VERTRAUE KEINEM FREMDEN
(NEVER TAKES SWEETS FROM A STRANGER, GB, 1960, Regie: Cyril Frankl)
Jean und Lucille spielen im Wald. Da ihnen das nötige Kleingeld für Süßigkeiten fehlt, beschließen sie, den alten Mr. Olderberry zu besuchen, der ganz in der Nähe wohnt und dafür bekannt ist, Süßigkeiten zu verschenken. Doch der alte Mann hat ganz andere Absichten als Großzügigkeit. Am Abend erzählt Jean ihren Eltern, was ihr und ihrer Freundin Lucille passiert ist. Sie mussten sich vor Mr. Olderberry ausziehen und nackt vor ihm tanzen, um an Süßigkeiten zu kommen. Ihre Eltern, Peter und Sally Carter sind fassungslos. Sie erstatten Anzeige, was ihre Situation in der kleinen Stadt in Gefahr bringt, schließlich sind die Carters gerade erst hinzugezogen, weil Peter einen Posten als Schuldirektor bekommen hat. Schließlich kommt es zu einer Gerichtsverhandlung.
Es ist bemerkenswert, wie vielen unterschiedlichen Themen sich die Hammer-Studios angenommen haben, um Menschen ins Kino zu locken, um zu unterhalten. Im Falle von VERTRAUE KEINEM FREMDEN haben die Macher hinter der Produktion allerdings eine ganz andere Art an den Tag gelegt. Abseits von Scifi-Monsterfilmen, Psychothrillern, Horrorfilmen und Krimis der 1950er und 1960er-Jahre, liegt hier ein finsteres Pädophilen-Krimi-Drama vor, was ähnlich aufwühlend ist und in unangenehme Bereiche vorstößt wie ES GESCHAH AM HELLICHTEN TAG (1958) von Ladislao Vajda und Friedrich Dürrenmatt.
Was den beiden Mädchen hier am Anfang passiert, sieht man nicht als Zuschauer. Man erfährt alles nur aus der Erzählung von Jean. Ihre Aussage ist gar nicht anzuzweifeln. Da ihr selbst nicht bewußt war, welches Verbrechen sich Mr. Olderberry schuldig gemacht hat, hätte sie keinen Grund für eine Lüge gehabt. Erst ihre Mutter musste ihr erklären, welche Absichten Mr. Olderberry vermutlich hatte. Es folgen Probleme, die bis heute nichts von ihrer Aktualität und Brisanz verloren haben. Es geht um mangelnde Beweise, die Frage, ab wann liegt überhaupt ein Verbrechen vor, Machtstrukturen innerhalb einer Kleinstadt, Erpressung von Zeugen und dem Schaden des Ansehens des Opfers und der Familie und der Familie des Täters.
Cyril Frankls (DER TEUFEL TANZT UM MITTERNACHT, 1966) Film, der auf einem kanadischen Bühnenstück von Roger Garis basiert, lässt sich in drei Teile spalten. Der erste Teil besteht aus der Tat, die Reaktionen der Eltern und dem Versuch, seitens des Sohnes von Mr. Olderberry, über die angebliche Tat hinwegzusehen. Der zweite Teil besteht aus der Gerichtsverhandlung, der dritte Teil aus einem ziemlich derben Finale, was ich so nicht erwartet habe und mir einen ziemlichen Schlag verpasst hat.
Die Inszenierung ist nicht nur inhaltlich spannend, sondern auch sehr atmosphärisch in Szene gesetzt. Hinter der Kamera stand erneut der großartige Freddie Francis, der sich den jeweiligen Filmabschnitten perfekt anpasst. Während sich der Film bis zum Finale sehr realistisch, fast dokumentarisch verhält, bekommt der horroraffine Zuschauer gegen Ende die gruseligen Waldabschnitte und den See von Black Park in Wexham, Buckinghamshire präsentiert. Dass der Film in Kanada angesiedelt ist, ist ein zusätzliches Novum im Oeuvre der Hammer-Studios. Kanadischen Boden hat man für die Produktion allerdings nie betreten.
Auch die Besetzung ist sehr gelungen. Die damals gerade mal zwölfjährige Janina Faye spielt Jean Carter, die eine sehr tapfere und clevere Person ist, sehr überzeugend. Ihre Eltern Sally und Peter werden von Gwen Watford und Patrick Allen dargestellt, die natürlich beide ziemlich emotional, aber nicht blind reagieren. Sehr eklig ist der alte Mr. Olderberry, der von Felix Aylmer gespielt wird. Er sagt den ganzen Film über kein Wort, sondern guckt nur oder gestikuliert auf ekelhafte Art und Weise. Sein Sohn Clarence Olderberry Jr., der von Bill Nagy verkörpert wurde, ist kaum weniger unangenehm, versucht er doch seine Macht als Chef des Sägewerks seines Vaters spielen zu lassen und die Familie Carter zu erpressen, sollte sie Anzeige gegen seinen alten Herren erstatten.
VERTRAUE KEINEM FREMDEN ist ein exzellenter Film, der seiner Zeit voraus war und bis heute aktuell ist. Wer die Hammer-Studios mal von einer etwas anderen Seite sehen will, sollte hier dringend einschalten.
(Bjoern Candidus)