Autor: marco-fritz

  • Summer Affair, 1971 – ★★★★

    Summer Affair, 1971 – ★★★★

    EIN SOMMER VOLLER ZÄRTLICHKEIT
    (IL SOLE NELLA PELLE, Italien, 1971, Regie: Giorgio Stegani)

    Lisa ist ganz vernarrt in Robert, ein 19jähriger Hippie aus Frankreich. Doch Lisas Vater, ein reicher Industrieller, hat so gar nichts für Robert übrig. Seine Art zu leben soll nicht auf seine noch minderjährige Tochter abfärben. Es kommt wie es oft kommt: Lisa brennt einfach mit ihrem Robert durch. Sie begeben sich auf eine wunderschöne Insel und tauchen ab in ihre Liebesabenteuer. Dann geht Lisas Vater zur Polizei und meldet seine Tochter als vermisst, bzw. entführt. Eine groß angelegte Suchaktion beginnt.

    Giorgio Stegani (DIE LETZTE RECHNUNG ZAHLST DU SELBST, 1967) der hier Regie führte und das Drehbuch schrieb, gibt sehr schöne Einblicke in das Leben junger Menschen. Ihre Sorgen, ihre Hoffnungen und die Probleme durch ihre Umwelt werden aufgezeigt. Robert ist tätowiert (eine kleine Blume auf dem Arm), läuft herum wie ein Hippie und spielt Gitarre. Also ein Typ Mann, der bei der damaligen „Herrenrasse“ alles andere als willkommen war. Zudem ist er Franzose, also ein Ausländer in Bella Italia. Mit diesen Vorurteilen wird von Anfang an gearbeitet, und es wird durch Lisas Vater immer wieder die Angst vor gesellschaftlicher Veränderung thematisiert. Auch für den Polizeichef scheint Robert anfangs ein Dorn im Auge zu sein. Das unangenehme Verhalten der Erwachsenenwelt wird bis zum Schluss immer wieder verdeutlicht. Und so präsentiert Stegani hier einige Themen, die für 1971 sehr brisant gewesen sein dürften. 

    Die Wahl der Darsteller ist ebenso gelungen. Ornella Muti (FLASH GORDON, 1980) ist als Lisa an Bord, Alessio Orano (LISA UND DER TEUFEL, 1973) als Robert. Beide sind mit Schönheit und Naivität beschlagen. Ihnen gegenüber stehen Chris Avram (DER MANN AUS VIRGINIA, 1977) und der wunderbare Luigi Pistilli (DER SCHWANZ DES SKORPIONS, 1971).

    Aber nicht nur inhaltlich überzeugt EIN SOMMER VOLLER ZÄRTLICHKEIT, sondern auch visuell. Hier darf man wunderschöne Naturkulissen erleben, die eindrucksvoll von Stefano D’Offizi (CANNIBAL HOLOCAUST, 1980) fotografiert wurden. Die Blumen, die Felsen, das Meer, der Himmel… alles erstrahlt in leuchtenden Farben, und einmal geht es sogar unter Wasser, wo sich Lisas und Roberts Körper für Zärtlichkeiten treffen. Für den wirklich passenden Score zeigte sich Gianni Marchetti (FOLTERGARTEN DER SINNLICHKEIT, 1975) verantwortlich. 

    Junge Leute auf Mofas, Jugendkultur, autoritäre Eltern, ewige Vorurteile und die Macht der Liebe – EIN SOMMER VOLLER ZÄRTLICHKEIT ist ein sehr schönes, kraftvolles Liebesdrama. 

    (Bjoern Candidus)

  • Dr. Goldfoot and the Bikini Machine, 1965 – ★★

    Dr. Goldfoot and the Bikini Machine, 1965 – ★★

    DR. GOLDFOOT UND SEINE BIKINI-MASCHINE
    (DR. GOLDFOOT AND THE BIKINI MACHINE, USA, 1965, Regie: Norman Taurog)

    Der geniale Superverbrecher Doktor Goldfoot hat sich einen ganz besonderen Plan ausgedacht, um an das Vermögen der Anderen zu kommen. Mittels einer Maschine kann er weibliche Roboter entwerfen, genauer: Bikini-Mädchen. Diese lässt er fortan auf wohlhabende Männer los, um an ihr Vermögen zu kommen. Der Erfolg ist auf seiner Seite, bis sich plötzlich der Agent Gamble einschaltet. 

    Vincent Price, Samuel Z. Arkoff, AIP, Les Baxter, Namen die für Kino stehen, was ich für gewöhnlich sehr liebe. Mit DR. GOLDFOOT UND SEINE BIKINI-MASCHINE konnten mich die Herrschaften leider nicht abholen. Dabei sieht der Film, der unter der Regie von Norman Taurog entstanden ist, wirklich gut aus, ist reich an Ideen, toll ausgestattet und mit Vincent Price grundsätzlich fabelhaft besetzt. Doch Price kann mit seiner völlig überzogenen Rolle des Dr. Goldfoot leider nicht den Rest des Films retten, der mich durch seine Splapstick-Einlagen und dem Wortwitz einfach nur genervt hat. Dass man aus dem Hause AIP mit Vincent Price auch durchaus schönen Humor bekommen kann, zeigt DER RABE – DUELL DER ZAUBERER (1963), aber hier ist alles zwei Nummern zu viel. 

    Unübersehbar schwimmt der Film auf der James Bond- und Agentenfilm-Welle, die zur damaligen Zeit sehr angesagt war und hier fleißig parodiert wird. Und da Price mit großem Erfolg mit dem Roger Corman Poe-Zyklus unterwegs war, baut man hier gleich noch ein todbringendes Pendel mit ein und verweist hier und da auf die Ushers und Co., bevor man sich wieder auf das bunte Agenten-in-Action-Slapstick-Treiben konzentriert und den Film damit abschließt. Immer wieder hatte ich die Hoffnung, dass wenigstens Batman & Robin durch die nächste Studiowand brechen, aber leider sollte deren schriller TV-Auftritt erst ein Jahr später erfolgen. Dort tauchte im übrigen auch hin und wieder Vincent Price als Egghead auf. 

    Neben Price ist Frankie Avalon dabei, der in die Rolle des Agenten Craig Gamble schlüpft. Und dann gibt es natürlich noch eine Wagenladung voll schöner Damen, die Bikini-Roboter, angeführt von Susan Hart, die im gleichen Jahr an der Seite von Vincent Price in dem Fantasy-Abenteuer STADT IM MEER zu sehen war. 

    Wer auf Agenten-Parodien, mit albernen Figuren, Wortwitz und Slapstick aus der bonbonfarbenen Welt der 60er-Jahre steht, könnte mit DR. GOLDFOOT UND SEINE BIKINI-MASCHINE seinen Spaß finden. Ich persönlich konnte mich hier nur über Vincent Price und das Set-Design freuen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Massacre Time, 1966 – ★★★½

    Massacre Time, 1966 – ★★★½

    DJANGO – SEIN GESANGSBUCH WAR DER COLT
    (TEMPO DI MASSACRO, Italien, 1966, Regie: Lucio Fulci) 

    Tom Corbett (in der dt. Synchronisation mal wieder ein Django) besucht seinen Bruder Jeff. Dieser berichtet ihm von den Scotts, die die Gegend tyrannisieren und Menschen unterdrücken. Tom macht sich auf, um die Sache zu klären und Grenzen aufzuzeigen. Das Vorhaben wird mit zahlreichen Peitschenschlägen vereitelt. Mit blutigen Wunden schleppt sich Tom zurück zu Jeff. Kurz darauf bekommen sie Besuch von zwei Handlangern der Scotts, die das Hausmädchen von Jeff erschießen. Sie schmieden einen Racheplan. 

    Nachdem in der Pre-Titel-Sequenz des Films ein Mann von Hunden durch den Wald gehetzt und anschließend zerfleischt wird, weiß man, wo man ist: bei Lucio Fulci. Mit DJANGO – SEIN GESANGSBUCH WAR DER COLT hat Fulci seinen ersten Western abgesetzt, und das auf sehr ansehnliche Art. Die waldigen, steinigen und staubigen Sets sind hervorragend von Riccardo Pallottini (DAS SYNDIKAT, 1972) fotografiert und bringen Abwechslung für die Augen des Zuschauers. Auch die Ausstattung und Kostüme zeigen sich von der qualitativen Seite. Die Hetzjagd am Anfang wird in der Mitte des Films von einem sadistischen Peitschenkampf übertroffen, der sehr gut inszeniert wurde. Für den passenden Score sorgt Coriolani Gori (ZINKSÄRGE FÜR DIE GOLDJUNGEN, 1973). 

    Nicht nur mit Franco Nero und George Hilton im Sattel ist man hier gut bedient, sondern auch mit Nino Castelnuovo der den psychopathischen Jason Scott spielt. Fast zum Standardrepertoire des Italowestern gehören John Bartha und Aysanoa Runachagua. 

    All das sind überzeugende Zutaten, die die simple Story übertünchen und DJANGO – SEIN GESANGSBUCH WAR DER COLT zu einem handfesten Italowestern machen. 

    (Bjoern Candidus)

  • Elvira’s Haunted Hills, 2001 – ★★★

    Elvira’s Haunted Hills, 2001 – ★★★

    ELVIRA’S HAUNTED HILLS
    (Rumänien, USA, 2001, Regie: Sam Irvin)

    Eigentlich ist Elvira mit ihrer Zofe Zou Zou auf dem Weg nach Paris, um dort ein Varietee-Theater zu eröffnen. Doch auf der Reise dorthin steigen sie in eine Kutsche, die offensichtlich nur für die beiden hält. Sie werden zu der finsteren Burg von Lord Hellsebus gefahren, wo sich ein freundlicher Empfang erst mal in Grenzen hält, denn Elvira hat verblüffende Ähnlichkeit mit Hellsebus verstorbener Frau Elura Hellsebus. Schnell macht sie Bekanntschaft mit einer Handvoll irrsinniger Bewohner, die sich mehr als sonderlich verhalten. 

    13 Jahre nach dem ersten Elvira-Film, ELIVRA – HERRSCHERIN DES BÖSEN (1988), darf die schöne Cassandra Peterson erneut in die Rolle von Elvira schlüpfen, um diesmal ein Abenteuer im entlegenen Rumänien zu erleben. 
    Regie führte Sam Irvin (ALIEN DESPERADOS, 1994 / BADLANDS, 1996), der eindrucksvoll bewiesen hat, dass im Jahre 2001 noch Gothic-Horror fernab von CGI-Bildern oder behäbigen und sterilen Kulissen möglich war. Insgesamt sieht die Produktion eher nach Anfang der 90er-Jahre aus. Hier gibt es, zumindest von außen, eine echte Burg zu sehen und schöne herbstliche Wälder, wenn man sich nicht gerade im Studio bewegt. Gerade die Studio-Kulissen sind gelungen und beschwören ganz bewusst einen Geist herauf: den der 60er-Jahre-Poe-Verfilmungen von Roger Corman, in denen sich Vincent Price tummelte. Ob nun DIE VERFLUCHTEN (1960) oder DAS PENDEL DES GRAUENS (1961) zitiert werden, der Corman-Price-Geist schwebt stets durchs Setting. Und so verwundert es auch nicht, dass Vincent Price der Film gewidmet wurde. 

    Wo Elvira ist, ist auch Humor nicht weit. Der mag sicherlich nicht jedem Munden, und ab der Mitte geht auch etwas die Luft heraus, dennoch schafft es Peterson, bei dem, was sie macht, nie lächerlich zu wirken. An ihrer Seite ist Richard O‘Brien (Riff Raff aus THE ROCKY HORROR PICTURE SHOW, 1975) als Lord Hellsebus, Theodor Danetti (SUBSPECIES 3, 1994) und die eher aus TV-Produktionen bekannten Scott Atkinson, Mary Sheer und Mary Jo Smith. 

    ELVIRA’S HAUNTED HILLS ist charmanter Grusel-Klamauk mit einer reizenden Cassandra Peterson vor atmosphärischen Kulissen. Nicht mehr, nicht weniger. 

    (Bjoern Candidus)

  • Castle Freak, 1995 – ★★★★

    Castle Freak, 1995 – ★★★★

    CASTLE FREAK
    (USA, 1995, Regie: Stuart Gordon)

    Nach einem Autounfall, den John Reilly zu verantworten hat, stirbt sein Sohn, während die Tochter erblindet. Doch nach dem Unglück, was eine Familienkrise mit sich führt, zeichnet sich Licht am Horizont ab, denn die Reillys erben eine alte Burg in Italien. Sie sehen eine Chance für einen Neuanfang und treten das Erbe an. Doch das alte Gemäuer beherbergt ein Geheimnis: in den Kellergewölben haust ein Wesen, was Hunger auf Menschenfleisch hat. 

    Fast 30 Jahre hat CASTLE FREAK nun schon auf dem Buckel, und ich erinnere mich noch sehr gut an meiner Erstsichtung Mitte der 90er-Jahre. Damals bekam ich zwar nur eine gekürzte FSK-ab-18-VHS in die Hände, aber das hat mir den Spaß nicht verdorben. Später kam ich dann in den Genuss der ungekürzten Fassung, und gerade auf dem Gore-Sektor gehörte Stuart Gordons Film damals zu einem der härteren Vertreter. Hier wird einiges weggebissen, und das Blut fließt ordentlich. Zudem ist das Make-up des Castle Freaks sehr gelungen und furchteinflößend. Aber CASTLE FREAK ist kein Horrorfilm, der sich auf Blut und Gewalt ausruht. Gordon hat nebenbei auch ein Familien-Drama geschaffen, was sich ziemlich ernst nimmt und die Inszenierung wegrückt vom üblichen DTV-Horror-Einheitsbrei jener Tage. In CASTLE FREAK treffen Schauwerte auf eine Story. Die Ehekrise, die durch den Verlust des Sohnes der Familie Reilly und Vater Johns Alkoholsucht erzählt wird, drückt die Stimmung etwas runter. Verschlimmert wird die Situation dadurch, dass die Tochter das Augenlicht bei dem Unfall verloren hat, den der Vater aufgrund seiner Alkoholsucht zu verantworten hat. Da erscheint das Monster im Keller fast nebensächlich, doch der Castle Freak bringt sich zusehends mehr mit ein. Einbringen tun sich auch die Hauptdarsteller. Der wunderbare und aus Gordons Kino kaum wegzudenkende Jeffrey Combs zeigt sich als John Reilly von einer sehr ernsthaften Seite, die ja auch ihr Bündel zu tragen hat. Susan Reilly wird von Barbara Crampton dargestellt, die ebenfalls zum Gordon-Clan gehört und gut ins Geschehen passt. 

    Ein weiterer Schauwert ist das Setting, eine große Burg in Italien, die der Familie Band gehört. Da kommt der Gothic-Horror fast automatisch auf, und wenn Dunkelheit und Unwetter vorherrschen, wird das Herz im Sturm erobert. Untermalt wird das Schauerstück von Richard Band. Die Verbindung zu den Bands liegt auf der Hand: bei CASTLE FREAK handelt es sich um eine Full Moon Produktion, was man gar nicht meinen möchte, denn ästhetisch bewegt man sich in anderen Sphären. Aber Stuart Gordon ist auch ein versierter Regisseur, der aus einem übersichtlichen Budget viel herausholen kann. 

    Gordons liebe zu H. P. Lovecraft darf auch hier wieder ausgelebt werden. CASTLE FREAK basiert auf Lovecrafts sehr kurze Kurzgeschichte „The Outsider“, die man hier durchaus erkennt, aber natürlich durch die Handlung um die Familie Reilly ergänzt wurde. 

    Trotz kleinerer Schwächen in der Geschichte und ein paar zähen Momenten ist CASTLE FREAK ein sehr atmosphärischer, derber und gut besetzter Horrorfilm, der aus dem Gros der 90er-DTV-Produktionen heraussticht. 

    (Bjoern Candidus)

  • Hollywood Chainsaw Hookers, 1988 – ★★★

    Hollywood Chainsaw Hookers, 1988 – ★★★

    HOLLYWOOD CHAINSAW HOOKERS
    (USA, 1988, Regie: Fred Olen Ray)

    Fred Olen Ray, der sich mit Anti-Meisterwerken wie SCALPS (1983) oder BIOHAZARD (1985) einen Platz in der Spezialabteilung meines Herzens gesichert hat, packt hier die Kettensäge aus und spinnt sogar noch eine Sekte drum herum. Dieser Sekte kommt der Privatdetektiv Raymond, ähm, Jack Chandler auf die Spur, der die vermisste Teenagerin Samantha aufspüren soll. Vorher darf er sich aber noch mit ein paar weiblichen Brüsten amüsieren. 

    Fred Olen Ray mixt hier den Detektiv-Film mit dem Fun-Splatter-Kino der späten 80er-Jahre zusammen und lässt neben John Henry Richardson als Detektiv auch noch Gunnar Hansen und Linnea Quigley auffahren, die beide nicht die begnadetsten Darsteller sind, aber wer würde die auch in einem Fred Olen Ray Film erwarten? Titten, Blut und krude Ideen gibt es statt Ernsthaftigkeit und Spannung. Nichtsdestotrotz kann man hier seinen Spaß haben, wenn man sich irgendwo zwischen TEXAS CHAINSAW MASSCRE 2 (1986) und dem Universum von H. G. Lewis wohl fühlt. 

    HOLLYWOOD CHAINSAW HOOKERS wirkt etwas, als hätte man versucht, einen Film Noir Krimi in einem Kaugummiautomaten zu inszenieren. Bekloppt amüsant.  

    (Bjoern Candidus)

  • Long Weekend, 1978 – ★★★★½

    Long Weekend, 1978 – ★★★★½

    LONG WEEKEND 
    (Australien, 1978, Regie: Colin Eggelston)

    Peter und Marcia, ein Ehepaar, was in einer Krise steckt, unternimmt einen Wochenendtrip an die Küste Australiens. Campen in freier Natur ist nicht gerade das Ding von Marcia, und schnell kommt es zum ersten Streit unter freiem Himmel. Doch die Beiden stehen bald vor einem ganz anderen Problem, es scheint nämlich so, als ob die Fauna einen Rachefeldzug gegen die beiden Urlauber plant, denen es an Respekt an der Natur mangelt. 

    Der Australier Colin Eggelston hat hier einen ganz hervorragenden Hybrid aus Tier- und Rache-der-Natur-Horrorfilm und Beziehungs-Drama geschaffen. Einerseits bedient sich Eggelston an Elementen des Tier-Horrors, gleichzeitig verzichtetet er auch auf viele Klischees dieses Subgenres. Auch wenn es hier diverse Attacken von Tieren gibt (ein Angriff durch einen Adler und einem Opossum), bewegen sich diese immer im Rahmen des Möglichen. Die Attacken sind nicht selten direkte Reaktionen auf das schändliche Verhalten von Peter und Marcia. Auch an einem schönen Ort können die grausamsten Dinge auf einen warten. „Die Welt hat Zähne, und sie kann jederzeit damit zu beißen“, um mal Stephen King zu zitieren. 

    Eggelstons Inszenierung ist von Beginn an bedrückend. Ganz nebensächlich hört man im Radio einen Bericht über einen Angriff von Kakadus auf Menschen, dem Marcia keine Beachtung schenkt, aber dem Zuschauer bereits eine kleine Vorschau auf einen möglichen Schrecken liefert. Die unheimliche Stimmung, die der Film mit der Ankunft in Mutter Natur annimmt, wird nicht mehr verlassen. Obwohl das Meer, der Strand und der Wald eigentlich alles andere als unheimlich oder erschreckend ist, gelingt es Eggelston durch Geräusche und den spärlichen Einsatz des Scores von Michael Carlos die Naturkulisse in einen Alptraum zu verwandeln. Fotografiert wurde LONG WEEKEND von Vincent Monton, der den Film am Tage wie in Nacht hervorragend eingefangen hat. 

    Das Ehepaar, das schnell meine Gunst verloren hat, wird von John Hargreaves und Briony Behets dargestellt. Sie ist ein Nervenbündel, weil sie die Natur hasst (und gerade ihr Kind abgetrieben hat), er ist ein egozentrisches Arschloch, was denkt, Herr der Welt zu sein. Die Spannungen dieser Beziehung sind ein weiteres gut funktionierendes Element. Identifikationspotential haben die Charaktere wirklich nicht zu bieten, was dazu führt, dass man erst gar kein Mitleid mit ihnen aufbauen kann. Eggelston zwingt einen förmlich auf der Seite von Mutter Natur zu stehen, und das gefällt mir. 

    LONG WEEKEND ist ein sehr ruhig inszenierter und enorm spannender Horrorfilm, der auf viele gängige Zutaten verzichtet und auf sehr eigene Art die Rache der Natur zelebriert. Ganz hervorragendes Kino aus Down Under, was weitaus mehr Beachtung verdient hätte. 

    (Bjoern Candidus)

  • Long Weekend, 2008 – ★★★★

    Long Weekend, 2008 – ★★★★

    LONG WEEKEND
    (Australien, 2008, Regie: Jamie Blanks)

    Braucht ein Film von 1978 ein Remake, was sich fast 1:1 wie das Original verhält, am gleichen Schauplatz spielt und sich teilweise mit gleichen Kamerablickwinkeln schmückt? Solche Fragen stellen sich spätestens seit Gus Van Sants PSYCHO – Remake aus dem Jahre 1998. Die Antwort lautet: Jein! Einerseits braucht man dies wirklich nicht, wenn man weiß, dass der Film von 1978 existiert, andererseits sorgt ein Remake dafür, dass neue potentielle Zuschauer besser auf den Originalfilm stoßen können. Und wenn sie das nicht tun, ist dies im Fall von LONG WERKEND fast egal, denn Regisseur Jamie Blanks hat hier durchaus eine gute Arbeit abgeliefert. 

    Die größte Veränderung gegenüber des Originals dürfte das Aussparen einer medialen Ankündigung sein, dass irgendwas mit der Flora und Fauna passiert, was sich ungünstig auf den Menschen auswirkt. Im Originalfilm wird dem Zuschauer mittels einer Nachrichtensendung von einer Attacke von Kakadus auf Menschen berichtet. Diese Andeutung lässt Jamie Blanks weg, dafür geht er viel direkter und persönlicher gegen unser griesgrämiges Ehepaar vor. Die Rechnung für das schändliche Verhalten gegenüber der Flora und Fauna wird sofort ausgestellt. Der Film kommt schneller zur Sache als 1978, spart sich sogar 10 Minuten Spielzeit, ist dabei aber überhaupt nicht hektisch, was für das Produktionsjahr 2008 schon fast ungewöhnlich ist. Er versteht es, durchaus die gleiche Spannung zu erzeugen wie einst Regisseur Colin Eggleston, ohne etwas anderes zu zeigen. Etwas verschärft wirken die wenigen plakativen Horror-Momente, was durchaus okay ist, da die sonstige Gangart des Films nicht verzerrt wird. 

    Darüberhinaus sieht der Film wirklich phantastisch aus. Die Naturkulissen wurden von Karl von Moller eindrucksvoll fotografiert. Auch bei den beiden Darstellern hat man ein glückliches Händchen bewiesen. Sowohl Claudia Karva als Carla und Jim Caviezel als Peter spielen das verhasste, der Natur null Respekt zollende Ehepaar hervorragend. 

    Auch wenn Jamie Blanks LONG WEEKEND im Grunde völlig überflüssig ist, ist hier ein packender Rache-der-Natur-Horrorfilm entstanden, der soweit alles richtig macht, auch wenn er etwas innovativer sein könnte.

    (Bjoern Candidus)

  • Crawl, 2019 – ★★★

    Crawl, 2019 – ★★★

    CRAWL
    (Kanada, Serbien, USA, 2019, Regie: Alexandre Aja)

    Ein Vater (Barry Pepper) und seine Tochter (Kaya Scodelario) kämpfen ums Überleben. Draußen tobt ein gewaltiger Hurrikan, während beide eingesperrt in einem Keller Gefahr laufen durch die Wassermassen des Unwetters zu ertrinken oder von Alligatoren gefressen zu werden, die in Scharen in die Wohnsiedlung gespült wurden. 

    Krokodile und Alligatoren haben eine lange Tradition im Horror-Kino. Da haben wir z.B. Filme wie DER FLUSS DER MÖRDERKROKODILE (1979), KROKODILE (1979), DER HORROR-ALLIGATOR (1980), DARK AGE – CROCODILE HUNTER (1987), DER MÖRDER-ALLIGATOR (1989), seine Fortsetzung KILLER CROCODILE 2 – DIE MÖRDERBESTIE (1990), ALLIGATOR 2 – DIE MUTATION (1992), LAKE PLACID (1999), CROCODILE (2000)… Die Liste ist lang, die Qualität unterschiedlich. Mit CRAWL liegt nun ein weiter Panzerechsen-Horrorfilm vor, der von Alexandre Aja inszeniert wurde, der mich mit HIGH TENSION (2003) und THE HILLS HAVE EYES (2006)ziemlich begeistern konnte. Bei CRAWL hielt sich meine Euphorie etwas in Grenzen. Die Erwartungshaltung war nicht hoch, denn mehr als einen Tierhorrorfilm mit CGI-Alligatoren habe ich nicht erwartet und auch nicht bekommen. Aber, um das vorwegzusagen: die Animation ist größtenteils sehr gelungen. Wenn sich das Gehirn einmal darauf eingestellt hat, dass es sich nicht um echte, bzw. Modell-Alligatoren handelt, gewinnen sie ein erstaunliches Eigenleben. Den Rest kaschiert die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen und die Umwelt. Das Wetter und die Hintergründe sind teilweise ebenfalls am Rechner entstanden und haben mich aufgrund ihrer Künstlichkeit mehr gestört. Die meiste Zeit hält sich der Film aber im Keller auf, wo das Wasser kontinuierlich ansteigt, um den Spannungsfaktor zu erhöhen. Im Gore-Bereich gibt es nicht viel zu berichten, hier konzentriert man sich vor allem auf schnelle Bissattacken, zudem ist die Opferzahl gering. Überzeugend sind die über und unter Wasser-Szenen, die im besten Fall für Beklemmung sorgen, natürlich einhergehend mit dem Hurrikan, der draußen tobt. Auch die Figuren-Konstellation Vater-und-Tochter-in-Gefahr ist lobenswert, schließt sie doch ein weiteres Liebespaar der Filmgeschichte (nahezu) aus. Nicht mal die obligatorischen Nerv-Teens sind am Start. Aja spart einem immerhin Humor und dumme Sprüche. Die Dummheit zeigt sich hingegen im Verhalten mancher Figuren, die sich absolut unlogisch und nicht nachvollziehbar verhalten. 

    Auch wenn die Spielzeit von gerade mal 87 Minuten für heutige Verhältnisse knapp ist, kam spätestens im letzten Drittel eine Ermüdung in mir auf. Irgendwann war es dann auch mal genug mit schnellen Bewegungen und Unruhe. 

    CRAWL ist insgesamt kein schlechter Beitrag in der heute sehr vernachlässigten Welt der (ernsten) Tierhorrorfilme, dennoch bleibt ein leicht unangenehmer Geschmack haften. Zu oft wiederholt man sich, zu selten hält sich die Spannung, weil man direkt zur nächsten Szene will. Ein bisschen mehr Ruhe und etwas ausgefeiltere Charaktere hätten hier noch mehr reißen können.

    (Bjoern Candidus)

  • The Antichrist, 1974 – ★★★★

    The Antichrist, 1974 – ★★★★

    DER ANTICHRIST
    (L‘ANTICRISTO, Italien, 1974, Regie: Alberto de Martino)

    Seit dem Autounfall ihres Vaters, sitzt die junge Frau Ippolita im Rollstuhl. Irgendwann beginnt sich ihr Geisteszustand zu verändern, und als sie anfängt, mit einer Männerstimme zu sprechen, die Obszönitäten von sich gibt, kann nur noch ein Priester helfen. 

    Vom Sandalenfilm zum Italowestern bis zum Horrorfilm – Alberto de Martino hat die meisten Strömungen des italienischen Kinos mitgenommen und recht ordentliche Filme inszeniert. 

    Bei DER ANTICHRIST ist das Vorbild, DER EXORZIST (1973), kaum zu übersehen. Aber man hat es nicht mit einer billigen Kopie zu tun, sondern mit einem recht charakterorientierten Okkult-Horror-Drama, was sich ziemlich ernst nimmt. Die ganze Atmosphäre ist schon von Beginn an düster und bedrückend und dabei sehr Bildgewaltig. Das liegt nicht nur an den Motiv, wie z.B. den historischen Sets in Rom, sondern auch am cinematografischen Geschick Aristide Massaccesi alias Joe D‘Amato, der hier hinter der Kamera stand. Auch der sehr geigenlastige Score von Ennio Morricone passt sich der schaurigen Stimmung wunderbar an. 

    Der ein oder andere Effekt wirkt ein bisschen hölzern, dennoch verlieren sie selten ihre diabolische Wirkung. Der Teufel fährt hier einiges auf. Kraftvoll wird es auch mit den Darstellern. Carla Gravina macht einen guten Job als vom Teufel besessene Ippolita. Ihr Anblick ist nicht gerade einladend. Der stets griesgrämige Arthur Kennedy ist als Soldat Gottes am Start. Mel Ferrer, Ernesto Colli, Alida Valli und Anita Strindberg ergänzen das Ensemble ansprechend. 

    MAGDALENA – VOM TEUFEL BESESSEN (1974), VOM SATAN GEZEUGT (1974), SEYTAN (1974) DER EXORZIST UND DIE KINDHEXE (1975) und viele andere Produktionen aus allen Herren Ländern orientierten sich mal mehr, mal weniger gut an ihrem Vorbild. DER ANTICHRIST ist eins der versiertesten Beispiele aus der Reihe der Teufelsfilme. 

    (Bjoern Candidus)