jedenfalls erneut eine hervorragende Arbeit abgeliefert. Nicht weniger gelungen ist der facettenreiche Score von Stelvio Cipriani, der die Inszenierung immer passend begleitet. Blut und Ekel hat Dallamano nicht nötig, stattdessen setzt er auf atmosphärische Bilder und eine Story, die bis zum Ende gut funktioniert. Nicht ganz so überzeugend sind die Darsteller, was nichts mit der Qualität von Richard Johnson, Joanna Cassidy, Evelyn Stewart oder Lila Kedrova zu tun hat, aber die Inszenierung scheint sie etwas zu überlagern. Einzig Nicoletta Elmi, mein Lieblingsitalopsychokind, sticht hervor. Wobei die auch etwas anstrengend sein kann.

    IL MEDAGLIONE INSANGUINATO – PERCHE? ist ein weiterer starker Film aus dem Hause Dallamano und gehört zu einem der gelungensten Beiträge der damaligen Okkult-Horror-Welle.

    (Bjoern Candidus)

  • Halloween Ends, 2022 – ★

    Halloween Ends, 2022 – ★

    HALLOWEEN ENDS
    (USA, 2022, Regie: David Gordon Green)

    Ich bin der Letzte, der Veränderungen, Experimente, neue Wege innerhalb eines Franchise grundsätzlich ablehnen würde. Ich liebe HALLOWEEN 3 (1982) und HALLOWEEN 2 (2009) von Rob Zombie, habe kein Problem mit JASON GOES TO HELL (1993), nicht mal mit FREITAG DER 13. – EIN NEUER ANFANG (1985) und finde, NIGHTMARE ON ELM STREET 2 (1985) den besten Teil nach Wes Cravens Erstling. All diese Filme hatten Liebe, Charme und ein gewisses Durchsetzungsvermögen, den Irrsinn stringent durchzuziehen. All das fehlt David Gordon Green von Film zu Film mehr. Zu HALLOWEEN (2018) und HALLOWEEN KILLS(2021) möchte ich mich hier nicht mehr groß äußern; genug der Wiederholung. Genug der Wiederholung passt auch gut zur Reihe, zumindest zu der David Gordon Green – Reihe, ähm, Trilogie. Trilogie klingt ja wertiger.

    Dachte ich in den ersten 10 Minuten noch, dass sich der Film auf positive Weise von den beiden Vorgängern unterscheidet, kehrte sich das Empfinden schnell in ein negatives um. Zum einen liegt das daran, dass ich den miesen Twist, den der Film relativ am Anfang aufbaut, schon schnell erahnte, zum anderen ist die Art und Weise, wie der Weg dorthin geführt wird, uninspiriert, frei von Spannung und Talent, einen mitzureißen. Bei einem jungen Publikum mag das vielleicht noch funktionieren.

    Hat man  Ansätze, werden die im nächsten Moment wieder fallen gelassen  oder auf armselige Art und Weise versucht auszubauen. Die Figurenzeichnungen funktionieren erneut nicht. Jamie Lee Curtis Rolle als Laurie Strode wird von Film zu Film zurecht gestrickt, wie man es gerade braucht. Der Verlust von ihrer Tochter Karen (Judy Greer) scheint, obwohl gerade mal 4 Jahre innerhalb der Story verstrichen sind, kaum interessant zu sein, auch wenn Halloween vor der Tür steht. Blass bleibt auch weiterhin Lauries Enkelin Allyson, die von Andi Matichak dargestellt wird. Aber was will man auch mit den beiden Figuren, die schon in HALLOWEEN KILLS zum Beiwerk verkommen sind, wenn man einen Rohan Campbell als Corey an Bord hat, der jetzt Schüler von Michael Myers wird?! Und ausgerechnet in ihn verliebt sich Allyson. Ja, was soll man dazu noch sagen? Immerhin nett, dass Michael Myers nach gefühlt 30 Minuten auch mal auftauchen darf. Und wo taucht er auf? Wo hat er sich 4 Jahre versteckt? In der Kanalisation unweit von dem öffentlichen Wohnzimmer eines Obdachlosen entfernt. Erinnerungen an HALLOWEEN 5 werden wach. Dort, in den nassen, finsteren Örtlichkeiten treffen sich jetzt Michael und Corey. Von Ballons fehlt immerhin jede Spur, und Sex haben sie glücklicherweise auch nicht, wobei das wirklich innovativ gewesen wäre. Auf absurde Weise wird der Film plötzlich zu einer Art Buddy-Movie. Dann wiederholt sich alles: Märchentanten-Gerede von Laurie, Konflikt zwischen Allyson und Corey, zwischen Corey und Laurie, die in seinen Augen schon das Böse gesehen hat usw. Und wer glaubt, Myers bekommt im Laufe des Films mehr Aufmerksamkeit, muss auch enttäuscht werden. Alles und jeder bekommt mehr Aufmerksamkeit als die Person, für die man in erster Linie ins Kino geht. Er bekommt seine Momente, aber die sind allesamt wenig bis überhaupt nicht wirksam oder irgendwie der Figur gerecht werdend, die hier endlich ein (vorläufiges) Ende finden soll. Dafür bekommt Laurie mehr Spielraum, was die Sache nicht besser macht.

    Green gelingt auch nur ein Minimum an Halloween-Atmosphäre aufzubauen. Das liegt mitunter wohl auch daran, dass die erste Hälfte des Films Tage vor dem 31. Oktober spielen. Keine Mühe, keine Liebe. Ein monotoner, ausdrucksloser Film. Nicht mal der Score von John Carpenter und Co kann diesmal überzeugen, da er scheinbar nur aus lieblosen, leicht variierten Tracks aus den Vorgängern besteht und so überhaupt keine neuen Ansätze bietet. Konnte sich HALLOWEEN KILLS nicht in Sachen Gore zurückhalten, wird nicht mal in diesem Punkt geliefert. Langweilige Tötungen von langweiligen Figuren. Passt. Und hatte ich nach all dem noch einen Funken Hoffnung, es würde wenigstens noch ein großes Finale zwischen Laurie und Michael geben, wurde diese schnell im Keim erstickt. Ja, es gibt ein letztes Aufeinandertreffen, aber von Größe fehlt jede Spur. Aber seitdem die beiden keine Geschwister mehr sind, wurde sowieso jegliche Emotion zerstört. SPOILER!!! Und am Ende, kurz bevor Michael Myers zu Wurst verarbeitet wird, darf sogar der Mob von Haddonfield aufmarschieren, der einem diesmal wenigstens „Evil Dies Tonight!“ – Rufe erspart. SPOILER ENDE!!!

    HALLOWEEN ENDS ist der hoffentlich letzte Beitrag im David Gordon Green – Universum. Möge ein Corey schnell vergessen werden, möge Jamie Lee Curtis lieber ein Auge auf andere Rollen werfen und möge ein David Gordon Green lernen, wie man spannende Geschichten erzählt und Figuren anlegt.

    (Bjoern Candidus)

  • Zombiefilme des 20. Jahrhunderts (Teil 1)

    Zombiefilme des 20. Jahrhunderts (Teil 1)

    ZOMBIEFILME DES 20. JAHRHUNDERTS (Teil 1)

    Teil 1: Von WHITE ZOMBIE bis DAWN OF THE MUMMY

    Bjoern und Gregor begeben sich für ein zweiteiliges Spezial in die Welt der Zombies. Es geht um die Anfänge, die mit WHITE ZOMBIE (1932) und I WALKED WITH A ZOMBIE (1943) gemacht wurden bis hin zur Zombie-Revolution durch George A. Romero, seinen zahlreichen Epigonen bis hin zur Speerspitze von Peter Jackson.

    Demnächst:

    Teil 2: Von DEAD & BURIED bis WILD ZERO

  • Games, 1967 – ★★★★

    Games, 1967 – ★★★★

    SATANISCHE SPIELE
    (GAMES, USA, 1967, Regie: Curtis Harrington)

    Paul und Jennifer Montgomery leben in einem höchst luxuriösen Haus in New York. Um sich das Leben schöner zu gestalten, veranstalten sie gerne bizarre Partys mit esoterischen Experimenten und sonstigem Hokuspokus. Eines Tages spricht eine ältere Dame Jennifer vor ihrem Haus an und behauptet ihre Freundin zu kennen. Leichtgläubig lässt Jennifer die Dame ins Haus, die sich als Lisa Schindler vorstellt. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass die Frau gelogen hat, sie kennt Jennifers Freundin gar nicht. Eigentlich möchte sie, aus der Not heraus, einige Kosmetikartikel aus ihrem Koffer verkaufen, da sie wohnungslos ist. Statt die Frau vor die Tür zu setzen, bieten Jennifer und Paul ihr ein Zimmer im Haus an, wo sie erst mal wohnen kann. Die Drei verstehen sich gut, zelebrieren gemeinsam ihre sonderlichen Rituale und treiben Spaß miteinander. Doch aus dem Spaß wird ernst, als Paul versehentlich Norman vom Supermarkt erschießt, der die Lebensmittel ins Haus der Montgomerys liefert. Paul und Jennifer müssen die Leiche verstecken und dafür sorgen, dass ihre neue Mitbewohnerin Lisa sie nicht entdeckt. Anfangs läuft alles nach Plan, aber allmählich beginnt Jennifers schlechtes Gewissen durchzudringen…

    WER HAT TANTE RUTH ANGEZÜNDET? (1972), BLUTIGE RUBY (1977)… In der Filmografie von Curtis Harrington finden sich einige sehenswerte Psycho-Thriller und Horrorfilme, und mit SATANISCHE SPIELE ist ihm ein richtiger spannender und gut erzählter Wurf gelungen, der besonders Hitchcock-Freunde ansprechen dürfte. Rein visuell ist der Film schon eine Augenweide. Kameramann William A. Fraker (BULLIT, 1968) hat hier die unglaublich schicke 60er-Jahre Einrichtung in all ihren Farben und Formen meisterlich eingefangen und hat mich dabei nicht nur einmal an Mario Bava erinnert. Hier gibt es überall was zu sehen, besonders Kunst an den Wänden oder skurrile Maschinen, die Sturm und Licht erzeugen. Der Film bewegt sich fast ausschließlich im Haus der Montgomerys, ohne dabei steif oder sperrig zu wirken. Alles ist schön, nur nicht die Charaktere der Menschen, die in dem Haus wohnen. Mit NIGHT TIDE (1961) feierte Harrington sein Langfilm-Debüt und besetzte in dem Horror-Liebes-Drama Dennis Hopper, der damals auch noch am Anfang seiner Karriere stand. Hier ist es ein 27-jähriger James Caan, der ein Jahr vorher in EL DORADO (1966) vor der Kamera stand. Caan wirkt immer etwas unterkühlt, und hier ist es nicht anders, was kein Problem ist. An seiner Seite ist Katharine Ross (DIE REIFEPRÜFUNG, 1967) als Jennifer, die allerdings durch den dominanten Charakter von Lisa (Ilona in der dt. Fassung) etwas in den Hintergrund gerät. Lisa Schindler wird dargestellt von Simone Signoret (DIE TEUFLISCHEN, 1955), was eine fabelhafte Idee war. Sie hat mich etwas an Shelley Winters erinnert, was nicht schlecht sein kann. Bis auf ein paar andere Darsteller mit kurzen Auftritten, dreht sich die Story um diese drei Personen, und das reicht vollkommen aus, um die Spannung bis zum Ende aufrecht zu halten. Obwohl es sich in erster Linie um einen Thriller handelt, mischt Harrington auch typische Horrorfilm-Zutaten mit rein, die die Atmosphäre noch mal verstärken. Sturm, Regen und Gewitter; dazu das thematisieren von Okkultismus und Esoterik, was zur damaligen Zeit sehr angesagt war, was sich auch ein Jahr später durch Roman Polanskis Meisterwerk ROSEMARY‘S BABY zeigte, der das Horror-Kino revolutionierte.

    SATANISCHE SPIELE ist ein packend inszeniertes Thriller-Kammerspiel mit schönen Bildern und tollen Darstellern. Sehr gut.

    (Bjoern Candidus)

  • Batman vs. Two-Face, 2017 – ★★★★

    Batman vs. Two-Face, 2017 – ★★★★

    BATMAN VS. TWO-FACE
    (USA, 2017, Regie: Rick Morales)

    Mad Scientist Doctor Hugo Strange hat eine Maschine erfunden, die Menschen ihre Boshaftigkeit absaugen kann. Da kommen Strange Gothams Schwerverbrecher wie der Joker, der Pinguin, der Riddler, Egghead und Mr. Freez gerade gelegen. Zeuge dieses gefährlichen Experimentes ist Batman, Robin und Staatsanwalt Harvey Dent. Es kommt, wie es nicht kommen soll: die Konzentration Boshaftigkeit, die von den Superschurken ausgeht, ist so gewaltig, dass es zu einer Explosion kommt, bei der Harvey Dent schwere Gesichtsverletzungen erleiden muss. Aus Bruce Waynes gutem Freund wird Two-Face, und der hat keine guten Absichten.

    Wer von der komplett wahnsinnigen 60er-Jahre BATMAN-Serie nicht genug bekommen kann, der darf sich freuen, denn stilistisch orientiert sich BATMAN VS. TWO-FACE, wie schon BATMAN: RETURN F THE CAPED CRUSADERS (2016), an eben dieser Bat-Epoche. Und ja, das Retro-Konzept geht absolut auf und setzt den schrillen, farbenfrohen Irrsinn gekonnt fort. Ich fühlte mich sofort zu Hause. Der einzige Unterschied: das Gotham-City meiner Kindheit mit all den Helden und Schurken wie ich es einst auf SAT.1 (und später auf BD ) erleben durfte, ist nun gezeichnet, aber das auf höchst respektvolle Art. Dass hier vor allem die bekanntesten Schurken wie der Joker, der Pinguin und der Riddler einen kurzen Auftritt haben, ist natürlich ein goldiger Fan-Service, und auch an Catwoman und King Tut wurde gedacht, aber besonders geschickt ist die Einführung von Harvey Dent alias Two-Face, der nämlich in der damaligen TV-Serie ausgelassen wurde, da man Angst hatte, dass der Charakter für die Serie zu grausam sei. Man darf sich also auf eine ganz neue Origin-Story von Two-Face freuen, in der Batman und Robin, treu dem Gesetz der zugrundeliegenden Serie, in Gefahren geraten, in Fallen tappen und dem sicheren Tod ins Auge blicken, bevor sie zum Rettungsschlag von Gotham City ausholen. Der Vorteil einer animierten Fortsetzung ist natürlich die Sprengung von darstellerischen Grenzen, wie es bei der damaligen Realserie nicht möglich war. Und so wird sehr viel mehr auf Action und Bombast gesetzt, der sich aber immer dem schrägen Grundcharakter anpasst.
    Besonders gut hat mir im Übrigen die Szene mit dem eifersüchtigen Robin gefallen, dem sein Batman nicht schnell genug zurückkommen konnte. Und eine Maschine, die die Boshaftigkeit aus den Köpfen der Menschen absaugen kann, wäre dringend nötig. Wer mit O-Ton guckt, darf sich auf die Stimmen von Adam West und Burt Ward als Batman und Robin freuen. Ach ja, und William Shatner spricht Harvey Dent / Two-Face.

    BATMAN VS. TWO-FACE ist ein gelungener Nostalgie-Trip, der nichts vermissen lässt, was die damalige TV-Serie ausgezeichnet hat.

    (Bjoern Candidus)

  • Short Night of Glass Dolls, 1971 – ★★★★★

    Short Night of Glass Dolls, 1971 – ★★★★★

    MALASTRANA
    (LA CORTA NOTTE DELLE BAMBOLE DI VETRO, Deutschland, Italien, Jugoslawien, 1971, Regie: Aldo Lado)

    Gregory Moore, ein amerikanischer Auslandskorrespondent, verweilt mit seiner Freundin Mira in Prag. Doch diese verschwindet plötzlich. Da ihm die Polizei, trotz dem auffinden einer Frauenleiche, nicht groß zur Seite steht, begibt er sich selbst auf die Suche nach Mira. Unterstützt wird er dabei von Jacques und seiner ehemaligen Geliebten Jessica.

    Wer die Schönheit und einzigartige Bildästhetik des italienischen Giallo-Kinos der 1960er- und 70er-Jahre zu schätzen weiß, der kommt um Aldo Lados Mystery-Horror-Giallo MALASTRANA nicht herum. Was als erstes ins Auge sticht ist der Handlungsort: Prag. Prag ist im Rahmen des Giallo-Kinos wohl absolut einzigartig, und Lado versteht es mit Bravour, diese schöne Stadt zu nutzen, um seinen Hauptdarsteller Jean Sorel und den Zuschauer in einen finsteren Strudel zu schicken. Die Außenaufnahmen entstanden größtenteils in Prag, während die Innenaufnahmen in den De Paolis Studios in Rom produziert wurden. Doch wo auch immer was entstanden ist, Lado und Kameramann Giuseppe Ruzzolini (MEIN NAME IST NOBODY, 1973) liefern wunderschöne Bilder, die in ihrer Qualität das Gros ähnlich gelagerter Filme jener Tage übertrumpft. Die Architektur von Prag, die Innenräume mit den vielen Details, Symbolen und der prächtigen Farbästhetik, erschaffen eine mysteriöse Stimmung, die sich zunehmend verdichtet. Eine Atmosphäre der Paranoia entsteht, die durch die vielen höchst verdächtigen Personen nur noch mehr angetrieben wird. Wie passend, befinden wir uns doch hier in einer kommunistischen Tschechoslowakei. Die düstere Aura, die der Film fast durchgehend besitzt, wird von Ennio Morricones dissonanten, fast delirierenden Klängen perfektioniert. Doch nicht nur die Form, das Auditive und die Story an sich überzeugen, sondern auch die Darsteller. Besonders Jean Sorel (NACKT ÜBER LEICHEN, 1969) ist wieder spitze, der als Gregory Moore wirklich nichts zu lachen hat. Das weiß man direkt von Anbeginn, denn Lado erzählt die Story aus den Erinnerungen von Gregory Moore, der sich in einer äußerster prekären Situation befindet, und der Zuschauer wird mit ihm herausfinden, wie es zu dieser kam. Jessica, Moores verflossene Liebschaft, wird von Ingrid Thulin (WILDE ERDBEEREN, 1957) verkörpert, während die verschollene Mira von Bond-Girl Barbara Bach (DER SPION, DER MICH LIEBTE, 1977) dargestellt wird. Zu der Naturgewalt Mario Adorf, der Moores Freund Jacques spielt, muss nichts mehr gesagt werden, der Mann steht für sich, und das immer noch (Stand: 12.03.2024). José Quaglio (THE CHILD – DIE STADT WIRD ZUM ALPTRAUM, 1972) zeigt sich als Valinski mysteriös, Luciano Catenacci (DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA, 1966) tritt als Mitarbeiter der Leichenhalle auf, während Jürgen „König von Mallorca“ Drews an der Moldau sitzt und seine Ballade „The short Night of the Butterflys“ zum Besten gibt.

    Mit MALASTRANA hat Aldo Lado ein in jeder Hinsicht wuchtiges Filmdebüt hingelegt, was Filme wie ROSEMARY‘S BABY (1968) durchblicken lässt und fast eine Vorahnung auf WENN DIE GONDELN TRAUER TRAGEN (1973) sein könnte. Auch Filme wie
    DAS PARFÜM DER DAME IN SCHWARZ (1974) von Francesco Barilli und DIE NACHT DES TODES (1980) von Raphaël Delpard schlagen in eine ähnliche Kerbe.

    (Bjoern Candidus)

  • Galaxina, 1980 – ★★½

    Galaxina, 1980 – ★★½

    GALAXINA
    (USA, 1980, Regie: William Sachs)

    Im 31. Jahrhundert kreuzt die Polizei mit Raumschiffen durch das All, um für Recht und Ordnung zu sorgen, sowie der Polizeikreuzer „Infinity“ unter der Leitung von Captain Cornelius Butt. Neben ein paar menschlichen Sicherheitskräften ist auch der weibliche Android Galaxina an Bord, der nicht nur Gefühle empfinden kann, sondern auch tatkräftig zur Seite steht, wenn es um den Kampf geht. Eines Tages erhält die „Infinity“ den Auftrag, einen mächtigen Kristall, den „Blue Star“, auf dem Planeten Alter 1 zu finden, der die Kraft hat, das ganze Universum zu kontrollieren. Natürlich sind sie nicht die Einzigen, die an dem Kristall interessiert sind. Es kommt zu einer abenteuerlichen Reise mit interstellaren Gefechten, die auf einem Wild-West-Planeten mit Aliens auf Harley-Davidson Motorrädern führt.

    Mein Hauptproblem, was ich mit William Sachs Regiearbeit GALAXINA haben würde, hat sich schnell bestätigt: der Humor. Es ist nicht so, dass ich hier komplett gebremst wurde, aber die meisten Gags und Sprüche haben entweder gar nicht gezündet oder schnell genervt. Aber Sachs, der der Welt den herrlichen Schmelzmann-Horrorfilm PLANET SATURN LÄSST SCHÖN GRÜSSEN (1977) schenkte, hält durchaus andere Nettigkeiten parat. Welche Filme hier kopiert, bzw. persifliert werden, liegt schnell auf der Hand. Schon der Intro-Fließtext, der immer schmaler werdend im Weltall verschwindet, verrät den KRIEG DER STERNE (1977), der hier immer wieder zu sehen ist. Das Make-up der Aliens, die Bars usw. sind direkte Anlehnungen an George Lucas damals noch überschaubarem STAR WARS – Universum. Aber auch ALIEN (1979) wird direkt aufgegriffen, und einen dummen STAR TREK – Witz hat man natürlich auch auf Lager. Egal. Sachs war jedenfalls schneller als Mel Brooks mit SPACE BALLS (1987). Was auch sehr ansehnlich ist, sind die Raumschiff-Modelle. Da ist z.B. eine Art Raubvogel-Raumschiff, was direkte Erinnerungen an He-Mans Talon-Fighter (*den dürfte es da gar nicht gegeben haben) erweckt hat, möglicherweise aber auch ein Wink in Richtung romulanischem Imperium ist.
    Die Modelle, die Ausstattung, die Formen, die Farben, die Kostüme und die vielen phantasievollen Figuren verschmerzen den flachen Wortwitz. Und klar, wenn ein Titten-Android wie Galaxina im Raume steht, drehen die Männer durch und kramen im Katalog chauvinistischer Flachsprüche, die für die 1980er-Jahre noch völlig normal waren.
    Die schöne Galaxina wird im Übrigen von Dorothy Stratten dargestellt, die kurze Zeit später von ihrem Ehemann umgebracht wurde, der scheinbar nicht damit leben konnte, dass er, im Gegensatz zu Dorothy, nicht „Playmate des Jahres“ wurde.
    An ihrer Seite stehen Stephen Macht (Stephen King‘s NACHTSCHICHT, 1990) und Avery Schreiber (CAVEMAN, 1981).
    Dass die Story nicht viel hergibt, ist zu verkraften, aber es dauert eine Dreiviertelstunde, bis die eigentliche Reise, die die menschlichen Crewmitglieder 27 Jahre in einer Schlafkammer schlafenden verbringen, losgeht, und das bremst das Geschehen anfänglich ziemlich aus.

    Blöde Witze, coole Designs – GALAXINA schwebt zwischen gut und schlecht.

    (Bjoern Candidus)

  • The Margin, 1976 – ★★★★★

    The Margin, 1976 – ★★★★★

    EMANUELA ’77
    (LA MARGE, Frankreich, 1977, Regie: Walerian Borowczyk)

    Sigismond lebt mit seiner Frau Sergine, seinem Sohn und einem Hund auf dem Land in Frankreich. Er wird geschäftlich nach Paris geschickt und muss seine Familie das erste Mal länger alleine lassen. In Paris angekommen, dauert es allerdings nicht lange, bis sich die Prostituierte Diana (Emanuela in der dt. Synchronisation) an ihn heranmacht.

    Oft bedarf es nur wenige Worte, manchmal sogar gar keine, um Großes zu vermitteln. EMANUELA ’77 ist einer dieser Filme, die fast wortlos daherkommen, einen packen und in mit ihrem Schweigen doch so viel erzählen. Es finden sich zwar durchaus Dialoge, aber die sind sehr spärlich gesät. Dem deutschen Verleih wurde allerdings zu viel geschwiegen, und so wagte man es, Sylvia Kristel und Joe Dallesandro während ihrer sexuellen Aktionen mit inneren Monologen auszustatten, die einem Auskunft über das Gefühlsleben der jeweiligen Personen geben. Im Originalton wird in diesen Szenen geschwiegen, dafür ergänzen die Songs, die im Film auftauchen das Gefühlsleben, und besonders „I‘m not in love“ von 10cc wird hier wundervoll eingesetzt. Auch Pink Floyd darf ran und begleitet eine prickelnde Szene mit „Shine on You Crazy Diamond“. Ganz groß. Der Soundtrack ist ein cleverer Schachzug, ein emotionaler Schachzug. Durch die hervorragende Fotografie von Bernard Daillencourt (UNMORALISCHE GESCHICHTEN, 1973), dem Schnitt und dem gesamten Arrangement der Impressionen gewinnt der Film zudem eine sehr modernen Musikvideo-Ästhetik. Das Eine unterstützt das Andere.
    Selbst eine Fahrt mit dem Aufzug wird zu einem visuellen Highlight, ebenso ein Strip mit Projektionen auf der Haut einer Dame ist Balsam für die Augen. Gerade in solchen Momenten musste ich an Dario Argento und Mario Bava denken, aber auch Jess Franco drängte sich mir auf. Aber man ist eben im Kino von Walerian Borowczyk, und das steht für sich alleine. Der Mann versteht es, mit den Emotionen des Zuschauers zu jonglieren. EMANUELA ’77 startet auf dem französischen Land. Es regnet, der Wind heult, ein Gefühl der Bedrückung setzt ein und wird direkt zerrissen von der Liebe zwischen Sergine und Sigismond, die liebend durch die Büsche huschen, um schließlich im Bett zu landen, wo Sigismond ein großes Versprechen gibt, was er wenig später bricht. Den Kontrast der zwei Welten hat Borowczyk wie mit einem Hammer spürbar gemacht. Hier steht das Leben auf dem Land in einer wunderschönen Natur und einem scheinbar perfekten Familienleben in einem weitläufigen Haus, inklusive Hauswirtschaftsdame, gegen den düsteren, dreckigen und verdorbenen Anstrich, den man von Paris serviert bekommt. Ein Ort der Laster und Lüste, und ein gefährlicher Ort für Ehemänner, die ihren Ehefrauen ewige Treue geschworen haben. Statt über Wiesen mit seiner liebsten Sergine zu laufen, schlendert Sigismond nun durch den Rotlichtbezirk von Paris, wo die hinreißende Diana zu finden ist, wie ihm sein Chef per Brief geflüstert hat. Es dauert nicht lange, bis er ihr über den Weg läuft, und dann beginnt das Drama. Und mit der sehr schönen Sylvia Kristel (EMMANUELLE, 1974) hat Borowczyk absolut ins Schwarze getroffen. Von ihr geht eine magische Anziehungskraft aus, die in jeder Szene spürbar ist. Neben ihrem wirklich schönen Gesicht und ihrem grazilen Körper, ist auch ihr Schambereich nicht nur einmal im Zentrum des Bildes. Aber man braucht natürlich auch das passende Häschen, und mit Joe Dallesandro (FLESH, 1968) hat man ein überaus schönes an Land gezogen. Er war nie ein Mann, großer Worte, und von großem schauspielerischem Talent ist sicherlich auch nicht die Rede, aber er ist ein Mann mit Ausstrahlung. Sein Charisma ist sein Talent. Doch hinter der charmanten Fassade von Sigismond steckt ein Mann, der die erstbeste Gelegenheit nutzt, das Versprechen gegenüber seiner Frau zu brechen und fremdzugehen. Viel Raum bleibt allerdings nicht, um sich über dieses schändliche Verhalten Gedanken zu machen, denn Borowczyk sorgt dafür, dass man sich hier mit vielen anderen Dingen beschäftigen kann. Immer wieder tauchen Figuren auf, die mit ihrem Verhalten für die Aufmerksamkeit des Zuschauers Sorgen, z.B. eine alte, bucklige Besitzerin eines Stundenhotels, die ihre voyeuristische Ader befriedigt, in dem sie durchs Schlüsselloch der jeweiligen Hotelzimmer blickt. Überhaupt wird hier viel beobachtet und durch Fensterscheiben in andere Räume geblickt. Zudem gibt es auch ein paar höchst aggressive Männer, neben vielen sexgeilen, die hier in den Clubs und Bars unterwegs sind. Aber egal, ob man Silvia Kristels Mumu oder Joe Dallesandros Penis sieht, die erotischen Szenen wirken nie billig, peinlich oder aufgesetzt.
    Die natürliche Freizügigkeit, wird bereits in einer kurzen Szene am Anfang angedeutet, wenn sich die nackte Sergine ihrem Sohn zeigt. Trotz Liebe, Verliebtheit und erotischer Abenteuer, wird spätestens im letzten Drittel das Drama deutlich und hat mich kalt erwischt. Basieren tut das Ganze auf einer Novell von André Pieyre de Mandiargues, auf den Walerian Borowczyk nicht nur einmal zugegriffen hat.

    EMANUELA ’77 ist ein hochpotentes Erotik-Drama von einem außergewöhnlichen Regisseur, was mich zu jeder Sekunde elektrisiert hat.

    (Bjoern Candidus)

  • The Last Dinosaur, 1977 – ★★½

    The Last Dinosaur, 1977 – ★★½

    Erstsichtung:

    DER LETZTE DINOSAURIER
    (THE LAST DINOSAUR, Japan, USA, 1977, Regie: Alexander Grasshoff, Tsugunobu Kotani)

    Masten Thrust, der reichste Mann der Welt, und ein ziemlich widerlicher noch dazu, will mit seinem Polar Bohrer in eine Welt vordringen, die in etwa unserer Urzeit entspricht. Bei der ersten Reise, bei der er nicht dabei war, kam es zu einem Zwischenfall mit einem Tyrannosaurus Rex, der die gesamte Crew bis auf einen gefressen hat. Masten, eine Fotografin und drei weitere Abenteurer und Wissenschaftler begeben sich auf die Reise mit einem Riesenbohrer, der sich durch den Meeresboden in eine unbekannte Welt voller Gefahren bohrt.

    Die japanisch-us-amerikanische Koproduktion, die unter der Regie von Alexander Grasshoff und Tsugunobu Kotani entstanden ist, fügt zwei große Geschichten zusammen: „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ (1864) von Jules Verne und „Das vergessener Land“ (1918) von Edgar Rice Burroughs. Allerdings passiert das stillschweigend, ist aber kaum zu übersehen, zumal beide Geschichten bereits wunderbar verfilmt wurden. William Overgard, der für das Storykonstrukt verantwortlich ist, hat also relativ leichtes Spiel gehabt, könnte man meinen. Dennoch fühlt sich der Film in seiner Gesamtheit noch eigen genug an.

    Masten Thrust, der reichste Mann der Welt, der mehr den Eindruck von der dümmsten Wurst der Welt macht, wird von Richard Boone (HAVE GUN – WILL TRAVEL, 1957-1963) dargestellt und ist ein ziemlicher Kotzbrocken, der vor allem gerne Jagd auf wilde Tiere macht. Das Schlimmste ist aber sein theatralisches Gerede, was sich gegen Ende bis zur Lächerlichkeit zuspitzt. Überhaupt wird hier viel geredet, und eine Straffung hätte dem Film sicherlich gutgetan. Aber genug der negativen Worte. Die restliche Besetzung fällt kaum auf, also auch nicht negativ. Mit Joan van Ark, die in sämtlichen US-TV Serien aufgetreten ist, hat man ein „typisches Weibchen“ an Bord, um das sich Masten Thrust oder der junge Geologe Chuck Wade, dargestellt von Steven Keats, kümmert. Die Stars sind hier ganz klar die Dinosaurier. Richtig! Hier taucht nämlich nicht nur ein Dinosaurier auf, sondern gleich mehrere. Neben dem T-Rex ist z.B. auch ein Triceratops dabei, während am Himmel zwei Pteranodons schweben. Der T-Rex ist allerdings die Hauptattraktion des Films und bekommt relativ viel Sceentime, sieht aber auch nicht wirklich prickelnd aus. Meistens bewegt sich ein Mann im Gummikostüm, was ja nicht das Problem wäre, aber das Design der Riesenechse ist weniger gelungen. Dennoch erkennt man die Liebe, die das japanische Effektstudio Tsuburaya Productions in den Film gesteckt hat. Nicht nur die echte japanische Naturkulisse ist wunderschön anzuschauen, sondern auch die prähistorischen Modelllandschaften mit Riesenpflanzen, dampfenden Seen oder den knöchernen Überresten der T-Rex-Mahlzeiten. Das sah in CAPRONA – DAS VERGESSENE LAND (1974) alles besser aus, aber in dem Punkt muss sich DER LETZTE DINOSAURIER auch nicht verstecken. Und wo Dinosaurier sind, dürfen Höhlenmenschen nicht fehlen, zumindest nicht im Kino, und die werden von mit Haaren beklebten Asiaten dargestellt, was sonderbarer klingt als es letztlich ist. Insgesamt gibt es viel zu entdecken, die Inszenierung bietet relativ viel Action und Bewegung und wenn sie mal wieder in Leerlauf gerät, kann man sich am Hintergrund laben.

    DER LETZTE DINOSAURIER liefert auch für 1977 nichts Neues, serviert aber Bekanntes in schönen Bildern und ist ausgestattet mit liebevollen Modellen und Kostümen, die den Dinosaurierfilm-Freund erfreuen sollten.

    (Bjoern Candidus)

  • Immoral Tales, 1973 – ★★★★

    Immoral Tales, 1973 – ★★★★

    UNMORALISCHE GESCHICHTEN
    (CONTES IMMORAUX, Frankreich, 1974, Regie: Walerian Borowczyk)

    Vier erotische Geschichten sind es, die Walerian Borowczyk hier in wunderschönen Bildern präsentiert. Ursprünglich war auch sein Film LA BÊTE Teil dieses Episodenfilms, doch da dieser den Zeitrahmen gesprengt hätte, entschied sich Borowczyk daraus einen abendfüllenden Film zu machen. Die Langfassung von UNMORALISCHE GESCHICHTEN wurde 1973 uraufgeführt, während 1974 die gestraffte Fassung in die Kinos kam. Im digitalen Zeitalter hat man die Möglichkeit, beide Fassungen sehen zu können. Hier beziehe ich mich aber auf die offizielle Kinofassung, die schon reichhaltig genug ist, um einem die Zeit zu versüßen.

    Und so erlebt man, angesiedelt in unterschiedlichen Jahrhunderten, z.B. einen jungen Studenten, der seiner Cousine Ebbe und Flut anhand von Oralsex beibringt. Man wird Zeuge wie sich ein Mädchen mit einer Schlangengurke im Namens Gottes befriedigt und wenig später dafür bestraft wird. Auch die allseits bekannte Elisabeth Báthory (hier dargestellt von Pablo Picassos Tochter Paloma) kommt zum Zug und badet in jungfräulichem Blut, während in der letzten Episode Lucrezia Borgia ihren inzestuösen Trieb mit ihrem Vater und Bruder auslebt.

    Borowczyk hat also einiges zusammengetragen, um Sittenwächtern, Moralhanswursten, Konservativen und Kirchenvertretern auf die Füße zu treten und gleichzeitig ein hoch ästhetisches Kunstwerk abzuliefern, als sei es für ihn das Einfachste auf der Welt. Auch wenn sich für jede Episode ein anderer Kameramann verantwortlich zeigte, harmonieren sie alle perfekt miteinander. Jedes Bild erstrahlt wie das Gemälde es alten Meisters, auch wenn man nur einen Hahn sieht, der auf einem Amboss sitzt. Besonders in der zweiten Episode „Thérèse philosophe“ kann man deutlich Borowczyks Stil seiner frühen Stop-Motion-Kurzfilme erkennen. Das Meer, die Küste, Felder und „heilige“ Plätze werden bespielt. Wo man auch hinguckt, die Augen werden belohnt. Wie üblich im Kino des polnischen Wahl-Franzosen, gibt es hier natürlich auch wieder Ansichten des weiblichen Schambereiches, während sich Phallus-Freunde auf einen gezeichneten Pferdepenis beschränken müssen. Alles geht eben nicht.

    UNMORALISCHE GESCHICHTEN ist ein Geschenk für das erotische Kino, was hier zwischen Sinnlichkeit, Drastik und Provokation hin und her pendelt.

    (Bjoern Candidus)