Autor: marco-fritz

  • Missing in Action, 1984 – ★★★½

    Missing in Action, 1984 – ★★★½

    MISSING IN ACTION
    (USA, 1984, Regie: Joseph Zito)

    Colonel James Braddock, die Ein-Mann-Armee, die sich vor zehn Jahren aus einem Gefangenenlager in Vietnam befreien konnte, schreitet zur Tat. Im Alleingang, seinen Freund und Boot-Chauffeur Jack Tucker (M. Emmett Walsh) mal ausgeklammert, schießt er sich durch den Dschungel von Vietnam, um seine gefangenen Kammeraden zu befreien.

    Joseph Zito (FREITAG DER 13. – DAS LETZTE KAPITEL, 1984) hat bei dieser Cannon-Produktion Regie geführt und damit Chuck Norris zu einem der größten Action-Stars der 80er-Jahre werden lassen. Norris war natürlich kein Unbekannter, aber mit Cannon-Films in besten Händen, um fortan noch höher zu steigen. Die Rechnung ging auf, es folgten weitere erfolgreiche Actionfilme aus dem Hause Menahem und Yoram Globus.

    Aber nun zu diesem Film hier, der bereits in den ersten Momenten die „Grüne Hölle“ von Vietnam zeigt und damit eine dichte Atmosphäre erzeugt. Auch in den folgenden Szenen setzt man auf das Ambiente, wenn es in die Kneipen- und Vergnügungsviertel geht. Kameramann João Ferandes (DIE FORKE DES TODES, 1981 / KINDER DES ZORNS, 1984) hat gute Arbeitet geleistet. Besonders die Fluss- und Dschungel-Aufnahmen haben mich überzeugt. Aber nicht nur die Natur stimmt, sondern auch, und das ist in einem Actionfilm nicht unwichtig, die Action. Action und Gewalt gibt es reichlich, aber in einem angenehmen Maß, denn es wird auch mit Spannung und Ruhe gearbeitet. Zudem unterstreicht der Score von Jay Chattaway (STAR TREK – VOYAGER, 1995 – 2001) die Stimmung. Das Aushängeschild ist aber Chuck Norris, und der macht eine sehr gute Figur. Braddocks monotoner Gesichtsausdruck passt zur seinem ganzen Charakter, der letztlich nur eine Sprache kennt: kämpfen und töten. Dass bei diesen Filmen gerne ein reaktionärer Geist voller patriotisch bis rechter Tendenzen durchschimmert, gehört fast zum guten Ton, aber man bewegen sich schließlich im Action-Kino der 80er-Jahre, und da nimmt man die kleinen und großen Krankheiten auch schon mal hin, oder eben auch nicht.

    Inhaltlich ist bei MISSING IN ACTION nicht viel zu holen, aber formal ist er ein grundsolider Actionfilm, der zu keiner Sekunde langweilt oder unnötig übertreibt, um sein Ziel, Unterhaltung zu bieten, zu erreichen.

    (Bjoern Candidus)

  • Missing in Action 2: The Beginning, 1985 – ★★★

    Missing in Action 2: The Beginning, 1985 – ★★★

    MISSING IN ACTION 2 – DIE RÜCKKEHR
    (MISSING IN ACTION 2 – THE BEGINNING, USA, 1985, Regie: Lance Hool)

    Während des Vietnamkriegs gerät Colonel Braddock und seine Männer bei einem Hubschrauberabsturz in Gefangenschaft des Vietkong. Zehn Jahre lang werden sie unter den sadistischen Händen von Kommandant Yin gedemütigt, gefoltert und als Arbeiter versklavt. Doch dann ergreift Braddock eine Chance zu fliehen, um mit tödlicher Gewalt zurückzukommen, um seine Männer zu befreien.

    Der zweite Teil um Chuck Norris in Vietnam ist aus der Produktionschronologie eigentlich der ältere Film, und der Originaltitel MISSING IN ACTION 2 – THE BEGINNING macht auch viel mehr Sinn als der deutsche DIE RÜCKKEHR – Zusatz. Einst fiel die Produktion durch ein Testpublikum durch, als dann MISSING IN ACTION (1984) ins Kino kam und ein großer Erfolg wurde, brachte man MISSING IN ACTION 2 als Prequel ins Kino, allerdings mit weniger Erfolg.

    Im Grunde bietet Lance Hool das Gleiche, was auch Joseph Zito beim „Vorgänger“ geboten hat: feurige Action und Gewalt im Dschungel von Vietnam. Und darauf kann sich die Inszenierung ausruhen, denn beides geschieht auf handwerklich solider Basis, zudem wurde der Film gut fotografiert und lebt auch von seiner dichten Naturkulisse, die für die nötige Atmosphäre sorgt. Gedreht wurde in Mexiko und auf der karibischen Insel St. Kitts. Grausamkeiten vor schönen Bäumen, Feldern und Flüssen und Wasserfällen mit Hängebrücken sind einem gewiss. Dass der Film inhaltlich nicht viel zu bieten hat, außer dass ein comicesker Bösewicht ein falsches Geständnis aus Colonel Braddock herausfoltern will, ist eigentlich vollkommen egal. Das Action Kino der 80er-Jahre braucht keine großen Geschichten, um zu unterhalten. Ein wirkungsvoller Darsteller ist da mehr von Nöten, und Chuck Norris hat genau den Nerv der Zeit getroffen. In einer Reihe mit Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone, hat sich auch ein Chuck Norris sein Plätzchen verdient. Zugegeben, ich habe noch nicht allzu viele Filme mit ihm gesehen, aber hier erscheint er auffällig unauffällig, fast geerdet. Im Gegensatz zu dem völlig mit Klischees überzogenen Antagonisten Yin, dargestellt von Soon-Tek Oh, bleibt Norris auf dem Boden, zumindest lange Zeit. Schön ist auch der Auftritt von Steven Williams als Überläufer Nester, was man zu seinem Auftritt in JASON GOES TO HELL (1993) nicht sagen kann. Die erste Hälfte des Films konzentriert sich auf die allgemeine Stimmung im Camp, auf die sadistischen Methoden von Yin und Mannen und natürlich auf Colonel Braddock und Co. Ab der zweiten Hälfte geht’s dann richtig los: Leute werden erschossen, mit Flammenwerfern geröstet
    Faustkämpfe und Hinrichtungen finden statt. Die durchaus drastischen Darstellungen von Folter (Sack mit Ratte über dem Kopf) oder Töten durch Verbrennen wurden sehr wirksam inszeniert.

    MISSING IN ACTION 2 spart sich keine Klischees des oft fragwürdigen Krieg-Actionfilms jener Tage, aber er ist ein gut inszenierter und kurzweiliger Beitrag.

    (Bjoern Candidus)

  • Go Gorilla, Go!, 1975 – ★★★★

    Go Gorilla, Go!, 1975 – ★★★★

    DER GORILLA
    (VAI GORILLA, Italien, 1975, Regie: Tonino Valerii)

    Marco Satori ist ein „Gorilla“, der Bodyguard eines reichen Bauunternehmers, der erpresst wird. Aus Angst, seiner Frau und seiner Tochter könnte etwas zustoßen, denn so lautet es in den Drohungen, sollte er nicht bezahlen, beauftragt er Marco die beiden zu bewachen. Mit Hilfe der Polizei verfolgt Marco einen Plan, der Bande das Handwerk zulegen. Doch die Sache ufert aus…

    Tonino Valerii (MEIN NAME IST NOBODY, 1973) lässt Terence Hill sitzen und schickt den smarten Fabio Testi ist einen packenden Erpressungs-Thriller, dem man vor allem handwerklich nichts vorwerfen kann. Die Fotografie von Mario Vulpiani ist hervorragend. Es gibt viele sehr atmosphärische Nachtaufnahmen, viele unterschiedliche Sets und einige richtig starke Action-Szenen. Besonders spannend und sehr gut inszeniert ist eine Szene in einem Fahrstuhl ohne Boden, in dem Testis Figur Marco Satori um sein Leben kämpft. Sehr wild ist auch eine Verfolgungsjagd zwischen Polizeiautos und einem Zug. Valerii dosiert den Action-Anteil in der ersten Hälfte und setzt mehr auf die Figuren und zieht die Spannungsschraube ab der Mitte bis zum rasanten Ende deutlich an. Aber nicht nur die tolle Fotografie, die stark inszenierten Action-Szenen und die gut erzählte Story, sondern auch die Figuren machen Spaß, und da gibt es gleich einen ganzen Haufen von guten Bekannten. Neben dem  bereits erwähnten Fabio Testi, der hier richtig auffährt, ist auch Renzo Palmer als Erpresster dabei, ebenso Al Lettieri, Antonio Marsina mit dem bösen Blick, der immer fies blickende Luciano Catenacci und Ernesto Colli. An Italofilmfressen mangelt es also nicht.

    Gute Typen, schlechte Typen, wilde Action und garstige Morde vor atmosphärischen Sets sind die Zutaten von DER GORILLA. In diesem Poliziottesco gibt es nichts zu meckern.

    (Bjoern Candidus)

  • The Killing Kind, 1973 – ★★★½

    The Killing Kind, 1973 – ★★★½

    MORDLUST
    (THE KILLING KIND, USA, 1973, Regie: Curtis Harrington)

    Nachdem Terry Lambert von seinen Freunden dazu gezwungen wurde, gemeinsam mit ihnen ein Mädchen zu vergewaltigen, kommt er für zwei Jahre ins Gefängnis. Nach seiner Haft kehrt Terry zu seiner Mutter Thelma zurück, die eine Pension unterhält. Sie ist ganz vernarrt in ihren Sohn und würde für ihn alles tun, was dazu führt, dass Terry zu einem sadistischen Psychopathen herangewachsen ist, der nicht gerade gut auf Frauen zu sprechen ist.

    Wenn es um garstige Psychothriller und Horrorfilme mit verschrobenen Figuren gehen soll, ist man im Kino von Curtis Harrington genau richtig. Mit MORDLUST legt er einen vom Wahnsinn geprägten Mutter-/ Sohn-Thriller hin, der durchaus an PSYCHO (1960) erinnert, nur dass hier die Mutter quicklebendig ist.
    Der Film startet direkt mit einer höchst unangenehmen Vergewaltigung einer Frau durch mehrere Männer. Ein ziemlicher Schlag ins Gesicht des Zuschauers, direkt zu Beginn. Und so steht der Zeiger von Anfang an auf Sadismus und (sexualisierter) Gewalt. Die Stimmung ist bedrückend, schmuddelig und wird beseelt von psychotischen und verhaltensgestörten Personen. Allen voran John Savage (DIE DURCH DIE HÖLLE GEHEN, 1978), der den gut aussehenden Psychopathen Terry spielt und dabei wirklich überzeugt. Sein eiskaltes Spiel ist lobenswert. Seine Mutter Thelma wird von Ann Sothern (LADY BE GOOD, 1941) dargestellt, die den Dachschaden ihrer Mutter-Rolle ordentlich präsentiert. Dass die beiden auch ein inzestuöses Verhältnis führen, wird vor allem durch einen mehr als mütterlichen Kuss und durch eine Behauptung eines Nachbars gegenüber seiner Tochter offengelegt. Das ganze Verhältnis ist bizarr und spitzt sich immer mehr zu. Interessant ist auch, dass neben Terry und dem Nachbarn, der von Peter Brocco (SPARTACUS, 1960) dargestellt wird, nur weibliche Figuren auftauchten, wie z.B. Ruth Roman (THE BABY, 1973) und Luana Anders (EASY RIDER, 1969).

    Auch wenn MORDLUST inhaltlich kein Neuland betritt, ist Harrington ein durch und durch unangenehmer, stark besetzter Psychothriller gelungen, der vom Anfang bis zum bitteren Ende sehr gut funktioniert.

    (Bjoern Candidus)

  • Murder-Rock: Dancing Death, 1984 – ★★½

    Murder-Rock: Dancing Death, 1984 – ★★½

    MURDER-ROCK
    (MURDEROCK – UCCIDE A PASSO DI DANZA, Italien, 1984, Regie: Lucio Fulci)

    In einer New Yorker Tanzschule kommt es zu einer Reihe von Morden. Kommissar Borgess glaubt, den Killer unter den Tanzschülern zu finden, der möglicherweise aus Eifersuchtsmotiven tötet. Doch in der Vergangenheit der Tanzlehrerin Candice Norman liegt ein Übel, was sich möglicherweise den Weg in die Gegenwart gegraben hat.

    Nach seinem Ausflug ins Barbaren-Fantasy-Genre mit CONQUEST (1983) und seinem Scifi-Action-Zirkus DIE SCHLACHT DER CENTURIONS (1984) griff Lucio Fulci zurück auf das Giallo-Kino, was er ab Ende der 1960er mit prägte. Doch 1984 tickten die Uhren anders und so wollte sich Fulci natürlich auch etwas den neuen Gepflogenheiten anpassen. Leider ohne großen Erfolg. Hatte man es in Dario Argentos meisterlichem SUSPIRIA (1977) noch mit einer klassischen Tanzschule zu tun, wird hier zu Discomusik das Tanzbein geschwungen. Keith Emerson ist für den poppigen Soundtrack verantwortlich und lässt seine mitreißenden Klänge aus INFERNO (1980) schmerzlich vermissen. Von den ellenlangen Tanzeinlagen und der 80er-Jahre-Ästhetik kann man halten was man will, gut inszeniert wurde sie, und der Fotografie von Giuseppe Pinori kann man nichts vorwerfen. Auch die wenigen Morde, die mittels einer schmuckvoll verzierten Hutnadel ausgeführt werden, sind stilvoll in Szene gesetzt und erinnern etwas an Argento. Visuell braucht sich MURDER-ROCK nicht zu verstecken. Nach dem ziemlich tanzlastigen Anfang liefert Fulci in der ersten Hälfte ein paar spannende Momente, doch die werden danach immer seltener. Fulci benutzt vor allem die New Yorker Skyline bei Nacht, um den Ort des Geschehens zu verraten. Dadurch baut er zumindest eine schöne 80er-Jahre-Großstadt-Atmosphäre auf. Aber auch die Studioaufnahmen können sich sehen lassen; sie erstrahlen in schönen Farben und erinnern manchmal an die Glanzzeiten des Genres. Inhaltlich ist hingegen nicht viel zu erwarten. Nicht, dass eine große Story von Nöten sei, aber Fulci gleicht diesen Mangel leider auch nicht mit interessanten Figuren aus, dabei fährt er einige gute Bekannte des italienischen Kinos auf. Ray Lovelock, Claudio Cassinelli, Cosimo Cinieri, Christian Borromeo, Al Cliver und Olga Karlatos geben sich die Hand. Leider dümpeln die Figuren vor sich hin und haben mich kalt gelassen. Schade.

    Wer sich nicht von der 80er-Jahre-Disco-Ästhetik abschrecken lässt, kann unter dem Strich bei MURDER-ROCK einen soliden Giallo erwarten, der sich allerdings mit nichts groß brüsten kann.

    (Bjoern Candidus)

  • Dorothea’s Revenge, 1974 – ★★★★½

    Dorothea’s Revenge, 1974 – ★★★★½

    DOROTHEAS RACHE
    (Deutschland, Frankreich, 1974, Regie: Peter Fleischmann) 

    Ein Mann und eine Frau sitzen am Frühstückstisch. Der Mann isst ein Ei, die Frau schmiert sich ein Brötchen. Es sind die Eltern von Dorothea, die nun die Treppe herunterkommt und das Esszimmer betritt. Ihr Nachthemd ist zerzaust und dreckig. In ihren Händen hält sie eine rotleuchtende, dampfende Kugel und behauptet, letzte Nacht hätte sie ein Außerirdischer besucht. Kurz darauf stellt sich Dorothea dem Zuschauer vor und man erfährt, dass sie mit ihren Freunden das „Lexikon der Liebe“ verfilmen möchte. Doch das reicht ihr nicht. Auf St. Pauli startet sie ihr eigenes Abenteuer zwischen Dominas, Prostituierten, Zuhältern und Freiern. Doch wird sie dort die Liebe finden? 

    DOROTHEAS RACHE ist ein perfektes Beispiel dafür, warum ich das Medium „Film“ so liebe. Die Möglichkeit, gefahrlos in die sonderbarsten, unmöglichsten Welten abzutauchen, ist mein liebster Zeitvertreib, und wenn ich, wie hier, staunend dasitze, war die Zeit gut investiert. 

    Peter Fleischmann (JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN, 1969) hat mit dieser deutsch-französischen Koproduktion einen nur schwer in Worte zu packenden Film gedreht, der sich der Norm entzieht, gar auf sie spuckt. Anti-Porno? Porno? Oder Kunst? – So steht es auf dem Cover. Letzteres würde ich allein schon vom Gefühl her unterschreiben. Fleischmann reagiert mit diesem Film auf den großen Erfolg der SCHULMÄDCHEN-REPORT-Reihe und ihrer Epigonen, doch Fleischmann wäre nicht Fleischmann, würde er einfach nur einen weiteren Sex-Report-Film drehen. Seine Idee war eine Art Sex-Report aus der Sicht einer 17-jährigen zu drehen, den Dorothea und ihre Freunde selbst produzieren, und so sieht die Inszenierung auch teilweise aus. Dass hier nicht alles sitzt, der Look ziemlich grob ist und die ganze Inszenierung wild gemixt wirkt, unterstützt den Eindruck, es mit einem dokumentarischen Experimentalfilms zu tun zu haben. Manche Darsteller wirken etwas hölzern, was im Rahmen von Dorotheas eigenem Film durchaus Sinn ergibt, außerdem greift Fleischmann auf echte Menschen aus St. Pauli zurück, wo der Film auch gedreht wurde. Und so stehen hier Anna Henkel, der späteren Ehefrau von Herbert Grönemeyer, die bereits 1998 mit nur 45 Jahren gestorben ist, echte Zuhälter, Prostituierte, Freier und Leute von der Straße gegenüber. Auf diese Art gewinnt der Film trotz seines Wahnsinns an Authentizität; manchmal stinkt er geradezu durchs Bild und serviert Momente, die man möglicherweise nicht so schnell vergisst. Besonders, wenn Dorothea Einblicke in einen S/M-Folterkeller bekommt, in dem Männer wie Hunde gehalten werden oder kopfüber von der Decke hängen, um bespuckt zu werden, bewegt man sich in Abgründe, denen man sonst nur selten bis gar nicht im deutschen Kino begegnen durfte, was bis heute so geblieben ist. Erstaunlich ist auch die Menge an erigierten Penissen, die es hier zu sehen gibt. Und wenn es nicht die Penisse von Dorotheas Freunden sind, gehören sie in der Regel zu ekelhaften Männern, die mit ihr gegen Geld Sex haben. Auch Jesus taucht kurz auf, und der rät Dorothea, mit Kindern und Narren zu schlafen, damit sie glücklich werden würde. Nachdem sie dann einem Exhibitionisten mit geistiger Behinderung auf dessen Flucht vor verbitterten Weibern vom Kietz Befriedigung verschafft, versucht sie einen kleinen Jungen zu verführen und stellt ihrem Vater eine heikle Frage. Auf die Eltern wird immer wieder ein Blick geworfen. Dorotheas Mutter betrügt ihren Vater mit zwei unterschiedlichen Männern, während ihr Vater eine Firma für Lachsäcke hat, und diese wird immer wieder, auch zu Folter meiner Ohren, in den Mittelpunkt gerückt. Hier musste ich dann an das Kino von Luis Buñuel denken. Manchmal kam mir allerdings auch Helge Schneider in den Sinn. 

    Fleischmann formte seine Story zusammen mit Jean-Claude Carrière zu einem Drehbuch. Die bizarren, sehr einfach gehaltenen pornografischen Zeichnungen von Carrière setzte Fleischmann sehr gut um. Sie ähneln Kunstinstallationen und zeigen auch die Nähe zu den Phantasiewelten eines Marquis de Sade und Roland Topor, der sich für das Filmplakat verantwortlich zeigte. Eine weitere Person, die einem bekannt sein dürfte, wenn man z.B. Polanskis Kino kennt, ist Philippe Sarde, der den Score komponiert hat, der aber durch die deutschen Lieder von u.a. Jürgen Markus, Julio Iglesias, Drafi Deutscher und Marianne Rosenberg etwas untergeht. 

    DOROTHEAS RACHE ist uferloses Kino. Minute für Minute schlägt einem Fleischmann Absurditäten und Abgründe um die Augen und ermöglicht Einblicke in das Nachtleben vom Kietz mit Stundenhotels, Sex-Theatern, Bars und Folterkellern. Aber er lässt auch Platz für gesellschaftliche Themen. Es waren Zeiten des Umbruchs, der sexuellen Befreiung. Die Alten gegen die Jungen, die Jungen gegen die Alten. 

    In Frankreich wurde DOROTHEAS RACHE zu einem groß Publikum-und Kritiker-Erfolg. Fernando Arrabal und Piere Paolo Pasolini waren begeistert. Arrabal nannte den Film einen Gipfel der „amour fou“. Schließlich stifteten Arrabal, Alejandro Jodorowsky und Roland Topor den Preis der renommierten Künstlervereinigung „Group Panic“, der nur selten verliehen wurde. 

    Absolut verdient. 

    (Bjoern Candidus)

  • Ator, the Fighting Eagle, 1982 – ★★

    Ator, the Fighting Eagle, 1982 – ★★

    ATOR – HERR DES FEUERS
    (ATOR I’INVINCIBILE, Italien, 1982, Regie: Joe D‘Amato)

    Wie es eine alte Prophezeiung sagt, wird eines Tages aus einem Kind der mächtige Krieger Ator, der die Welt von dem Spinnenkult, der sie unterdrückt, befreit. Als das Kind schließlich geboren wird, rettet es der Krieger Griba und bringt es in Sicherheit. Jahre später, Ator ist zu einem jungen, kräftigen Mann herangewachsen, werden auch seine Stiefeltern vom Spinnenkult getötet. Gemeinsam mit der Amazonin Roon bricht Ator auf, um Rache zu nehmen.

    Auch Joe D‘Amato wollte mal einen CONAN, DER BARBAR (1982) in seiner Vita stehen haben, wie viele seiner Kollegen. Vor allem wollte er aber Geld vom großen Kuchen. Und so trat er aufs Gaspedal und kurbelte noch im gleichen Jahr ganz geschwind seinen ATOR – HERR DES FEUERS herunter. Dass dabei ein Werk entstanden ist, das im Schatten von John Milius nur untergehen kann, müsste eigentlich nicht erwähnt werden, aber vieles müsste nicht sein. Scheußliche Perücken müssten z.B. auch nicht sein, trotzdem trägt man sie hier. Aber man ist in der Welt von Joe D‘Amato, und da wird gegessen, was auf den Tisch kommt. Die Darsteller machen Spaß. Miles O‘Keeffe als Ator wirkt eher wie ein Barbärchen, nicht wie ein Barbar, und Edmund Purdom als Griba hätte sicherlich enormen Beifall in der Dschingis Khan Band erfahren. Weibliche Unterstützung kommt von Sabrina Siani, Ritza Brown und der einzigartigen Laura Gemser. Dazu gesellt sich der peruanische Ringer und Schauspieler Dakar (SANDOKAN, 1963) und Italo-Western-Urgestein Nello Pazzafini. Es hinkt und wackelt überall, aber es unterhält. Meistens hält man sich in Wäldern, auf Wiesen, Parkanlagen oder Felsen mit Höhlen auf, was für das schmale Budget spricht, aber zumindest nett anzusehen ist. Einfallsreichtum fährt D‘Amato, der auch hier wieder selbst die Kamera führte, also nicht gerade auf. Es gibt keine Spannung, man läuft nur von A nach B, man spielt kämpfen, man quatscht dummes Zeug und läuft weiter. Das kommt einem bekannt vor? Richtig, aus sehr vielen Filmen, und deshalb fällt es hier auch nicht sonderlich schwer ins Gewicht. Untermalt wird die Show von Carlo Maria Cordio.

    Wenn man Lust auf Männer und Frauen mit billigen Perücken und Fellkostümen verspürt, die sich durch die Flora Italiens jagen, ist ATOR – HERR DES FEUERS Euer Film. Aber nur dann!

    (Bjoern Candidus)

  • Ghost Stories, 2017 – ★★★½

    Ghost Stories, 2017 – ★★★½

    GHOST STORIES
    (GB, 2017, Regie: Jeremy Dyson / Andy Nyman)

    Mr. Goodman hat sich auf das mutmaßlich Übersinnliche spezialisiert. Besonders Hochstapler und Betrüger, die die angebliche Geisterwelt sehen oder mit ihr kommunizieren können, sind ihm ein Dorn im Auge. Auch der ehemalige TV-Moderator Charles Cameron ist dieser Aufgabe nachgegangen und lädt Goodman zu sich ein, um ihm die drei Akten von echten Geistererscheinungen zu überreichen. Goodman macht sich auf, die Zeugen der Erscheinungen zu befragen.

    Die beiden Herren Jeremy Dyson und Andy Nyman haben hier einen sehr ruhigen und spannenden Geister-Horrorfilm abgesetzt, der auf ihrem eigenen Theaterstück basiert. Es gibt die ein oder andere Überflüssigkeit, manchmal zeigt man mehr als nötig, gleicht das aber durch andere Dinge wieder aus. Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Figuren, auf ihren Erlebnissen und den Auswirkungen, die sie hinterlassen haben. Mit Daniel Hill (als Mr. Goodman) und Martin Freeman hat man ein glückliches Händchen bewiesen, was sich im Grunde über alle hier anwesenden sagen lässt. Auch wenn der Film nicht ganz befreit ist von Jumpscares, halten die sich dennoch stark zurück und erfüllen zumindest ihren Zweck, wenn sie zum Einsatz kommen. Vielmehr erzeugen Dyson und Nyman Spannung durch die langsame Inszenierung, durch die Dialoge, das Setting von schönen englischen Landschaften, engen Fabrikanlagen oder einer Kanalisation (die dem Zuschauer natürlich gleich einen Clown vor Augen führen kann).

    GHOST STORIES bietet auf fast schon meditative Art das, was vielen Geisterfilmen der Moderne abgeht: Gruselgefühle. Ein schöner Film, der bis zum Ende etwas zu erzählen hat.

    (Bjoern Candidus)

  • Disciple Of Death, 1972 – ★★

    Disciple Of Death, 1972 – ★★

    DAS MONSTER MIT DER TEUFELSKLAUE
    (DISCIPLE OF DEATH, GB, 1972, Regie: Tom Parkinson)

    Im 17. Jahrhundert hat ein Abgesandter des Teufels nichts Besseres zu tun, als seinem Herrn und Meister die Seelen junger Mädchen zu opfern. Aber Gegenwind ist unterwegs, denn das Liebespaar Ralph und Julia sind in der Nähe und schreiten in den Kampf gegen das Böse.

    Die britische B-Produktion, die unter der Regie von Tom Parkinson entstanden ist, orientiert sich optisch an den Horrorfilmen der Hammer-Studios, auch wenn das Niveau zu keiner Zeit erreicht wird. Noch mehr kam mir aber auch das spanische Horrorkino rund um Naschy und Ossorio in den Sinn. Dass der Film im 17. Jahrhundert spielt, kann er, trotz des geringen Budget, ganz gut verkaufen. In erster Linie bewegt man sich in ländlichen Gefilden. Gerade in der ersten Hälfte nutzt Parkinson die Naturkulisse, um Atmosphäre aufzubauen. In der zweiten Hälfte arbeitet er dann sämtliche Okkult-Horror-Klischees ab; dabei geht es sogar ein wenig blutig zu. Aber auch Eintönigkeit und Sauerstoffarmut schleicht sich ein. Zumindest wird die Stimmung konstant gehalten, auch wenn die Inszenierung oft sehr holprig bis verwirrt erscheint. Auch die ziemlich verstrahlt wirkenden Darsteller wie Mike Raven (NUR VAMPIRE KÜSSEN BLUTIG, 1971) und Ronald Lacey (JÄGER DES VERLORENEN SCHATZES, 1981) erreichen nie Boden unter den Füßen. Aber noch viel problematischer ist der sehr nervige Kirchenorgel-Soundtrack, der ständig das Geschehen zerdudelt. Er ist sogar der größte Störfaktor des gesamten Films.

    DAS MONSTER MIT DER TEUFELSKLAUE ist nicht mehr als ein kleines Okkult-Horrorfilmchen mit charmantem Gruselkitsch-Anstrich, der aber jegliche Qualität vermissen lässt.

    (Bjoern Candidus)

  • Stake Land, 2010 – ★★★

    Stake Land, 2010 – ★★★

    VAMPIRE NATION
    (STAKE LAND, USA, 2010, Regie: Jim Mickle)

    Die USA ertrinkt in einer Vampir-Seuche. Das Chaos bricht aus und fordert zahlreiche Tote, darunter ist auch die Familie von Martin. Ein Mann kann den Jungen retten und nimmt ihn mit auf die Reise nach New Eden, einem Ort, der als vampirsicher gilt.

    Das Positive an dieser Independent-Produktion, die unter der Regie von Jim Mickle (WE ARE WHAT WE ARE, 2013) entstanden ist, ist, dass sie optisch durchaus ansprechend aussieht und ihr schmales Budget von ca. 650.000$ gut kaschieren kann. Ländliche Settings sind immer kostengünstig und meistens wirksamen, wie hier. Berge, Wälder, Wiesen, Landstraßen und kleine Städte bestimmen das Bild in diesem Vampirhorror-Roadmovie. Die Ländlichen Gefilde mit geplünderten Orten sind gut eingefangen und verbreiten eine atmosphärische Endzeitstimmung.
    Diese wird von dem melancholischen Score von Jeff Grace zusätzlich unterstützt, wie auch die depressive Grundstimmung, die der Film ohnehin verbreitet. Sehr angenehm ist der Wechsel zwischen langen ruhigen Szenen und kurz aufkommender Action mit der nötigen Gewalt, die einen daran erinnern soll, dass man sich ja gerade einen Vampirfilm anguckt. Die handgemachten Gore-Szenen sind durchaus solide und angenehm über den Film verteilt. Mein Problem ist hier eher die Darstellung der Vampire, die mir einfach zu sehr nach modernen, schnellen Zombies oder Infizierten aussehen. 28 DAY LATER (2002) und DAWN OF THE DEAD (2004) haben den Zombie/Infizierten neu definiert, hier schwappt er über in den Vampirfilm. Aber die Gefahr geht nicht nur von Vampiren aus, sondern auch von einer Sekte, die nicht gerade zimperlich mit den ungläubigen Lebenden (und Untoten) umgeht.

    Die Darsteller sind durchaus brauchbar, was wichtig ist, da sich Jim Mickle sehr auf die Charaktere konzentriert und ihnen viel Zeit einräumt. Connor Paolo (ALEXANDER, 2004) als Martin und Nick Damici (LATE PHASE, 2014) als sein „Leih-Vater“ geben ein gutes Gespann ab, und neben der Nähe zur Serie THE WALKING DEAD, die auch 2010 startete, musste ich sowohl an SALEM‘S LOT (1979), THE STAND (1994) als auch an die PHANTASM-Reihe denken. Bei ihrer Reise in die Stadt „New Eden“ begegnen sie neben vielen Gefahren auch einigen Frauen, die in selbigen stecken, u.a. auch Belle, dargestellt von Danielle Harris (HALLOWEEN 4, 1988), die mich hier immerhin mal nicht genervt hat.

    VAMPIRE NATION ist ein wertiger Independent-Horrorfilm, der letztlich nichts Neues erzählt und mir leider keine überzeugenden Vampire anbieten konnte, aber aufgrund seiner unaufgeregten, charakterorientierten Art positiv aus der Masse ähnlich gelagerter Filme hervorsticht, auch noch 14 Jahre später.

    Info: Auf der dt. DVD/BD befindet sich auch die 7-teilige Web-Serie STAKE LAND, die die Charaktere in Kurzfilmen näher beleuchtet.

    (Bjoern Candidus)