Autor: marco-fritz

  • Island of Lost Souls, 1932 – ★★★★

    Island of Lost Souls, 1932 – ★★★★

    DIE INSEL DER VERLORENEN SEELEN
    (ISLAND OF LOST SOULS, USA, 1932, Regie: Erle C. Kenton)

    Nachdem die Lady Vain in Seenot geraten ist, wird Edward Parker von einem anderen Schiff in seinem Rettungsboot geborgen. Über Telegramm erhält Parkers Geliebte die Nachricht, dass sie ihn bald wieder in ihre Arme nehmen darf. Das Frachtschiff transportiert wilde Tiere für den mitreisenden Dr. Moreau, der auf einer kleinen Insel experimentiert. Als es zu einem Konflikt zwischen dem Kapitän und Moreaus sonderbaren Mitarbeitern kommt, mischt sich Parker ein und schlägt den Kapitän nieder. Als der wieder zu sich kommt und den Doktor samt seiner Fracht absetzt, weigert er sich, Parker weiter mitzunehmen. Notgedrungen muss er mit Moreau und seinen Mitarbeitern auf die tropische Insel begeben, die von bizarren Gestalten, halb Tier, halb Mensch, bewohnt ist.  

    Die erste Adaption, die auf H. G. Wells Roman „The Island of Doctor Moreau“ (1896) basiert ist ein erstaunlich finsterer Film geworden, der aufgrund seiner Thematik, seiner Äußerungen und Darstellungen in einigen Ländern erst gar nicht aufgeführt wurde, z.B. auch in Deutschland. 

    Erle C. Kentons Inszenierung hält sich bis zur Mitte sehr dicht an Wells Vorlage und setzt von Beginn an auf eine bedrohliche Atmosphäre. Schon die Szenen auf dem Schiff, das wilde Tiere transportiert, gibt erste Einblicke in den Schrecken, der einen im weiteren Verlauf des Films erwartet. Der erste Tiermensch, der Begleiter Moreaus und seines Assistenten Montgomery, könnte noch als echter Mensch durchgehen, allerdings mit haarigen Spitzohren, aber mit Betreten der Insel, werden auch die Gestalten bizarrer. Hier haben die Maskenbildner richtig gute Arbeit geleistet. Latexwülste wurden den Darstellern ins Gesicht geklebt, um Schnauzen oder Stirnen zu Formen, zudem sind sie übersät mit angeklebten Haaren. Die Darstellung und das Verhalten der Tiermenschen entspricht sehr den Beschreibungen Wells, auch wenn ihr Spielraum begrenzt ist. Der Verkünder des Gesetztes, was Moreau ins Leben gerufen hat, wird von Bela Lugosi verkörpert, der kaum zu erkennen ist. Das Gesetz besagt, dass der Tiermensch kein Fleisch essen darf, dass er sich nicht auf allen Vieren fortbewegen darf und dass er kein Blut vergießen darf. Andernfalls droht ihm „das Haus der Schmerzen“, in dem der Gesetzesbrecher gefoltert wird. 

    Aber nicht nur die Tiermenschen sorgen für Stimmung, sondern auch Charles Laughton als Dr. Moreau, der im Rahmen grauenhafter Experimente an Tieren seine Tiermenschen erschaffen hat. Er ist arrogant, überheblich, sadistisch und fühlt sich wie Gott, der neue Lebewesen erschafft. Der Größenwahn steht Laughton perfekt und es macht großen Spaß, ihm dabei zuzuschauen. Weniger eindringlich ist Richard Arlen als Edward Parker (im Roman: Edward Prendick). Arlen wirkt etwas steif, als wäre er noch im Stummfilm verankert. Ein großer Unterschied zur Vorlage ist das Auftauchen zweier weiblicher Figuren. Zum einen ist da Ruth, die Geliebte von Edward, die man am Anfang kennenlernt und ab der Hälfte des Films mit einem Seemann, die Insel aufsucht. Zum anderen ist da Lota, eine Pantherfrau, die sich durch ihre Krallenhände verrät. Für Hollywood-Romantik wird hier also gesorgt, auch wenn es absolut nicht nötig gewesen wäre. Dadurch weicht auch das Ende des Romans in dieser Adaption unschön ab.

    Äußerst gelungen sind die Kulissen des Hauses, was eher einer Tempelanlage gleicht und der dichte Dschungel, der immer wieder von Nebel durchgezogen wird. Die dichten Schwarzweiß-Bilder und der Schattenwurf in den Gesichtern der Figuren betonen die düstere Atmosphäre von DIE INSEL DER VERLORENEN SEELEN. Auch wenn die grausamen Experimente des Dr. Moreau hier in erster Linie nur angedeutet werden, sind eine Szenen für 1932 schon erstaunlich garstig. 

    Auch wenn DIE INSEL DER VERLORENEN SEELEN machmal etwas zu gehetzt wirkt und die Beweggründe Moreaus auf ein Minimum gepresst wurden, hat Kenton einen kurzweiligen, düsteren Abenteuer-Horrorfilm mit wirkungsvollen Masken geschaffen.

    (Bjoern Candidus)

  • No, the Case Is Happily Resolved, 1973 – ★★★★½

    No, the Case Is Happily Resolved, 1973 – ★★★★½

    BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN
    (NO IL CASO È FELICEMENTE RISOLTO, 1973, Regie: Vittorio Salerno)

    An einem See beobachtet Fabio einen älteren Mann, der eine Frau mit einer Eisenstange erschlägt. Statt einzugreifen, bleibt er geschockt vor dem Täter stehen und flüchtet dann mit seinem Auto. Aus Angst, man könnte ihn selbst für den Täter halten, beschließt Fabio, nicht zur Polizei zu gehen. Ein folgenschwerer Fehler, denn der eigentliche Täter, Professor Eduardo Ranieri, geht selbst zur Polizei und behauptet, Zeuge eines Mordes gewesen zu sein. Er gibt eine genaue Täterbeschreibung ab, die Fabio am anderen Tag in der Zeitung liest. Für Fabio beginnt eine Zeit der Angst, in der er sich optisch verändert und versucht, den Täter zu finden und ihn dazu zu bringen, bei der Polizei die Wahrheit zu sagen. 

    Vittorio Salerno hat hier ein packendes Krimi-Drama gewerkelt, was mich von der ersten bis zur letzten Minute fest im Griff hatte. Als Zuschauer kennt man von Anfang an die Wahrheit, um die der Protagonist Fabio kämpfen muss. Der Täter macht den Zeugen zum Täter und die Polizei glaubt ihm. Das macht BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN zu einem hoch spannenden Film, der bei mir immer wieder Wut ausgelöst hat. Was für eine Ungerechtigkeit! 

    Aber es sind vor allem auch die sehr starken Darsteller, die Salernos Film nach ganz oben befördern. Der Familienvater und Flughafenmitarbeiter Fabio wird von Enzo Cerusico dargestellt, dem man das Leid förmlich ansieht. Da Fabio größtenteils auf sich allein gestellt ist und einen Großteil der Inszenierung ausmacht, wird sein Charakter durch das Hören seiner Gedanken vertieft. 
    Die Wut kocht hingegen auf, wenn sich Riccardo Cucciolla als Professor Eduardo Ranieri zeigt und sich als unschuldiges Männlein gibt, was sich über seines guten Rufes bewusst ist. Cerusico und Cucciolla reichen schon aus, um großartig unterhalten zu werden, doch Salerno baut noch seinen Bruder, den wundervollen Enrico Maria Salerno als Journalisten mit ein, um ein perfektes Trio zu bilden. Enrico Maria Salerno läuft auch hier wieder zum Hochgenuss auf und füllt den Raum mit seinem Charme und seinem Zigarrennebel.

    BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN ist nicht nur inhaltlich und darstellerisch stark, sondern ist auch hervorragend fotografiert. Besonders toll ist das plötzliche Auftauchen von Polizeiautos, von denen man immer nur das Dach und das Blaulicht sieht, während man dazu einen Herzschlag hört, vermutlich den von Fabio. Es kommt auch zu kleineren Autoverfolgungsjagden, die der Inszenierung zusätzlichen Schwung verpassen, vielleicht, um so auch etwas dem gängigen Prinzip ähnlich gelagerter Produktionen gerecht zu werden. Zu all dem gesellt sich ein schöner Score von Riz Ortolani. 

    BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN ist ein hervorragend inszeniertes Krimi-Drama, was in alle Belangen funktioniert und einem ein weiteres Mal die Machtlosigkeit Unschuldiger vor Augen führt. 

    Hinweis: Unbedingt den Director‘s Cut schauen, um sich das aufgezwungene Ende zu sparen. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Intruder, 1962 – ★★★★★

    The Intruder, 1962 – ★★★★★

    WEISSER TERROR
    (THE INTRUDER, USA, 1962, Regie: Roger Corman) 

    In Caxton, einer kleinen Stadt im Süden der USA, wird ein neues Gesetz erlassen, was es der schwarzen Bevölkerung ermöglicht, am Schulunterricht der Weißen teilzunehmen. Dann steht der durchs Land reisende Adam Cramer auf der Matte und versucht mit Lügen und rassistischer Hetze neuen Hass unter den Weißen zu schüren, und das mit großem Erfolg. 

    Zwischen Monsterfilmen und Poe-Adaptionen widmete sich Roger Corman zwischendurch einem ganz anderen Schrecken und wagte es als einer der ersten Regisseure, das Thema der Rassentrennung auf die Leinwand zu bringen, was ihm höchst eindringlich gelungen ist. Der Film basiert auf einem Roman von Charles Beaumont, der auch am Drehbuch beteiligt war und im Film als Schulleiter Mr. Paton zu sehen ist.

    In finsteren Schwarzweißbildern fängt Corman die bedrückende Atmosphäre dieses ekelhaften Kapitels der amerikanischen Geschichte ein. Die Segregation (die Trennung zwischen Menschen mit weißer und dunkler Hautfarbe) zog sich von 1896-1964 und wurde somit während der Dreharbeiten teilweise noch vollzogen. Dass man die Produktion aus unterschiedlichen Richtungen versucht hat zu sabotieren, versteht sich fast von selbst und trotz lobender Worte der Filmkritiker wurde WEISSER TERROR zu einem Misserfolg an den Kinokassen. 

    Der noch junge, aber bereits film- und serienerfahrene William Shatner fährt hier zur Hochform auf. Als Adam Cramer, stets gekleidet mit einem weißem Anzug, verkauft er sich anfänglich als Gentleman, bevor er zum geistigen Brandstifter wird und mit einfachen Lügen, Verdrehungen und Behauptungen die weiße Landbevölkerung manipuliert und sie wie eine Spinne einwebt und für sich benutzt. Das hat damals wie heute ganz einfach funktioniert. Wer Shatner mal Jenseits des Guten sehen will, der hat hier die perfekte Gelegenheit dazu. Sein Charakter ist durch und durch hassenswert und wird von Shatner sehr überzeugend verkörpert. Nachdem er seine Rede geschwungen hat und die Bauern vor der „schwarzen Gefahr“ gewarnt hat, fährt der Ku-Klux-Klan in seinen weißen Kutten mit Autos durch das Schwarzen-Viertel, entzündet seine Kreuze und wirft eine Brandbombe in eine Kirche. Das sind harte Bilder, nicht nur für 1962, und es zeigt Cormans Mut für die unangenehmen Dinge abseits der Unterhaltung, auf die er sonst zielte. 

    Aber Corman sendet auch Signale der Hoffnung, denn in WEISSER TERROR gibt es auch gute Menschen, die sich der Aufhebung der Segregation beugen oder sie sogar befürworten. Doch auch weiße Befürworter gelten als Gefahr und werden als „Volksverräter“ betitelt und gegebenenfalls halbtot geschlagen. Die meisten Darsteller sind Statisten, Menschen aus der Gegend von Missouri, denen gar nicht genau klar war, um was es bei WEISSER TERROR geht, da ihnen Corman nicht das komplette Drehbuch vorlegte, und er wusste genau warum.

    Die Gegenwart beweist einem immer wieder, dass Freiheit und Menschenrechte nicht selbstverständlich sind und stets verteidigt werden müssen. WEISSER TERROR ist ein glänzendes Beispiel zum Thema, was im Œuvre von Corman einen ganz besonderen Stellenwert hat. Ein Film für jeden. 

    (Bjoern Candidus)

  • Season for Assassins, 1975 – ★★★★

    Season for Assassins, 1975 – ★★★★

    DIE WILDE MEUTE
    (IL TEMPO DEGLI ASSASSINI, Italien, 1975, Regie: Marcello Andrei)

    Piero und seine Gang tyrannisieren das Revier von Inspektor Cutroni, der es langsam leid ist, dass die Verbrechensrate immer mehr ansteigt. Besonders Piero ist ihm ein Dorn im Auge und er setzt alles dran, ihn und seine Gang dingfest zu machen. Doch Piero lässt sich nicht einschüchtern.

    Marcello Andrei (PSYCHO MANIACS, 1974) hat mit DIE WILDE MEUTE ein handfestes Gang-Drama mit Polizeifilm-Einschuss inszeniert, in dem der gute Joe Dallesandro ein weiteres Mal für Ärger sorgt. Als Piero Naldi ist er der Kopf einer Gang von jungen Männern, die ihre Zeit mit Sex, Billard und Autos verbringen, wenn sie nicht gerade pöbeln, prügeln oder Menschen ausrauben. Ähnlich wie als Aldo in HARLEY RIDERS aus dem gleichen Jahr, will Dallesandro auch als Piero als Verbrecher aufsteigen, reich und geachtet werden. Als Aldo schafft er einen großen Sprung, bevor er fällt, als Piero bleibt er ein kleiner, mieser Typ mit dem es nur schief gehen kann, egal, wer sich auf ihn einlässt. Das müssen nicht nur seine Bräute feststellen, sondern auch Inspektor Cutroni, der immer mehr an der Gewalt in seinem Revier verzweifelt, die nicht selten von jungen, teils minderjährigen Menschen ausgeht. Cutroni wird von Martin Baldam verkörpert, der immer eine gute Idee ist und hier ständig die Contenance verliert und die Grenzen des Gesetzes überschreitet, was er vertritt. Zwischen den Stühlen steht Rossano Brazzi (BARBARAS BABY, 1981) als Pater Eugenio, der zwischen den Fronten vermitteln will. 

    Auch wenn DIE WILDE MEUTE ein paar Action-Szenen, eine äußerster explizite Vergewaltigung und einen sehr drastischen Selbstmord beinhaltet, ist er in erster Linie ein Drama mit einem realistischen Blick auf die Problemzonen Italiens der 70er-Jahre, in denen Schmuggel, Raub und Gewalt auf der Tagesordnung standen. Andreis Inszenierung ist sehr ausgeglichen. Es gibt viele verbale Auseinandersetzungen, und zwischendurch darf Dallesandro wieder als Arschloch hochfahren und mit seiner Gang die Gegend tyrannisieren. Das schafft er spielend, zwar nicht mit schauspielerischem Talent, aber mit seinem unvergleichbaren Charme. 

    Neben einer ordentlichen Kameraführung, vielen Schauplätzen am Tag wie in der Nacht, hat Alberto Verrecchia einen abwechslungsreichen Score arrangiert, der vor allem durch seine Funkmusic-Klänge überzeugt und DIE WILDE MEUTE passend abrundet. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Forbidden Photos of a Lady Above Suspicion, 1970 – ★★★★½

    The Forbidden Photos of a Lady Above Suspicion, 1970 – ★★★★½

    FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT
    (LE FOTO PROIBITE DI UNA SIGNORA PER BENE, Italien, Spanien, 1970, Regie: Luciano Ercoli)

    Die psychisch etwas angeschlagene Minou wird von einem Fremden erpresst, der Tonbandaufnahmen besitzt, die beweisen sollen, dass ihr Mann Peter ein Mörder ist. Als er sie zum Sex zwingt, macht er Fotos von ihr, um noch mehr Material für seine Erpressungen zu haben. Minou vertraut sich ihrem Mann und ihrer besten Freundin Dominique an, doch die zweifeln an den Aussagen. Peter schaltet die Polizei ein und begibt sich mit einem Kommissar in die Wohnung, in der angeblich der Erpresser wohnen soll. Doch die Wohnung ist leer und scheint seit Monaten nicht mehr bewohnt worden zu sein. Als der Erpresser erfährt, dass die Polizei eingeschaltet wurde, eskaliert die Situation und Minou muss um ihr Leben fürchten.

    Was für ein schöner Giallo! Luciano Ercoli (KILLER COP, 1975) löst sich mit seinem ersten Giallo von dem gängigen Muster und verzichtet auf das herkömmliche Whodunit-Prinzip, auf die Darstellung eines Killers mit Hut und Mantel und liefert bereits sehr früh einen Antagonisten, der allerdings niemanden tötet. Dennoch sollte man sich hier nie sicher sein. Wer aber blutige Kills aus der Hand eines geheimnisvollen Killers erwartet, wird enttäuscht. Doch für Trost sorgt Simón Andreu als Erpresser. Andreu fährt hier zur Hochform auf und präsentiert sich sadistisch und skrupellos, was ihm verdammt gut zu Gesicht steht. Wer braucht schon einen Killer, wenn er Simón Andreu als Erpresser bekommt, dessen Wohnung mit surrealen Kunstobjekten ausgestattet wurde? 

    FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT ist ein Film voller Schönheit, und die zeichnet sich vor allem auch durch die beiden Grazien Dagmar Lassander als Minou und Nieves Navarro als Dominique aus. Beide sind nicht nur wunderschön, sie spielen auch gut und passen perfekt zum gesamten Anstrich. Die Fotografie von Alejandro Ulloa ist sehr stark und die tolle Ausleuchtung, oft in vielen knalligen Farben, sorgt für eine geheimnisvolle Atmosphäre, die immer wieder an die Filme von Mario Bava erinnern. Zu dem Zauber, der durch die Sets, den Farben und den schönen Damen entfaltet wird, serviert Ennio Morricone einen seiner prächtigsten Giallo-Scores. 

    Trotz, dass Ercoli weitestgehend auf Blut und Gewalt verzichtet und die in gewisser Weise freiwillige Vergewaltigung an Minou gnädigerweise nicht zeigt, ist FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT immer wieder packend inszeniert und lebt auch von den vielen Schauplätzen. 

    FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT ist ein Paradebeispiel für einen Giallo, der sich etwas vom Muster löst, was ihm sehr guttut. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Incredible Melting Man, 1977 – ★★★★

    The Incredible Melting Man, 1977 – ★★★★

    DER PLANET SATURN LÄSST SCHÖN GRÜSSEN*
    (THE INCREDIBLE MELTING MAN, USA, 1977, Regie: William Sachs)

    Bei einem Testflug mit einer Rakete wird der Astronaut Steve West verstrahlt, schafft aber eine Notlandung zurück auf die Erde. Schwer verletzt angekommen, beginnt sich sein Körper immer mehr zu zersetzen, was auch seinem Verstand zusetzt. Er bricht aus der Klinik aus und tötet jeden, dem ihm über den Weg läuft. 

    William Sachs Schmelzmann-Scifi-Horrorfilm ist eine Hommage an das Monsterkino der 50er-Jahre, insbesondere an FIRST MAN INTO SPACE (1959) von Robert Day, in dem ebenfalls einem Raumfahrer sein Testflug nicht bekommt und als unheilbringendes Ding zurückkommt. Fehlte bei FIRST MAN INTO SPACE noch die Farbe, bekommt man sie in DER PLANET SATURN LÄSST SCHÖN GRÜSSEN mit aller Kraft geliefert. Sachs Film ist ein buntes Monster-Splatter-Vergnügen, dem der Charme des 70er-Jahre-Kinos nur so anhaftet. 

    Nachdem man den interstellaren Unfall mit Hilfe einiger Archivaufnahmen präsentiert bekommt, startet die Geschichte um den Raumfahrer Steve West (Alex Rebar) in einem Krankenhaus, in dem er mit bandagiertem Kopf erwacht. Als er erkennt, was mit seinem Äußeren passiert ist, dreht er durch und zieht eine Spur des Todes hinter sich her. Gleich zwei bekannte Herrschaften haben an dem hervorragenden Schmelzmann-Kostüm gearbeitet: Rick Baker und Rob Bottin als Assistent. Das langsame Zerlaufen von Wests Körper ist eine eklige Angelegenheit. Sein Körper ähnelt einer Pizza mit extra Käse. Er tropft, er schleimt, West ist dem Tode geweiht. Doch vorher versetzt er die umliegende Gegend einer Kleinstadt in Angst und Schrecken und wird schließlich in einer Geheimmission von der Army gejagt. Davon bekommt man allerdings nicht viel mit, denn es dreht sich vielmehr um Wests besten Freund Dr. Ted Nelson (Burr DeBenning), seiner Frau Judy (Ann Sweeny) und General Perry (Myron Healey). Drei langweilige Figuren, die durch die vielen anderen skurrilen Figuren, wie z.B. rauchende Kinder und ein schrulliges altes Ehepaar, fast zur Nebensächlichkeit verkommen, auch wenn sie immer wieder ins Zentrum gerückt werden. 

    Sachs zeigt ein paar derbe Ekel- und Gore-Szenen, die für einen Monsterfilm fast ungewöhnlich hart sind. DER PLANET SATURN LÄSST SCHÖN GRÜSSEN funktioniert als Hommage an das klassische Monsterkino der 50er-mit den Stilmitteln der 70er-Jahre. Auch die Fotografie kann sich sehen lassen und liefert, vor allem ab der zweiten Hälfte, einige sehr atmosphärische Bilder, wenn der Schmelzmann durch die Gegend schlurft und von seinem eigenen Schicksal gequält wird.

    DER PLANET SATURN LÄSST SCHÖN GRÜSSEN ist ein charmanter Monsterfilm, dem man die Liebe seiner Macher an allen Ecken und Enden ansieht. 

    (Bjoern Candidus)

    *Podcast-Besprechung bei „Antenne Traumstadt“

  • The Curse of the Mummy’s Tomb, 1964 – ★★

    The Curse of the Mummy’s Tomb, 1964 – ★★

    DIE RACHE DES PHARAO
    (THE CURSE OF THE MUMMY‘S TOMB, GB, 1967, Regie: Michael Carreras)

    Zwei Ägyptologen, ein Professor und seine Tochter entdecken den Sarkophag des Pharao Ra-Antef, den sie nach London transportieren lassen. Doch damit folgt ihnen ein Fluch, der die Mumie im Sarkophag auferstehen lässt, um ihren Störenfrieden den Garaus zu machen. 

    Der zweite Mumienfilm aus den Hammer-Studios nach DIE RACHE DER PHARAONEN (1959) wurde diesmal von Michael Carreras inszeniert, der leider die wundersame Atmosphäre von Terence Fishers Mumienfilm nicht wiederholen konnte. Das wäre gar nicht das Problem, könnte sich die Inszenierung mit anderen Dingen auszeichnen.

    Anfänglich sieht DIE RACHE DES PHARAO noch recht vielversprechend aus und startet mit einer recht derben Szene in einer (Studio-) Wüste, in der einem Mann explizit die Hand abgehackt wird. Die ersten 15 Minuten spielt die Geschichte in Ägypten, bevor man kurz auf einen Schiff umsiedelt, was die Entdecker samt Mumie nach London transportiert. Zwar versucht man sich auch hier an Atmosphäre durch Lichtsetzung und musikalischer Untermalung, doch alles wirkt uninspiriert und steif. Gleiches gilt auch für die Darsteller. Keine Cushing, kein Lee, stattdessen Terence Morgan, Ronald Howard und einigen anderen drögen Herrschaften, die die Inszenierung ausbremsen. Da hilft auch Michael Ripper als Ägypter nicht, um hier Lebendigkeit zu erzeugen. Leider liefert auch die lieblos dahin wackelnde Mumie keine anständige Performance, um Terror zu verbreiten, wenn sie nach einer gefühlten Ewigkeit überhaupt mal auftaucht. 

    Eine langweilige Geschichte, öde Figuren und ein Mangel an zauberhaften Bildern machen DIE RACHE DES PHARAO zu einer der misslungensten Hammer-Produktionen. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Haunting of Julia, 1977 – ★★★★★

    The Haunting of Julia, 1977 – ★★★★★

    JULIAS UNHEIMLICHE WIEDERKEHR*
    (FULL CIRCLE, GB, Kanada, 1977, Regie: Richard Loncraine)

    Nach dem Tod ihrer Tochter Kate und einem mehrwöchigen Aufenthalt in einer Nervenklinik, flüchtet Julia Lofting vor ihrem Ehemann Magnus und bezieht ein altes Haus in London. Der Wunsch nach einem Neubeginn wird schnell überschattet. Anfangs wird sie von Magnus tyrannisiert, der sie ständig anruft, um mit ihr reden zu wollen, doch nachdem Julia an einer Séance teilgenommen hat, ereignen sich unheimliche Dinge, die sie und ihr Umfeld immer mehr bedrohen.

    Mitte der 1990er-Jahre entdeckte ich im Fernsehen einen höchst unheimlichen Geisterfilm, der hier den irritierenden Titel JULIAS UNHEIMLICHE WIEDERKEHR trägt. Damals schon recht unbekannt, fiel in den folgenden Jahrzehnten noch mehr Staub auf Richard Loncraines Regiearbeit, bis sie im UHD-Zeitalter endlich wiederentdeckt wurde und nun in erstklassiger Form vorliegt und einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden kann.  

    JULIAS UNHEIMLICHE WIEDERKEHR ist eine Adaption von Peter Straubs Roman „Julia“ (1975), der ihm zum Erfolg verhalf, den er mit seinem Folgeroman „Ghost Story“ (1979) weiter ausbauen konnte und der 1981 durch John Irvin verfilmt wurde.

    JULIAS UNHEIMLICHE WIEDERKEHR erzählt eine klassische Geistergeschichte, die in London in den 1970er-Jahren angesiedelt ist und entsprechend dem neuen, vorherrschenden Ton des Genres mit Garstigkeit angereichert wurde. Der böse Geist, der hier zur Tat schreitet, wird zwar in der Vorlage weitaus bösartiger gezeichnet, dennoch setzt Loncraine ein paar sehr wirksame Tricks ein, um die Vorstellungskraft des Zuschauers auf unangenehme Art anzuregen. Hier heißt es in erster Linie subtiler Horror statt expliziter Schockeffekte. Was nicht heißen soll, dass hier niemand zu Tode kommt, ganz im Gegenteil. 

    Loncraines Inszenierung zeichnet sich in erster Linie durch ihre unglaubliche, fast meditative Ruhe und durch die schleichende, unheimliche Aura aus, die sich immer mehr ausdehnt. Das herbstliche Wetter und das alte, weitläufige Haus was Julia bezogen hat, sorgen für eine unheimliche Atmosphäre, und besonders effektiv ist dabei auch der Score von Colin Towns, der mal höchst unheimlich und dann wieder tief traurig klingt und somit perfekt zum Inhalt passt. Umso erstaunlicher ist es, dass Towns den Score bereits fertig hatte, bevor es der Film war. Hätte ich eine Horrorfilm-Score Top 10 Liste, wäre er dort stets vertreten. 

    JULIAS UNHEIMLICHE WIEDERKEHR handelt von dem schmerzlichen Verlust einer Mutter, die ihre Tochter durch Ersticken und anschließendem Verbluten nach einem Luftröhrenschnitt verloren hat und dem Versuch eines Neubeginns, der sowohl aus dem Diesseits und als aus dem Jenseits verhindert werden soll. Dass die Wahl auf Mia Farrow als Julia gefallen ist, hätte nicht glücklicher sein können. Ihr kränkliches Erscheinungsbild, was sie hier zum Besten gibt, geht einher mit ihrem Schauspiel. Ich mag Farrow einfach, auch mit ihrer schrecklichen Frisur, die sie hier trägt. Doch trotz der zerbrechlichen Art Julias, ist sie hier auch die treibende Kraft im Kampf gegen eine böse Entität, deren Ursprung sie ergründen muss. 

    Sieht man von Tom Conti ab, der als Mark sonderbar aufgesetzt wirkt, tauchen hier durchweg starke Darsteller auf, die wirkungsvoll eingesetzt werden. Keir Dullea darf als Julias tyrannischer und herrschsüchtiger Ehemann Magnus schlechte Stimmung verbreiten. Ein ganz fieses Persönchen ist auch Magnus Schwester Lily, die von Jill Bennett dargestellt wird. Trotz vieler inhaltlicher Einsparungen, hat Loncraine die Figuren aus dem Roman sehr gut getroffen. 

    JULIAS UNHEIMLICHE WIEDERKEHR ist ein schleichender Geister-Horrorfilm, der sich immer mehr verdichtet und langsam jeden Hoffnungsschimmer ausschaltet. Eine Herzensangelegenheit. 

    (Bjoern Candidus)

    *Podcast-Besprechung bei „Antenne Traumstadt“

  • Traumstadt Gazette Ausgabe 87

    Traumstadt Gazette Ausgabe 87

    Traumstadt Gazette 87

    Wahnsinnige Wissenschaftler, gefräßige Haie, verzweifelte Inspektoren…

    Bjoern Candidus und Marco Fritz sprechen über folgende Filme:

    -DIE INSEL DER VERLORENEN SEELEN (1932)

    -FRAUEN BIS ZUM WAHNSINN GEQUÄLT (1970)

    -BETRACHTEN WIR DIE ANGELEGENHEIT ALS ABGESCHLOSSEN (1973)

    -DANGEROUS ANIMALS (2025)

    -WOLF MAN (2025)

    -BRING HER BACK (2025)

    Blog: https://antenne-traumstadt.podcaster.de/

    Facebook: https://www.facebook.com/AntenneTraumstadt

    Spenden für den Podcast: https://www.paypal.com/paypalme/AntenneTraumstadt

    Musik: Carlos Ebelhaeuser (Musiker, Komponist / BLACKMAIL, THE DAMNED DON´T CRY)

    Link zum neuen Album von THE DAMNED DON´T CRY: https://open.spotify.com/album/3cAHZfiunmXQzsIUWuQ3cS?si=RWp72NHJRNuBtJYIIORfjQ&fbclid=IwAR1UbQ9FeQ1d9hIp-xF7zZhzafzng8lAhpeRyCADLQRXS0UPbYbxd32K7xk&nd=1

  • Prison, 1987 – ★★★

    Prison, 1987 – ★★★

    PRISON
    (USA, 1987, Renny Harlin) 

    Ein längst geschlossenes und verwahrlostes Gefängnis wird wiederbelebt und erneut unter die Führung von Direktor Sharpe gestellt. Die Justizvollzugsbeamtin Katherine Walker ist von der neuen alten Einrichtung gar nicht angetan und ebenso ist ihr Sharpe ein Dorn im Auge, denn der lässt seinen Hass allzu gern an den Gefangenen aus. Als Burke und ein weiterer Häftling bei einem Arbeitseinsatz die Hinrichtungszelle öffnen, setzen sie eine böse Macht frei. 

    Renny Harlin hat mit PRISON zwei beliebte Themenbereiche zusammengelegt und einen Gefängnis-Geister-Horrorfilm gedreht, was in der Kombination relativ selten ist. Rein visuell sieht die Produktion von Charles Band und Irwin Yablans qualitativ aus und kann sich mit ähnlich gelagerten Filmen jener Tage messen.

    PRISON startet mit einer beklemmenden Eröffnungszene in einem Gefängnis, in dem gerade ein elektrischer Stuhl besetzt wird. Mit wem, sieht man nicht, und wenn, dann aus der Ego-Perspektive der verurteilten Person. Nach den Credits setzt sich die klaustrophobische Atmosphäre, die das verrottete Gefängnis ausstrahlt, fort und bleibt kontinuierlich erhalten. Harlin hat ein Auge für Bildgestaltung, was er ein Jahr später in NIGHTMARE ON ELM STREET 4 (1988) erneut unter Beweis stellte. 

    Wenn der Geist, der hinter den alten Gefängnismauern lauert, seiner Rache frönt, wird es blutig. Lässt Clive Barker im gleichen Jahr in HELLRAISER Menschen durch Ketten mit Haken zerreißen, rollt der Rachegeist hier Stacheldrähte aus, um Körper zu verwursten. Stacheldrähte mit mörderischem Eigenleben ist eine feine Idee, die Jahre später erneut in dem Kriegs-Horrorfilm DEATHWATCH (2002) aufgegriffen wurde. PRISON lässt es nicht oft, aber wenn ordentlich bluten und liefert im Finale eine coole Masken-Arbeit ab, die leider viel zu schnell verpufft. 

    Die dichte Atmosphäre, die Action-Szenen und die gelungenen Effekte können allerdings nicht über die klischeedurchtränkten Figuren hinwegtäuschen, die mir vor allem in der ersten Hälfte auf die Nerven gegangen sind. Chelsea Field war noch nie das Beste an den Filmen, in denen sie mitgespielt hat, und hier als Justizvollzugsbeamtin Katherine Walker ist sie es auch nicht. Lane Smith bringt als Gefängnisdirektor Ethan Sharpe alle Klischees mit, kann mit diesen aber immerhin halbwegs überzeugen. Der damals noch ziemlich unbekannte Viggo Mortensen ist als Burke nett anzuschauen, aber das war es auch schon. Ansonsten gibt es zahlreiche Aufseher und Knasties, die einem schon in hunderten anderen Filmen begegnet sind und mir lediglich ein müdes Augenrollen entlocken konnten. 

    PRISON hat viele gute Seiten, aber er wartet mit Längen auf, die mit öden Figuren beseelt werden, die den Gesamteindruck etwas nach unten schrauben.  

    (Bjoern Candidus)