Autor: marco-fritz

  • Deranged, 1974 – ★★★★

    Deranged, 1974 – ★★★★

    BESESSEN
    (DERANGED, Kanada, USA, 1974, Regie: Alan Ormsby, Jeff Gillen) 

    Basierend auf den Fall des Mörders, Grabräubers und Leichenschänders Ed Gein hat Alan Ormsby und Jeff Gillen hier einen sehr morbiden, fast pseudodokumentarischen Film geschaffen, der das Potential hat, einen schlucken zu lassen. Das Erstaunliche an diesem filmischen Abgrund ist die recht authentische Darstellung von Eds Leben, seinem Umfeld und seinen Taten, denn erst später gerieten Polizeiberichte und Fotos ans Licht der Öffentlichkeit. Wunderlich sind auch einige Parallele zu TEXAS CHAINSAW MASSACRE, der einige Monate später im selben Jahr in die Kinos kam, aber von Hooper bereits zwischen Juli und August 1973 gedreht wurde. Doch während Hooper gnadenlosen Terror vor hitziger Texas-Kulisse entfesselt, ist man hier auf dem schneebedeckten Boden Kanadas, auf dem sich Ormsby auf den schleichenden Wahnsinn seines Ed Geins konzentriert, der hier Ezra Cobb heißt und wirklich brillant von Robert Blossom (CHRISTINE, 1983) dargestellt wird. Blossom scheint geradezu in der Rolle eines psychisch kranken Mannes mit höchst unangenehmen Neigungen aufzugehen. Wenn er dann seine Mutter aus dem Grab holt, was Ed Gein nie getan hat, aber gerne behauptet wird, wird es unangenehm. Und richtig ekelhaft wird es, wenn er sie aushöhlt, um sie auszustopfen. Da war der gute Hitch mit dem schönen Anthony 1960 etwas subtiler unterwegs. Jeder Winkel in Ezra Cobbs Haus mit Farm ist dreckig und stinkt durchs Bild, wie der Bewohner selbst. Aber nicht nur das heruntergekommene Anwesen wird belichtet, sondern auch die kleine Stadt, in der Ezra durchaus bekannt ist, wenn auch nicht als Intelligenzbestie. Die Leute mögen Ezra, sie halten ihn für harmlos.

    Der Film erweckt nicht das Gefühl, Ormsby hätte es nur auf Schauwerte abgesehen, sondern nimmt das Thema ernst und versucht es in seinem möglichen Rahmen abzuarbeiten. Statt auf Spannung oder Action zu setzen, steckt man tief im Sumpf von Ezra und beobachtet ihn in seinem Leben, was nicht selten höchst unappetitlich ist. Dass dabei unter dem Strich trotzdem mehr ein Exploitationfilm statt ein Psycho-Drama entstanden ist, liegt auf der Hand. Da ändert auch das Auftauchen eines Erzählers nichts, der sich hin und wieder ins Bild rückt. Eine letztlich unnötige Idee, die aber auf sonderbare Art funktioniert. Untermalt wird der Ausflug in die Welt des Morbiden von einem Score von Carl Zittrer, der, wie auch bei BLACK CHRISTMAS (1974), unterschwellig wirkt. 

    Unter den zahlreichen Filmen, die entweder direkt auf Ed Gein eingehen oder sich auf dessen Neigungen oder Taten beziehen oder inspiriert wurden, ist BESESSEN einer der authentischsten, auch wenn er sich Freiheiten herausnimmt. Es gibt ein paar sehr widerliche Momente, aber in erster Linie überzeugt Blossom als Ezra Cobb und die faulige Atmosphäre, die über den Bildern einer bäuerlichen Welt liegt, die auch etwas an der aus CANNIBAL GIRLS (1973) erinnert. 

    BESESSEN ist kleines makaberes Meisterstück, was nie die Aufmerksamkeit bekommen hat, was es eigentlich verdient hätte, vor allem wegen der tollen Darstellung von Robert Blossom. 

    (Bjoern Candidus)

  • And Soon the Darkness, 1970 – ★★★½

    And Soon the Darkness, 1970 – ★★★½

    TÖDLICHE FERIEN
    (AND SOON THE DARKNESS, GB, 1970, Regie: Robert Fuest)

    Die beiden Engländerinnen Jane und Cathy machen gemeinsam Urlaub. Mit dem Fahrrad fahren die Freundinnen durch die ländlichen Abstriche Nordfrankreichs. Als sie eine Pause einlegen, kommt es zu einem Streit zwischen den beiden Freundinnen, was Jane dazu veranlasst, alleine weiterzufahren, was sie alsbald bereuen wird. Cathy verschwindet spurlos, nur ihr Fahrrad mit gebrochen Speichen ist noch am Ort ihrer letzten Rast. Jane sucht Hilfe in dem nahegelegenen Dorf, um ihre Freundin wiederzufinden. 

    Regisseur Robert Fuest (DAS SCHRECKENSKABINETT DES DR. PHIBES, 1971) hat mit TÖDLICHE FERIEN einen kleinen Ausblick auf das sommerliche Terrorkino der folgenden Jahre geliefert. Die sonnendurchfluteten Bilder einer abgelegenen Gegend, die erst mal nichts Böses zeigen, sondern nur Felder, Wälder und Alleen, erwecken Erinnerungen an TEXAS CHAINSAW MASSACRE (1974), was sich auch durch die ein oder andere Figur abzeichnet, die hier auftaucht. Es ist hier allerdings nicht im Ansatz so dreckig und klebrig wie in Hoopers Texas. Das Vorhaben, einen schönen Urlaub in der Sonne zu verbringen, blickt in Richtung EIN KIND ZU TÖTEN… (1976), wo, wie hier, auch die Fremdsprache zum Problem der Touristen wird. Im Originalton (wie auch in der dt. Synchronisation) wird das gesprochene Französisch nicht untertitelt, was dazu führt, dass derjenige, der kein Französisch kann, genauso kein Wort versteht wie Jane. Das erhöht die Authenzität, die hier ohnehin groß geschrieben wird.

    Fuest und sein Kameramann Ian Wilson liefern nicht nur schöne Bilder in natürlichen Farben, sondern geben einem auch das Gefühl, man wäre mitten drin. Das Verhalten von Jane ist größtenteils nachvollziehbar, abgesehen davon ist Pamela Franklin gut besetzt. Sie nervt nicht, sie ist nicht unnötig panisch und bewahrt einen kühlen Kopf. Auch ihre Freundin Cathy, dargestellt von Michele Dotrice, ist sympathisch, scheidet aber recht früh aus dem Geschehen aus. Sehr überzeugend sind auch die Darsteller, die die verschrobenen Bewohner des Dorfes verkörpern. Sandor Elès, John Nettleton, Hanna Maria Pravda, Clare Kelly… Jeder passt perfekt in seine Rolle. Die Dorfbewohner sorgen jedenfalls gut dafür, dass Jane und der Zuschauer verunsichert wird, was eine weitere Stärke von TÖDLICHE FERIEN ist. Doch die Inszenierung fordert auch viel Geduld. Der Film ist sehr langsam inszeniert, was durchaus zum Sommerwetter passt und den Beklemmungsfaktor erhöht, aber auf die ein oder andere Minute hätte man gut verzichten können, um etwas mehr Fahrt aufzubauen. Aber ich berücksichtige hier natürlich auch das Baujahr 1970, wo man noch Ruhe beim Inszenieren von Filmen hatte. Fuest nutzt diese Ruhe auch immer wieder, bei den Spannungsmomenten, wo er dann wieder richtig liegt. Und zur Belohnung für die Geduld gibt es ein packendes Finale. 

    Musikalisch wird das Geschehen begleitet von einem Score von Laurie Johnson, der allerdings wenig Ausdruck hat, dennoch gut passt. 

    TÖDLICHE FERIEN ist ein gut besetzter, spannender, authentischer Mystery-Thriller mit deutlichen Terror-Kino-Vorwehen. Der langsame Aufbau und die ein oder anderen zu lang geratenen Moment, werden mit der durchgehenden Atmosphäre der Beklemmung weitestgehend wieder wettgemacht.   

    (Bjoern Candidus)

  • Two Orphan Vampires, 1997 – ★★★★

    Two Orphan Vampires, 1997 – ★★★★

    THE ORPHAN VAMPIRES
    (LES DEUX ORPHELINES VAMPIRES, Frankreich, 1997, Jean Rollin) 

    Was mich bei diesem Spätwerk Rollins am meisten fasziniert hat, ist die Tatsache, dass der Film überhaupt nicht nach 90er-Jahre aussieht. LES DEUX ORPHELINES VAMPIRES kommt daher wie eine verschollene Perle aus den 70ern. Aber nicht nur visuell ist das Vertraute zu finden, sondern auch inhaltlich. Dabei variiert Rollin das Thema des Vampirismus. Die beiden sehr reizenden Damen Alexandra Pic als Louise und Isabelle Teboul als Henriette sind tagsüber blind, können sich aber (wie bei Stoker) ganz normal am Tageslicht bewegen. Also so normal, wie sich ein Blinder bewegen kann. Sie können auch nicht fliegen oder sich verwandeln und haben bis auf einen optionalen Spitzzahn-Modus optisch nichts Monströses zu bieten, dafür sind sie schön und verspielt, und das soll reichen. Wenn die Sonne untergeht, kommt ihr Augenlicht zurück, und der Drang nach Blut erwacht. Und so tummeln sie sich auf Friedhöfen herum, schwelgen in der Poesie der Nacht und überfallen nebenbei Menschen, denen sie den Lebensaft abzapfen. Und all das passiert hier in schönster rollinesker Art und Weise. Gräber, Klöster, Kirchen, ganz kurz das Meer (natürlich!) und hin und wieder ein urbanes Set (z.B. ganz kurz, aber effektiv New York) bringen hier viel Abwechslung rein. Eine Standuhr fehlt hier allerdings, oder ich habe sie übersehen. Aber es ist nicht nur die visuelle Kraft in Form und Farbe, die hier wirkt, sondern auch das wirklich gelungene Spiel zwischen den beiden Vampir-Mädchen, die wieder einmal zeigen, wie gut Rollin Frauen inszenieren kann. Die Gehörgänge darf der Score von Philippe D‘Aram verzaubern, der das Gesamtpaket abrundet. 

    Wenn man ein Herz für das Kino von Rollin hat, wird einen LES DEUX ORPHELINES VAMPIRES sicher zu berühren wissen. Ein wunderschöner Vampirfilm. Verträumt, poetisch und rührenden bis zum Ende. 

    (Bjoern Candidus)

  • Caltiki, the Immortal Monster, 1959 – ★★★

    Caltiki, the Immortal Monster, 1959 – ★★★

    CALTIKI – RÄTSEL DES GRAUENS
    (CALTIKI – IL MOSTRO IMMORTALE, Italien, USA, 1959, Regie: Riccardo Freda, Mario Bava)

    Im Dschungel von Mexiko stößt ein Team aus Archäologen auf die Ruinen einer alten Maya-Stadt. Sie wollen herausfinden, auf welche Art und Weise die Bewohner der Stadt verschwunden sind. Die Antwort lautet: Caltiki, ein unsterbliches Monster, was sich von menschlichen Zellen ernährt. 

    Wabbelige Einzeller und andere kriechende, klobige Monster, die großen Appetit auf Menschen haben, waren in den 1950er-Jahren ein beliebtes Thema im Kino. Die Briten lieferten solch ein Wesen in XX… UNBEKANNT (1957), die Amis landeten mit BLOB – SCHRECKEN OHNE NAMEN (1958) einen Hit und die Japaner der TōHō-Studios lieferten DAS GRAUEN SCHLEICHT DURCH TOKIO (1958). Mit CALTIKI reagierten die Italiener auf das Thema, genauer: Mario Bava, Riccardo Freda und Filippo Sanjust. 

    Bei DER VAMPIR VON NOTRE DAME (1957) arbeiteten Freda und Bava gemeinsam an einem Projekt, was Freda vorzeitig verließ und Bava zu Ende führte. Hier war es ähnlich. Auf die Qualität hatte das erneut keine Auswirkungen. CALTIKI ist der von den bereits erwähnten, ähnlich gelagerten Filmen visuell der Schönste. Besonders die ersten 5 Minuten, wenn die Ruinen der Maya-Tempel in Mexiko zu sehen sind, gehören zu den Highlights des Films. Die Studiobauten und Miniaturmodelle sind zauberhaft und höchst stimmungsvoll in Szene gesetzt. Rauch steigt aus einem Vulkan, sonderbare Felsformationen ragen zum Himmel hoch und ein Abenteurer ist auf der Flucht vor etwas Schrecklichem. Anfänglich kommt mehr Abenteuerkino durch, was man aus Filmen wie KING KONG (1933) oder DER SCHRECKEN VOM AMAZONAS (1954) kennt. Doch leider hält man sich nur in den ersten 10 Minuten in diesem Setting auf und bewegt sich dann vor allem in etwas sperrigen Räumlichkeiten. Doch im Gegensatz zu vielen US Monsterfilmen jener Tage, die manchmal etwas steif und langweilig fotografiert wurden, profitiert CALTIKI von einer wunderbaren Kameraarbeit, die aus Bavas eigener Hand stammt. Das Schwarzweiß baut eine dichte Atmosphäre auf, die vor allem den Horrorfilm-Charakter unterstreicht. Auffällig hart sind die wenigen Horror-Effekte. Wenn der Einzeller Menschen oder Teile von ihnen umschlungen hat, werden diese bis auf den Knochen weggefressen, was für ein paar heftige Ansichten sorgt. Auch der gefräßige Einzeller, der durch radioaktive Strahlen wächst, kann sich sehen lassen. Er sieht mehr nach einem ledrigen Tumor als nach einem schleimigen Blob aus, was ihn definitiv monströser erscheinen lässt. Zudem gelingt es hier eine viel mysteriösere Hintergrundgeschichte zu erzählen, die die mögliche Herkunft des Wesens erklärt. Hier sind durchaus immer wieder Anleihen an das Werk von H. P. Lovecraft zu finden, was wohl vor allem Bava zu verdanken ist. 

    Aber CALTIKI hat auch Probleme. Obwohl der Film mit 76 Minuten erstaunlich kurz geraten ist, macht sich nach dem spannenden Anfang etwas viel Geschwätzigkeit breit, während der Monster-Horror reduziert wird. Das Hauptproblem dabei sind aber vor allem die Figuren, zu denen ich überhaupt keine Bindung aufbauen konnte. Nicht, dass John Merivale, Didi Perego, Gérard Herter oder Daniela Rocca schlechte Schauspieler wären, aber von ihnen ist kein Funke übergesprungen. Das ist aber im Monsterkino nichts Ungewöhnliches, denn schließlich ist das Monster der Star dieser Filme. Und wenn der Einzeller dieses Films größer wird und sich schließlich teilt, bekommt der Freund des Monsterkinos ein kurzes, aber knackiges Ende serviert, was, wie am Anfang, die phantastische Magie der Miniaturmodelle demonstriert. 

    CALTIKI – RÄTSEL DES GRAUENS mag im Werke Mario Bavas (und Riccardo Fredas) nicht das größte sein, aber es hat eine sehr dichte Atmosphäre, tolle Sets und ein bizarres Monster zu bieten. 

    (Bjoern Candidus)

  • The Track, 1975 – ★★★★★

    The Track, 1975 – ★★★★★

    TREIBJAGD*
    (LA TRAQUE, Frankreich, Italien, 1975, Regie: Serge Leroy)

    Die Engländerin Hellen Wells möchte sich entspannen und ein Ferienhaus mitten in der Pampa in Frankreich mieten. Bei ihrer Ankunft lernt sie Philippe kennen, der sie zu ihrer Unterkunft fährt. Dabei lernt sie auch die beiden Brüder Danville kennen, die ein ganz besonderes Auge auf Hellen geworfen haben. Sie laden sie zu einer Wildschweinjagd am anderen Tag ein, die Hellen ablehnt. Als sich am anderen Tag die Männer des Dorfes zur Jagd versammeln und sich in kleine Grüppchen spalten, kommt es zu einer Vergewaltigung Hellens, durch die beiden Danville-Brüder. Als einer der Brüder zurück zum Tatort will, weil er sein Gewehr vergessen hat, schießt Hellen auf ihn. Als die Männer auf ihren verwundeten Kollegen stoßen, wird ihnen klar, dass es nur einen Ausweg gibt: Hellen muss zum Schweigen gebracht werden, denn der Ruf und die Stellung aller sind in Gefahr. Das Dorf-System der Herrenrasse darf nicht ins Wanken geraten. 

    Regisseur Serge Leroy hat hier ein hartes und höchst realistischen Rape-and-Revenge-Drama abgeliefert, das mich vom Anfang bis zum Ende komplett gefesselt hat. Knapp 100 Minuten totale Anspannung. Der Film zieht seine Kraft aus den widerlichen Männern, die alles tun, um ihre Positionen zu erhalten. Dabei wird schnell klar, dass sie sich eigentlich alle hassen, aber nur zusammen eine Chance haben. Der Kosmos des Dorfes, was man selbst gar nicht sieht, wird hier mit Bravour charakterisiert. Ein weiterer Faktor, der dem Film die nötige Würze gibt, ist die wunderbare Fotografie von Claude Renoir, der den Herbst so schön eingefangen hat, wie ich ihn lange nicht mehr in einem Film gesehen habe. Der Wald als Gefängnis. 

    Aber nicht nur die Form und der Inhalt glänzt, sondern auch die Schauspieler. Die schöne Mimsy Farmer (VIER FLIEGEN AUF GRAUEM SAMT, 1973) überzeugt als Gejagte, die kaum Text benötigt, stattdessen ihre Blicke spielen lässt. Sie ist tapfer, nicht hysterisch. Ihr gegenüber steht eine ganze Wagenladung an ekligen Männern, die denken, das Maß aller Dinge zu sein, z. B. Jean-Luc Bideau (NUIT D’OR – DIE NACHT AUS GOLD, 1977) und Michael Lonsdale (JAMES BOND – MOONRAKER, 1979). 

    TREIBJAGD ist alles andere als ein Gute-Laune-Film. Er legt permanent die Hände um den Hals des Zuschauers und drückt immer ein Stückchen fester zu. Faszinierend und wuchtig.

    (Bjoern Candidus)

    *Podcast-Besprechung bei „Antenne Traumstadt“

  • Carved: The Slit-Mouthed Woman, 2007 – ★½

    Carved: The Slit-Mouthed Woman, 2007 – ★½

    CARVED: THE SLIT MOUTHED WOMAN
    (KUCHISAKE-ONNA, Japan, 2007, Regie: Kôji Shiraishi)

    Eine leichenblasse Frau mit aufgeschnittenem Mund und Schere in der Hand, die sich Kinder krallt, erweckt erst mal großes Interesse. Leider ist es Regisseur Kôji Shiraishi (GROTESQUE, 2009) aber nicht gelungen, mich damit zu gewinnen. 

    Einerseits mag ich die ruhige, oft trostlose Stimmung des japanischen Horror-Kinos, andererseits schwingt oft ein sehr melancholischer Ton mit, der nicht selten wie Blei auf mir lastet. Gekrönt werden die Bilder oft mit Scores, die diese Wirkung zusätzlich befeuern. CARVED: THE SLIT MOUTHED WOMAN hat genau diese Zutaten zu bieten, und hatten Filme wie RING (1998) und JU-ON – THE GRUDGE (2002) noch eine unheimliche 
    Sogwirkung, bleibt hier vor allem ein Eindruck am dominantesten: Langeweile.  

    Eine interessante, aber schlecht umgesetzte Story mit ausdruckslosen Darstellern und geschmacksarmen Horror-Zutaten, die weder Spannung noch Schocks parat hält, macht CARVED: THE SLIT MOUTHED WOMAN zu einer belanglosen Fußnote im Pool des J-Horrors.

    (Bjoern Candidus)

  • The Return, 1980 – ★★★

    The Return, 1980 – ★★★

    THE RETURN – TÖDLICHE BEDROHUNG
    (THE RETURN, USA, 1980, Regie: Greydon Clark)

    Nach einer schönen, in den sechziger Jahren angesiedelten Anfangsszene, in denen ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge eine extraterrestrische Erfahrung machen, springt der Film inhaltlichen 25 Jahre nach vorn. 
    Und nach diesen 25 Jahren treffen sich die beiden Kinder, die nun zu Erwachsenen herangewachsen sind im gleichen Ort wieder. Doch irgendwas stimmt in dem beschaulichen Städtchen nicht. Ausgeweidete Kühe sollen nur der Anfang von etwas Größerem sein.

    Von einer Rückkehr kann man hier gleich in mehrfacher Hinsicht sprechen. Zum einen die inhaltliche Rückkehr im Film, zum anderen Greydon Clarks direkte Rückkehr zum Thema Invasion. Im gleichen Jahr entstand nämlich auch WITHOUT WARNING, in dem sich, wie auch hier, Martin Landau und Neville Brand zeigen. Und auch Dan Wyman ist zurück und liefert einen passenden Score. 

    Schnell gewinnt man den Eindruck, dass Greydon Clark hier mehr Budget zur Verfügung hatte, da man schon zu Beginn eine schöne UFO-Szene mit phantastischen Lichteffekten bekommt. Insgesamt macht der Film einem wertigen Eindruck, aber manchmal eben auch nicht. Gaga-Momente sind hier ebenso zu finden wie in WITHOUT WARNING. Der Gore-Faktor, wenn man davon überhaupt sprechen möchte, ist leicht erhöht, und in der Tat gibt es hier sogar eine richtig fiese Szene, wenn ein Mann mit dem Gesicht in die Innereien einer halbverwesten Kuh fällt. Neben weiteren blutigen Kleinigkeiten lebt dieser Film aber vor allem durch seine Atmosphäre, sein Schauplatz (Kalifornien, was als New Mexico verkauft wird) und durch die trügerische Kleinstadt-Idylle mit ihren typisch verschrobenen Bewohnern. Viel Neues ist hier nicht anzutreffen, und da kommen einem die irren Figuren gerade recht. Neben Landau und Brand darf auch Jan-Michael Vincent und Vincent Schiavelli Hallo sagen. Ich hatte auf jeden Fall das Gefühl, als hätte Martin Landau, den ich mit Schnäuzer und Hut kaum erkannt habe, am meisten Kontrolle über sich gehabt. 

    THE RETURN – TÖDLICHE BEDROHUNG ist ein solider Mix aus vielen ähnlich gelagerten Filmen. Von richtigen Schauwerten kann nicht die Rede sein, dennoch wurde ich hier gut unterhalten. 
    WITHOUT WARNING würde ich aber klar vorziehen, müsste ich mich entscheiden. 

    (Bjoern Candidus)

  • In the Heat of the Night, 1967 – ★★★★★

    In the Heat of the Night, 1967 – ★★★★★

    IN DER HITZE DER NACHT
    (IN THE HEAT OF THE NIGHT, USA, 1967, Regie: Norman Jewison)

    Auf dem Weg zu seiner Mutter hält Virgil Tibbs in Sparta, einem kleinen Kaff im Süden der USA, um auf den Anschlusszug zu warten. An dem Abend seines Aufenthalts findet man die Leiche eines Mannes auf der Straße, der Opfer eines Raubüberfalls wurde. Für die Polizei steht schnell fest, wer der Schuldige ist: Virgil Tibbs, denn der hat dunkle Haut und eine Brieftasche voller Geld. Doch nach seiner Festnahme staunen die rassistischen Cops nicht schlecht, als ihnen Tibbs erklärt, dass er selbst ein Polizeibeamter ist, genauer noch: er arbeitet bei der Mordkommission von Philadelphia. Schnell wird klar, dass Tibbs der richtige Mann ist, um den Mörder zu finden, was Sheriff Gillespie, seinen Kollegen und den einflussreichen Männern in Sparta komplett gegen den Strich geht, denn ein dunkelhäutiger Polizist ist das Letzte, was in deren beschränktes Weltbild passt. 

    Norman Jewison (ROLLERBALL, 1975) schickt Sidney Portier in den Süden der USA und präsentiert die Hässlichkeit des Rassismus gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe. Schon ab der ersten Minute herrscht hier eine finstere Stimmung, wenn Portier als Virgil Tibbs in der Dunkelheit in Sparta ankommt und auf seinen Anschlusszug wartet. Eine Kleinstadt bei Nacht, in der nur noch Leuchtreklame und Laternen Leben versprühen. Hier wird bereits die unglaublich gute Lichtsetzung, die lebendigen Farben und die brillante Fotografie von Haskell Wexler deutlich, die dem Film eine unglaublich packende Atmosphäre verpasst. Jedes Bild ist ein Genuss. Aber soll es natürlich in erster Linie um den Inhalt gehen, und den liefert Normen Jewison, bzw. John Ball, der die Vorlage schrieb und Drehbuchautor Stirling Silliphant. Das Stärkste an dem Film ist, dass es hier im Grunde keinen ausgesprochenen Kommentar gegen Rassismus bedarf, denn Sheriff Gillespie und das ganze verkommene Pack von Sparta erledigen das mit ihrem Verhalten selbst. Sie führen sich quasi an einer Tour selbst vor, während Virgil Tibbs völlig cool bleibt und die Karte der Intelligenz stets zur Hand hat. Betonköpfe haben es schwer, deshalb muss man ihnen immer wieder ihre eigene Dummheit aufzeigen. Manchmal soll das sogar was bringen, und auch hier zeichnet sich etwas Licht am Horizon ab. Aber bis es soweit ist, darf man sich an einem sehr spannenden Krimi laben, der neben dem Rassismus-Thema auch das Kleinstadt-System aufgreift. Wer in diesem System nicht mitspielt, hat schlechte Karten, und wer dunkle Haut hat, hat gar keine. 

    Und genau dort ist Sidney Portier richtig und falsch zugleich. Portiers vereinnahmende Ausstrahlung, die stechenden Augen und seine Coolness, sind der Wahnsinn. Es gibt ein paar unglaublich starke Momente mit ihm, die in die Filmgeschichte eingingen. 1966 kam Nichelle Nichols als Lieutenant Nyota Uhura und küsste als erste dunkelhäutige Frau einen weißen Mann (William Shatner) vor Kameras der US-Medien, 1967 kam Sidney Portier und schlug einen weißen Cop ins Gesicht, nachdem er ihn schlug. Aber nicht nur Portier liefert eine Glanzleistung, sondern auch Rod Steiger als Sheriff Gillespie, der hier als Einziger immer wieder selbst erkennen darf, wie dumm seine eigenen, engstirnigen Einstellungen eigentlich sind. An seiner Seite ist Warren Oates als Officer Sam Wood mit hohem Widerlichkeitspotential. Den weiblichen Part schmückt Lee Grant als Mrs. Colbert aus, der Frau des Ermordeten, um den sich der eigentliche Kriminalfall dreht. Die Mischung aus Ermittlung im Mordfall „Colbert“ und den Konflikten zwischen Tibbs, Sheriff Gillespie, seinen Männern und den anderen einflussreichen Männern von Sparta ist ausgewogen. Die Spannung entsteht aber in erster Linie durch Portier und Steiger, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch eine Basis finden müssen. 

    Ray Charles eröffnet mit dem Song „In the Heat of the Night“, Quincy Jones liefert einen phantastischen Score, der die tolle Atmosphäre des Films passend ummantelt. 

    IN DER HITZE DER NACHT ist ein packender Krimi mit Rassismus-Kritik, ohne die Keule auszupacken. Die starke Besetzung vor der Kamera und die überdurchschnittlich gute Arbeit in sämtlichen Bereichen hinter der Kamera, machen Norman Jewisons Film zu einem Meisterstück, was zu Recht mit 5 Oscars belohnt wurde. 

    (Bjoern Candidus)

  • Deadtime Stories, 1986 – ★★

    Deadtime Stories, 1986 – ★★

    DIE ZUNGE DES TODES
    (DEADTIME STORIES, USA, 1986, Regie: Jeffrey Delman)

    Regisseur Jeffrey Delman erweckt schon mit der Titel-Sequenz, in der eine Monsterkrallen ein Märchenbuch blättert, große Hoffnung auf einen unterhaltsamen Horror-Episodenfilm. In der Rahmenhandlung erzählt ein genervter Onkel seinem kleinen Neffen zum Einschlafen Geschichten. 

    Die erste Story ist sehr gelungen. Es geht um zwei schrullige Hexen und einen jungen Handlanger, die ein Wiedererweckungsritual vorbereiten. Das mittelalterliche Setting, samt Hexenküche und finsteren Wäldern und Höhlen ist sehr atmosphärisch und im 80er-Jahre-US-Horror selten anzutreffen. Oben drauf gibt es auch noch eine ordentliche Portion Blut- und Ekel-Effekte. Aber die Folge bietet durchaus auch etwas Humor, der vor allem von den beiden Hexen ausgeht. Insgesamt ein guter Start. Die zweite Folge ist in der damaligen Gegenwart angesiedelt und modernisiert die Geschichte von „Rotkäppchen und der böse Wolf“. Hier geht es wieder handzahmer und vor allem weniger stimmungsvoll zu. Dafür ist mit Matt Mitler kein Horrorfilm-Unbekannter an Bord, den man z.B. aus THE MUTILATOR (1984) oder BASKET CASE 2 (1990) kennt. Mit der dritten Folge stolpert der Film dann regelrecht über seinen Humor, der zu sehr zur Albernheit verkommt. Hier trifft eine Irren-Familie, bestehend aus Vater, Mutter und einem degenerierten Sohn, die Urlaub in den Wäldern machen will, auf eine junge Frau mit telekinetischen Fähigkeiten. 

    Leider kann DIE ZUNGE DES TODES das Niveau, was die erste Episode auffährt, danach nicht halten, dennoch kann Jeffrey Delmans Film unterhalten und zeigt eine gewisse Liebe für das Genre.  

    (Bjoern Candidus)

  • The Hatter’s Ghost, 1982 – ★★★★★

    The Hatter’s Ghost, 1982 – ★★★★★

    DIE FANTOME DES HUTMACHERS*
    (LES FANTÔMES DU CHAPELIER, Frankreich, 1982, Regie: Claude Chabrol) 

    Ein Frauenmörder versetzt eine französische Stadt in Angst und Schrecken. Der Mörder, der per Brief mit der Presse in Kontakt steht, wird bei seinem sechsten Mord beobachtet und hat nun einen Mitwisser am Hals. 

    Dass Roman-Verfilmungen auch adäquat umgesetzt werden können, hat zum Beispiel Roman Polanski mit (und als) DER MIETER (1976) bewiesen, der Topors Roman fast minutiös folgt. Claude Chabrol serviert mit seiner George Simenon Adaption von DIE FANTOME DES HUTMACHERS (1949) eine weitere adäquate Umsetzung. 

    Schon mit dem Regen zu Beginn, der die Gassen von La Rochelle (zumindest im Roman) benetzt, entfesselt Chabrol die gleiche Atmosphäre. Und so lernt man auch sofort den Hutmacher Labbé und den Schneider Kachoudas kennen, die hier für knapp zwei Stunden die wichtigsten Figuren sind. Wer der Mörder in diesem psychologisch aufgeladenen Krimi ist, bleibt nicht lang geheim, und anders würde der Film auch nicht funktionieren. Man ist hier so dicht am Täter wie zwei Jahre zuvor William Lustig mit MANIAC (1980). Nur das wir es hier mit einem sehr viel subtileren Film zu tun haben. Chabrol hält kontinuierlich an der Geschichte fest und konzentriert sich auf die Figur des Hutmachers, der ganz phantastisch von Michel Serrault dargestellt wird. Es war mir ein großes Vergnügen, die Romanfigur plötzlich aus Fleisch und Blut präsentiert zu bekommen. Aber auch Charles Aznavour als der neugierige, kränkliche und ängstliche Schneider Kachoudas weiß zu überzeugen. Gleiches gilt für alle anderen Darsteller, die Simenons Vorlage ansprechend repräsentieren. 

    DIE FANTOME DES HUTMACHERS ist ein spannender, versiert fotografierter Blick in die Seele eines Mörders, der immer mehr die Kontrolle verliert. Gleichzeitig bekommt man aber auch schwarzhumorige und ebenso gesellschaftskritische Töne serviert. Also der gleiche Mix, den auch Simenon in seiner Vorlage anbietet. Ein meisterlich inszenierter Psychogramm-Krimi. 

    (Bjoern Candidus)

    *Podcast-Besprechung bei „Antenne Traumstadt“