Autor: marco-fritz

  • They Are Among Us, 2004 – ★★★

    They Are Among Us, 2004 – ★★★

    DARK COLONY
    (THEY ARE AMONG US, USA, 2004, Regie: Jeffrey Obrow)

    Jeffrey Obrow, der den sehr ansehnlichen Monster-Horrorfilm ANTHONY (1987) fabriziert hat, serviert hier einen weiteren Film, der in der Tradition von Filmen wie
    INVASION OF THE BODYSNATCHERS (1956/1978/93/07) oder
    INVASION FROM MARS (1953/1986) steht, aber auch AKTE X drängt sich auf. Neuigkeiten gibt es also nur sehr wenige, aber Altes wurde immerhin solide aufbereitet.

    Nach einem spannenden Anfang, der einen schon mal Paranoia-Kino verspricht, springt die Handlung ein paar Tage zurück. Wir lernen Daniel, den Protagonisten kennen, der merkwürdige Auffälligkeiten bei seinen Eltern feststellt, die immer wieder mit einer kleinen Truhe beschäftigt sind, die sie hüten und stets im Haus verstecken. Mit seinen Freunden suchen sie nach der Truhe, die sie schließlich finden, und damit beginnt der Schrecken, der seinen Ursprung im All hat.

    Die Inszenierung zeigt sich schon von Beginn an düster und legt die Weichen für das bekannte Was-passiert-mit-meiner-Umwelt-Paranoia-Thema, was bei dieser Filmgattung nichts ungewöhnliches ist. Da der Hauptdarsteller und seine beiden Freunde im Teenager-Alter sind, werden hier natürlich auch die 80er-Jahre beschworen, wie heute mit STRANGER THINGS. Die Formel Jung-gegen-Böse ist einfach, aber bewährt.

    Die obligatorische Kleinstadt irgendwo am Arsch der Welt fehlt ebensowenig wie eine gewiefte Computer-Expertin, ein Wissenschaftler, verschrobene Bewohner und Lebensformen aus dem Weltraum, die eine Mission haben. Für einen TV-Film wird einem eine recht dichte Atmosphäre präsentiert, die bis zum Ende aufrecht erhalten bleibt. Die Spannung schwankt, es gibt zähe Momente, aber insgesamt hat es der Film geschafft, mich bei Laune zu halten. Man sollte hier keine großen Effekte erwarten, aber
    gegen Ende fehlt nicht mal ein Animatronic-Alien-Modell.
    Auch die Wahl der Darsteller ist okay. Mit Nana Visitor, Bruce Boxleitner und Clint Eastwoods Töchterchen Alison Eastwood sind hier sogar kleine Bekannte dabei.

    DARK COLONY sieht zwar nach 90er-Jahre-Fernsehen aus, gewinnt durch das Ende fast den Eindruck, als hätte man es mit einem Pilotfilm für eine Serie zu tun und bietet unter dem Strich keine großen Offenbarungen im Invasions-Kino. Dennoch habe ich hier genau das bekommen, was ich erwartet habe und war am Ende zufrieden.

    (Bjoern Candidus)

  • Butcher, Baker, Nightmare Maker, 1981 – ★★★½

    Butcher, Baker, Nightmare Maker, 1981 – ★★★½

    NIGHT WARNING

    (USA, 1981, Regie: William Asher)

    Nach dem Tod seiner Eltern wächst Billy bei seiner Tante Cherylauf, die ihn abgöttisch liebt. Vierzehn Jahre später ist Billyzu einem recht attraktiven jungen Mann geworden, der studieren möchte. Plötzlich kochen in Tante Cheryl Verlustängste auf, die sie vor nichts zurückschrecken lässt.

    William Asher, der vor allem Episoden für US-Serien wie TWILIGHT ZONEoder VERLIEBT IN EINE HEXE gedreht hat, hat hier einen dichten Psycho-Drama-Terrorfilm gezimmert. Das Ganze ist ein Gemisch aus durchaus bekannten Themen. PSYCHO (1960) lässt grüßen, BUIO OMEGA (1979) blitzt auf und FREITAG DER 13.(1980) ist deutlich zu spüren, es folgten Filme wie DER KÄFIG(1985) und MISERY (1990).

    Die Inszenierung ist lange Zeit sehr ruhig, wird hin und wieder mit kleinen Gewalteinlagen oder anderen Irritationen angereichert, die sich gegen Ende blutig zuspitzen. Das dürfte wohl auch der Grund sein, warum es der Film hierzulande nicht leicht hatte. Dazu werden Themen wie Sexualität, besonders Homosexualität, Verlustängste und psychische Störungen aufgegriffen. Auch wenn Susan Tyrrell als Tante Cheryl manchmal etwas zum Overacting neigt, macht es doch großen Spaß, ihrem Irrsinn zu folgen. Susan Tyrrell kann man z.B. auch in FLESH & BLOOD (1985) und in DIE NACHT DER SCHREIE (1987) entdecken. Gar nicht schlecht ist auch Jimmy McNichol als Billy Lynch, der auffälligerweise ständig seinen adretten Körper präsentiert, was seiner Tante sicherlich nicht ungelegen kam. Mir allerdings auch nicht. Zudem ist der Film wertig fotografiert und wurde von niemand geringerem als von Ted Nicolaou, dem Vater der SUBSPECIES – Reihe, geschnitten.
    Das ländliche Setting, das Haus von Cheryl und Billy baut eine dichte Atmosphäre auf, die mich, auch in Verbindung mit den Gore-Effekten, nicht nur einmal an FREITAG DER 13. erinnerte.

    Beklemmend, psychotisch, blutig und handwerklich auf gutem Niveau: NIGHT WARNING.

    (Bjoern Candidus)

  • Traumstadt Gazette Ausgabe 62

    Traumstadt Gazette Ausgabe 62

    Bjoern Candidus und Patrick Siebold präsentieren Euch die 62. „Traumstadt Gazette“ und sie haben folgendes im Gepäck: Horror aus deutschem Lande gibt es mit HOME SWEET HOME (2023), Sylvia Kristel und Joe Dallesandro lassen die Hüllen fallen in Walerian Borowczyks EMANUELA ’77 (1976), Angst und Schrecken im Schützengraben liefert DEATHWATCH (2002), DER MÖRDER MIT DEM ROSENKRANZ (1987) erschwert das Leben von Donland Sutherland als Priester und weil das Leben ohne Monsterfilme viel zu langweilig ist, ist auch DAS MONSTER AUS DER TIEFE (1980) und DAS UNGEHEUER VON LOCH NESS (1959) am Start.

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

    Facebook: https://www.facebook.com/AntenneTraumstadt

    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • Schizo, 1976 – ★★★½

    Schizo, 1976 – ★★★½

    AMOK
    (SCHIZO, GB, 1976, Regie: Pete Walker)

    Samantha hat eine schreckliche Vergangenheit: Ihre Mutter wurde von einem Mann namens Haskin getötet. Haskin wurde gestellt und verhaftet. Viele Jahre später heiratet sie den Industriellen Alan Falconer, doch auf der Hochzeitsfeier sieht Samantha Haskin, der sich eingeschlichen hat und offensichtlich aus dem Gefängnis entlassen wurde. Da niemand anderes den Mann gesehen hat oder identifizieren konnte, glaubt man Samantha ernst nicht, doch dann kommt es zu Morden in ihrem Umfeld.

    Es ist schon beeindruckend, wie viele Knaller Pete Walker in nicht mal zwei Jahrzehnten abgefeuert hat, und so erschien im Jahre 1976 nicht nur sein HAUS DER TODSÜNDEN, sonder auch AMOK. Wie schon bei IM RAMPENLICHT DES BÖSEN hat man es hier mit einem Pre-Slasher zu tun, vorausgesetzt, man legt die Grenze bei HALLOWEEN (1978), der sich auch mit giallotypischen Elementen schmückt. Die Darstellung der Morde, die Auflösung im letzten Drittel und besonders die spiritistische Gruppensitzung könnte geradewegs aus PROFONDO ROSSO (1975) stammen. Rein optisch ist man jedenfalls ganz klar im britischen Kino von Peter Walker. Die anfängliche Ansammlungen der üblichen alten Menschen im Walker-Kino, löst sich im weiteren Verlauf etwas auf, dennoch stehen die Alten auch hier immer wieder im Rampenlicht, wie z.B. Haskin. Der runzlige, marode Anstrich der Häuser und Wohnungen seiner Produktionen ist auch hier wieder vertreten; als wäre der Holzwurm nicht weit. Der Mann versteht etwas von natürlicher, aber bedrückender Atmosphäre. Aber er ist auch immer gut für garstige Figuren, die schreckliche Dinge tun, und das Phantom, was hier mordet, schneidet schon mal eine Kehle durch oder versetzt einem Kopf Schläge mit dem Hammer. Die gut dosierten Gewalt-Szenen sind spannend inszeniert. Auch bei den Darstellern gibt es nichts zu mäkeln. Hauptcharakter Samantha wird von Lynne Frederick (CIRCUS DER VAMPIRE, 1972 / PHASE IV, 1974) dargestellt, die hier eine solide Leistung abliefert. Ihr Film-Ehemann Alan Falconer wird von John Leyton (GESPRENGTE KETTEN, 1963) dargestellt und ihre Freundin Beth von Stephanie Beacham (EMBRYO DES BÖSEN, 1973). Jack Watson (DIE BRENNENDEN AUGEN VON SCHLOSS BARTIMORE, 1964) schlüpft in die Rolle von William Haskin.

    Spannung, Paranoia, blutige Morde, verschrobene alte Herrschaften und eine junge Frau mit Problemen bestimmen diesen Slasher-Thriller aus dem von mir gern gesehenen Hause Walker.

    (Bjoern Candidus)

  • The Gardener, 1974 – ★★★

    The Gardener, 1974 – ★★★

    DIE SAAT DES TODES
    (THE GARDENER, USA, 1974, Regie: James H. Kay)

    Das gut betuchte Ehepaar Bennett hat ein riesiges Anwesen mit weitläufigem Garten. Ellen möchte diesen aber noch viel schöner gestalten lassen und stellt neben ihrem alten Gärtner noch den adonisgleichen Carl ein. Dieser verwandelt ihren Garten in Kürze in ein Paradis, doch dann geschehen merkwürdige Dinge…

    James H. Kay, der hier seine einzige Regiearbeit ablieferte, steckt
    den einzigartigen Joe Dallesandro in die Rolle eines ominösen Gärtners mit besonders grünem Daumen. Wenn er mit nacktem Oberkörper (am Ende ist er sogar ganz nackt) durch den knallbunten Garten schlendert, glaubt man sich fast in einem Traum zu befinden.
    Überhaupt zieht sich etwas Surreales durch den Film, was einen einweben kann, wenn man sich darauf einzulassen möchte. Leider fährt Kay aber auch viel Geschwätzigkeit auf, die manchmal etwas ermüdend wirkt. Man tritt immer wieder auf der Stelle, wird dann aber wieder mit etwas Merkwürdigem befriedigt. Action sollte man freilich nicht erwarten, genauso wenig ein Blutbad oder ausufernde Gewalt. Stattdessen bekommt man eine mysteriöse Geschichte mit einer schönen Pflanzenwelt geboten, dazu passende Darsteller. Schauspielerisch darf man von Joe Dallesandro nicht viel erwarten, aber er muss auch nicht viel tun, um zu wirken; er hat stets eine tolle Präsenz von Natur aus. Katherine Houghton verfällt als Ellen Bennett dem Gärtner, während ihre Freundin Helena von Rita Gam dargestellt wird.

    DIE SAAT DES TODES ist ein höchst sonderbarer Film aus dem überschaubaren Bereich des Pflanzen-Horrorfilms. Viele werden sicherlich keinen Gefallen daran finden, aber Freunde von Filmen mit sonderbarem Geschmack können einen Blick riskieren. Und Freunde von Joe Dallesandro sowieso.

    (Bjoern Candidus)

  • Uninvited, 1988 – ★★

    Uninvited, 1988 – ★★

    UNINVITED
    (USA, 1988, Regie: Greydon Clark)

    Eine Handvoll junger Leute werden mehr oder weniger auf einer Yacht von drei alten Betrügern eingeladen, die sich eine nicht geringe Summe von Geld unter den Nagel reißen wollen. Nur ein Gast ist unerwünscht: eine rothaarige Katze, die das Herz einer Frau erobert hat, die die Katze gerne mit an Bord nehmen möchte. Unter Protest gelingt es ihr schließlich. Doch diese Katze ist mitnichten nur eine Katze…

    Greydon Clark
    (BLACK SHAMPOO, 1976 / WITHOUT WARNING, 1980) hat sich hier eine schräge Monster-Idee einfallen lassen, deren Umsetzung leider etwas krankt. Vor allem mangelt es UNINVITED an stimmungsvollen Bildern, was aber durch das im Horrorfilm seltene Yacht-Setting etwas ausgeglichen werden kann. Dennoch bietet der Film zu wenig Atmosphäre. Aber das Hauptaugenmerk liegt hier sowieso auf dem Monster, was in einer Katze wohnt und aus dem Maul dieser hervorspringt, wann immer es ihm beliebt. Vom Erscheinungsbild könnte es mit dem affenartigen Monster in der Kiste aus CREEPSHOW (1982) verwand sein. Es sieht jedenfalls sehr nach MUPPET SHOW mit Gore aus, was mir gefallen hat. Ein paar blutige Einlagen fehlen hier ebenso wenig wie eklige Bodyhorror-Momente, die zudem gar nicht schlecht aussehen. Das klingt alles gar nicht so übel, wären da nicht immer wieder langweilige Füllszenen, die das Geschehen ausbremsen. Auch die Darsteller, vor allem die jüngeren, sind aus dem üblichen 80er-Baukasten. Immerhin ist ein dauerhaft schlecht gelaunter George Kennedy an Bord.

    Unter dem Strich ist UNINVITED ein skurriles B-Filmchen, was einen munden dürfte, wenn man Filme wie z.B. den ähnlich gelagerten
    CREATURES FROM THE ABYSS (1994) von Al Passeri mochte.

    (Bjoern Candidus)

  • Sister, Sister, 1987 – ★★★½

    Sister, Sister, 1987 – ★★★½

    DAS HOTEL IM TODESMOOR
    (SISTER, SISTER, USA, 1987, Regie: Bill Condon)

    Die beiden Schwestern Lucy und Charlotte Bonnard besitzen ein Hotel in den Everglades in Florida. Unter einer Reihe von neuen Gästen ist auch Matt Rutledge, der schnell Aufmerksamkeit von Lucy bekommt, die den jungen Mann ziemlich anziehend findet. Doch in der Vergangenheit der zwei Schwestern gibt es ein düsteres Geheimnis, was sich den Weg in die Gegenwart gräbt. Die anfänglich gute Stimmung unter den neuen Gästen kippt, als ein Hund ermordet wird. Doch das ist erst der Anfang…

    Regisseur Bill Condon (CANDYMAN 2, 1995) hat hier einen ordentlichen Psycho-Thriller geschaffen, der nicht nur durch die Story und die Darsteller, sondern vor allem durch seine dichte Atmosphäre zu packen weiß. Die nebeldurchzogenen Sümpfe von Florida wirken gespenstisch und bergen natürlich(e) Gefahren, wie z.B. Alligatoren. Und so ist die kleine JAWS-Reminiszenz mit einer dieser Panzerechsen, die hier auf einen wartet, eine feine Sache. Von Anfang an liegt eine Gefühl von Unheil über den Bildern, und wenn die vielen kruden, undurchschaubaren Figuren im Hotel aufeinandertreffen, weiß man, dass es hier nur eskalieren kann. Mit Eric Stolz, Jennifer Jason Leigh, Judith Ivey, Benjamin Mouton und Dennis Lipscomb darf man sich auf fähige Leute freuen. Wenn der Dauerregen und das Gewitter einsetzt, verstärkt sich das Gefühl der Gefangenschaft und Isolation in dem abgeschiedenen Hotel in den Sümpfen. Das schummrige, gelbliche Licht, ergänzt mit Kerzenlicht, sorgt für eine gespenstische Stimmung, die deutlich in Richtung Gothic-Horror tendieren, was auch in den Rückblick-Sequenzen erkenntlich wird. Der Score von Richard Einhorn rundet das Ganze ab.

    DAS HOTEL IM TODESMOOR ist eine spannend inszenierte Mischung aus Psycho-Thriller, Liebes-Drama und Horrorfilm, die für 1987 frisch und modern wirkt und schon ein bisschen die 90er-Jahre durchblicken lässt.

    (Bjoern Candidus)

  • Witch Story, 1989 – ★★½

    Witch Story, 1989 – ★★½

    TANZ DER HEXEN
    (STREGHE, Italien, 1989, Regie: Alessandro Capone)

    Vorab sei gesagt, dass der Film hier einst als TANZ DER HEXEN 2 und in den USA als WITCH STORY oder SUPERSTITION 2 veröffentlicht wurde. Der Film ist keine Fortsetzung, sondern steht für sich allein.

    Eine Hexe auf Rachetour, eine Handvoll jugendlicher Tölpel, ein vergammelter Priester und ein altes Haus auf dem Land sind die Zutaten von diesem Hexen-Fluch-Horror-Slasher von Regisseur Alessandro Capone, der in der Tradition eines GHOSTHOUSE (1988) von Umberto Lenzi steht. Die italienische Produktion wurde in den USA gedreht und solide inszeniert, zumindest über weite Strecken. Die Atmosphäre ist stimmig und erinnert in den stärksten Momenten sogar an EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (1980) und GEISTERSTADT DER ZOMBIES (1981). Auch in Sachen Gewalt nimmt man sich nicht zurück; der rote Saft fließt ordentlich. Das Hauptproblem sind die nervigen Darsteller; hier sollte man direkt den italienischen Ton anwählen. Andererseits ist man auch an solchen Figuren gewöhnt, wenn man solche Art von Filmen kennt.

    Unter dem Strich ist TANZ DER HEXEN ein solider Hybrid aus Hexen-Horrorfilm und Slasher mit stimmungsvollen Sets und ein paar netten Gore-Einlagen, der aber etwas Zeit braucht, um in Fahrt zu kommen. Leute, die etwas mit Spät-80er-Italo-Horrorfilmen anfangen können, werden hier sicher nicht enttäuscht.

    (Bjoern Candidus)

  • The Strange Case of Dr. Jekyll and Miss Osbourne, 1981 – ★★★★

    The Strange Case of Dr. Jekyll and Miss Osbourne, 1981 – ★★★★

    DOCTEUR JEKYLL ET LES FEMMES
    (Deutschland, Frankreich, 1981, Regie: Walerian Borowczyk)

    Im Hause Jekyll steht eine Verlobung an. Dr. Henry Jekyll möchte sich mit Fanny Osborne verloben. Ein Grund zum Feiern. Fanny reist mit ihrer Mutter an, gefolgt von einigen Gästen. Doch der Abend gerät außer Kontrolle, denn ein Fremder hat sich im Haus versteckt und es auf die Gäste abgesehen. Hat dieser Mann etwas mit Doktor Jekylls Transzendentalen-Experimenten zu tun?

    Borowczyks Adaption von Robert Louis Stevensons Geschichte „Der merkwürdige Fall des Doktor Jekyll und Mr. Hyde“ ist ein finsterer, stylischer Trip. Das obligatorische in Nebelschwaden gehüllte London weicht anfänglich einer finsteren Kulisse in kühlem Blaulicht, in der ein kleines Mädchen von einem Mann mit Hut und Stock verfolgt wird. Es ist Mr. Hyde, der das Mädchen packt und mit seinem Spazierstock erschlägt. Dann taucht man ab in das weitläufige Haus von Doktor Jekyll, was die Inszenierung nicht mehr verlassen wird. Dort hat man es vor allem mit bräunlichen und gelblichen Farbtönen zu tun, die eher dem viktorianischen London gleichen, wie man es in anderen Produktionen erleben darf. Der übliche Borowczyk-Irrsinn ist natürlich vorhanden, aber diesmal hält sich der bizarre Humor etwas zurück, den man z.B. in LA BÊTE erleben darf und weicht einigen ziemlich derben Szenen, in denen vor allem verletzte Genitalbereiche zu sehen sind. Auf Fummeln, blanke Brüste, einen erigierten Penis und Vergewaltigungen wird natürlich auch nicht verzichtet. Besonders die Szene, in der Patrick Magee als General mit ansehen muss, wie Mr. Hyde seine Tochter vergewaltigt, ist ein wirksamer Schlag. Von der analen Penetration eines Mannes, die scheinbar zum Tode führte, sieht man hingegen nur das Endergebnis. Borowczyk provoziert mal wieder und schafft es, mich erneut zum staunen zu bringen. Mit dem wunderbaren Udo Kier als Dr. Jekyll geht natürlich nichts schief. Ein paar Mal darf Udo aufdrehen, wobei man sagen muss, dass er sich dem Ensemble anpasst und sich nicht unnötig nach vorne spielt. Aber das hat er sowieso nicht nötig. Besagter Patrick Magee als General William Danvers Carew und Jess Franco-Liebling Howard Vernon als Dr. Lanyon sind ebenfalls an Bord. Die weibliche Front wird u.a. von Marina Pierro (LADY DRACULA, 1982) als Fenny Osborne und Agnès Daems als Charlotte Carew besetzt. Ziemlich unangenehm wird es mit Mr. Hyde, der von Gérard Zalcberg dargestellt wird. Zalcberg hat ein paar Jahre später Jess Francos FACELESS (1988) mit seinem unheimlichen Gesicht aufgewertet. Zusätzliches Make-up ist überhaupt nicht nötig gewesen, und es trägt zum verstörenden Effekt bei, wenn sich Kier einfach in einen anderen Mann verwandelt, wenn er aus seiner Badewanne steigt, in der Udo vorher noch eine Verwandlungsperformance abgegeben hat. Eingefangen wurden die Bilder von Noël Véry, der bereits Borowczyks UNMORALISCHE GESCHICHTEN (1973) fotografiert hat. Die düstere Atmosphäre wird durch den avantgardistischen Elektro-Score von Bernard Parmegiani hervorragend verdichtet und trägt zur Spannung bei. Gekrönt wird dieser Film von einem starken Ende.

    DOCTEUR JEKYLL ET LES FEMMES ist eine äußerst garstige, packende Version des bekannten Stoffes, die durch Borowczyk ganz neue Impulse bekommt, und sie sei jedem ans Herz gelegt, der für filmische Grenzerweiterungen offen ist.

    (Bjoern Candidus)

  • The Beast, 1975 – ★★★★½

    The Beast, 1975 – ★★★★½

    DAS BIEST
    (LA BÊTE, Frankreich, 1975, Regie: Walerian Borowczyk)

    Marquis de l’Esperance steht vor dem Ruin. Er legt seinem Sohn Mathurin nahe, die amerikanische Millionenerbin Lucy Broadhurst zu heiraten. Er willigt ein. Ein paar Tage später reisen Lucy und ihre Tante Virginia an. Fasziniert von dem Schloss, schaut sich Lucy um und stößt auf ein Gemälde und Tagebücher von Romilda de l’Esperance, einer Vorfahrin. Und während langsam immer mehr Leute in den Hochzeitsvorbereitungen stecken, verliert sich Lucy in der ungeheuerlichen Vergangenheit der Familie de l’Esperance und träumt von der Bestie, die einst Romilda im Wald vergewaltigt hat. Doch war es wirklich nur ein Traum?

    Willkommen in der grotesken Welt von Walerian Borowczyk! Der gebürtige Pole und Wahl-Franzose entfesselt mit DAS BIEST den totalen Wahnsinn mit einem Haufen bizarrer Figuren und Ideen im Minutentakt. Normen und Konventionen werden verdreht oder es wird direkt drauf geschissen. Wer hier einschaltet, muss offen sein für alles, vor allem für sexuelle Abschweifungen, die einigen einiges abverlangen könnten. Der der sehr große Penis der Bestie, der massenweise Sperma verliert, mag wahrlich nicht jedermanns Geschmack treffen, schon gar nicht die einhergehende Vergewaltigung der Zottelbestien von einer Dame, aber ich möchte wetten, dass der pädosexuelle Priester (Roland Armontel) für mehr Aufregung sorgt, wenn er seinen Lustknaben befummelt, was den Jungen offenbar überhaupt nicht stört. Die Wiedergutmachung für Freunde konventionellerer Kost kommt durch die Selbstbefriedigung einer Schönen mittels Bettgestell. Hier geht es drunter und drüber, auch wenn nicht gerade gefummelt oder gevögelt wird, denn auch das sonderbare Verhalten aller anderen Figuren bringt Wirbel in diesen surrealen Horror-Porno. Unter den Darstellern befinden sich u.a. Lisbeth Hummel (ALLEIN UND AUSGELIEFERT, 1987) als Lucy Broadhurst, Guy Tréjan (GEWALT UND LEIDENSCHAFT, 1974) als Marquis de l’Esperance und Sirpa Lane, die es danach in DIE BESTIE AUS DEM WELTRAUM (1980) noch ein weiteres Mal mit einem Riesenpenis zu tun bekommt, der in dem Fall einem Zentaur auf einem fremden Planeten gehört. Hier, in DAS BIEST, darf man sich das Ungeheuer wie eine Mischung aus Werwolf und Bär vorstellen. So wirklich gelungen ist das Kostüm nicht, aber der ganze Irrsinn, der hier entfesselt wird, lässt über solch kleine Mängel hinwegblicken. Etwas nervig ist teilweise die Kammermusik während der Verfolgung durch den Wald. Dass die Inszenierung auch gut fotografiert wurde, wertet das unvergleichbare Erlebnis zusätzlich auf. Sowohl Bernard Daillencourt als auch Marcel Grignon zeigten sich für die Fotografie verantwortlich. Neben dem Schloss gibt es auch ein paar sehr schöne Impressionen der umliegenden Natur, die der Inszenierung zusätzlich etwas märchenhaftes verleihen; hier kommen auch Geräusche wie Vogelgezwitscher zur Geltung.

    DAS BIEST ist ein unvorhersehbarer Trip, veranstaltet von einem großen Künstler namens Walerian Borowczyk.

    (Bjoern Candidus)