Autor: marco-fritz

  • The Body Snatcher, 1945 – ★★★★

    The Body Snatcher, 1945 – ★★★★

    DER LEICHENDIEB
    (THE BODYSNATCHER, USA, 1945, Regie: Robert Wise)

    Dr. MacFarlane, stets getrieben seine medizinischen Forschungsgebiete zu erweitern, braucht Leichen zur Obduktion. Dafür nimmt er den Service von Kutscher John Gray gerne in Anspruch, da dieser Nachts Leichen vom Friedhof ausgräbt. Als MacFarlane die Operation eines kleinen Mädchens verweigern will, weil es ihm an Leichen fehlt, wird er von Gray erpresst, der schließlich Geld braucht. Schließlich tötet er eine blinde Straßensängerin und kutschiert die Leiche ins Haus von MacFarlane. Fettes, der angehende Arzt, sitzt derweil zwischen den Stühlen seiner Moral. Leid verursachen um anderes Leid zu verhindern?

    Regisseur Robert Wise (DER TAG AN DEM DIE ERDE STILLSTAND, 1951) hat hier einen packenden, höchst stimmungsvollen Horrorfilm geschaffen. Gegenüber der Vorlage von Robert Louis Stevensons aus dem Jahre 1884 verändert Wise ein wenig die Gewichtung der Charaktere und ergänzt den ein oder anderen Handlungsstrang, was ihm sehr gelungen ist. Die Geschichte weiß zu überzeugen, auch wenn sie dem geschulten Auge natürlich nicht neu vorkommen mag; die zahlreichen Victor Frankensteine der Filmgeschichte sind oft auf gleichem Weg an medizinisches Kanonenfutter gekommen. Vor allem sind es die Charaktere, die hier überzeugen und sehr facettenreich sind. Neben Henry Daniell (DIE VIER SCHÄDEL DES JONATHAN DRAKE,1959) als Dr. MacFarlane, Russell Wade als angehender Arzt Fettes, Bela Lugosi als Faktotum im Haushalt des Doktors, ist es vor allem Boris Karloff als Leichendieb, der hier wieder richtig auffährt und zeigt, was er kann. Karloff und Lugosi begegnen sich hier ein letztes Mal im Rahmen eines Filmes.
    Es werden Themen wie medizinischer Forschungswille, leben mit einer Behinderung, Habgier und Erpressung angegangen und sinnvoll eingeflochten. Dazu präsentiert der Kameramann Robert De Grasse gruselige, höchst wirkungsvoll ausgeleuchtete Schwarzweißbilder. Die morbide Szenerie ist rundum gelungen, und man hat selbst an den Regen aus der Vorlage gedacht.

    DER LEICHENDIEB ist ein Paradebeispiel für einen Horrorfilm, der seine Geschichte, seine Figuren und sein Erscheinungsbild ernst nimmt. Meisterlich.

    (Bjoern Candidus)

  • Jennifer’s Shadow, 2004 – ★★★

    Jennifer’s Shadow, 2004 – ★★★

    JENNIFER‘S SHADOW – TÖDLICHER FLUCH
    (CHRONICLE OF THE RAVEN, Argentinien, USA, 2004, Regie: Daniel De La Vega, Pablo Parés)

    Nachdem Jennifers Zwillingsschwester gestorben ist, reist sie von den USA nach Argentinien, genauer nach Buenos Aires, um die alte Familienvilla zu verkaufen. Dumm nur, dass ihre Großmutter Mary Ellen, die zusammen mit ihrer Schwester Emma in der Villa wohnt, ein Problem damit hat. Auch Jennifer hat Probleme: seit ihrer Ankunft wird sie von grausamen Träumen heimgesucht, in denen sich ein Rabe durch ihren Bauch in die Freiheit frisst. Sie gerät in einen Strudel mysteriöser Familiengeheimnisse…

    Die argentinisch-us-amerikanische Co-Produktion, die unter der Regie von Daniel De La Vega und Pablo Parés entstand, ist ein durchaus sehenswerter Mystery-Horrorfilm, der gerade für Freunde der ruhigeren Gangart interessant sein könnte. Nach einer düsteren Alptraum-Eröffnungs-Sequenz mit Gothic-Horror-Ambiente schaltet der Film einen paar Gänge zurück und lässt mit einem schwermütigen Score von Micha Liberman die Hauptdarstellerin Gina Philips (JEEPERS CREEPERS, 2001) als Jennifer Cassi anreisen. Diese machte eine gute Figur, ebenso Fay Dunaway als ihre Oma, die noch ganz gut aussieht, berücksichtig man die künstlichen Bauteile und die gespannte Gesichtshaut. Der Film nimmt sich viel Zeit, baut Spannung durch langsame Szenen auf und tränkt die Bilder in viel Schwarz. Die alte Villa mit ihrem Eisenzaun verstrahlt stets eine unheimliche Aura. Da der Film in Argentinien gedreht wurde, erweckt er immer wieder das Gefühl, man befände sich im Horrorkino der Spanier oder Italiener. Positiv zu erwähnen sei auch auch, dass der Film selten nach einer Produktion von 2004 aussieht, eher versprüht er ein 90er-Jahre-Feeling, was sehr angenehm ist. Die Raben-Thematik und die ganze familiäre Verstrickung erinnert natürlich an Edgar Allan Poe, was als Hommage durchaus gelungen ist. Die Story ist manchmal etwas konfus, hin und wieder gibt es auch ein paar zähe Momente, aber visuell bleibt man hier kontinuierlich auf einer Linie.

    JENNIFER‘S SHADOW – TÖDLICHER FLUCH ist eine nette Entdeckung, bei dem Freunde von Poe, Gothic- und Okkult-Horrorfilmen durchaus ein Blick riskieren dürfen.

    (Bjoern Candidus)

  • The Awakening, 2011 – ★★★

    The Awakening, 2011 – ★★★

    THE AWAKENING – GEISTER DER VERGANGENHEIT
    (THE AWAKENING, GB, 2011, Regie: Nick Murphy)

    England, Anfang der 1920er-Jahre: Das Land ist durch Tod und Trauer geprägt; der Krieg und die Spanische Grippe hat mehr als 1 Millionen Menschen getötet. So auch den Verlobten von Florence Cathcart, der im Krieg gefallen ist. Da Séancen und spiritistische Sitzungen angesagt sind, um vielleicht doch noch mal mit den Verstorbenen reden zu können, liegt auch Lug und Trug in der Luft. Um diesen Machenschaften auf die Schliche zu kommen, nimmt Florence Cathcart an den Beschwörungen teil, um eventuelle Betrüger zu entlarven, womit sie sich nicht gerade Freunde macht. Als sich der Lehrer Robert Mallory aus einem Jungeninternat meldet, weil dort ein Geisterjunge sein Unwesen treiben soll, hat sie erst Bedenken, bevor sie sich dem Fall annimmt. Nach ihrer Anreise auf das weitläufigen Internat in Cumberland, stellen sich die ersten Erscheinungen als Streiche eines Schülers heraus. Dann verdichten sich die Anzeichen für einen echten Spuk…

    Nick Murphy, der vor allem als Regisseur für Serien-Folgen (PRIMEVAL, 2007-2011 / DRACULA, 2013 / NIGHTFLYERS, 2018) in Erscheinung tritt, bewegt sich in dieser britischen Produktion in die Welt der Geister, die im Jahre 2011 wieder richtig angesagt waren. Die J-Horror-Geister waren kaum verschwunden, da regierten die Amis mit überflüssigen Remakes japanischer Geisterfilme, bevor sie mit halbgaren Eigenproduktionen wie INSIDIOUS (2010) um die Ecke kamen, die sich vor allem auf Jump-Scare-Szenen konzentrierten und sich so meistens selbstzerstörten, zumindest ab der Hälfte der Spielzeit.

    Der ein oder andere Jump-Scare ist auch hier zu verzeichnen, aber darauf reduziert sich Nick Murphy nicht. Er geht es nach einer spannenden Eröffnung-Szene sehr lange ruhig an, räumt seiner Hauptdarstellerin Rebecca Hall als Florence Cathcart viel Zeit ein, um ihren Charakter kennenzulernen. Hall (GODZILLA VS. KONG, 2021) macht ihre Sache wirklich gut. Obwohl eine große Last auf ihrer Figur liegt, ist sie kein Jammerlappen, sondern eine Frau, die die Sachen anpackt. Sehr gut. Überhaupt gibt es von der darstellerischen Seite nichts zu bemängeln. Dominic West (THE WIRE, 2002-2008) ist als Lehrer am Start, Imelda Staunton (HARRY POTTER UND DER ORDEN DES PHÖNIX, 2007) macht als Haushälterin Maud Hill alles richtig und auch der Kinderdarsteller Isaac Hempstead Wright (GAME OF THRONES, 2011-2019) ist zufriedenstellend.

    THE AWAKENING bietet eine gut erzählte Geschichte mit einem gekonnten Ende, Spannung, ein atmosphärisches Set wie es englischer nicht sein könnte und macht Themen wie Verlust, Trauer und Vereinsamung auf. Und somit bewegt sich THE AWAKENING mehr in der Tradition von Filmen wie THE SIXTH SENSE (1999), THE DEVIL’S BACKBONE (2001) oder THE OTHERS (2001), statt sich dem Geisterbahngrusel von Filmen wie INSIDIOUS (2010) oder CONJURING (2013) zu nähern.

    (Bjoern Candidus)

  • Bones and All, 2022 – ★★★★½

    Bones and All, 2022 – ★★★★½

    BONES AND ALL
    (Italien, USA, 2022, Regie: Luca Guadagnino)

    Die 18jährige Maren hat ein Problem: sie hat ein kannibalistisches Verlangen. Um dies zu befriedigen und nicht Gefahr zu laufen, dass man sie bei der Stillung ihrer Begierde ertappt, reist sie quer durch die USA, wo sie auf Gleichgesinnte stößt. Einer dieser Kannibalen ist Lee, der ihr Herz erobert. Gemeinsam folgen sie der Begierde nach menschlichem Fleisch. Aber Maren ist auch auf Suche nach ihrer Mutter.

    Dass sich Tabu-Themen besonders im Horrorkino anbieten, ist nichts Neues. Das Thema Kannibalismus keimte in den letzten Jahrzehnten immer wieder im Kino auf. Im Jahre 1974 lernte man die Familie Sawyer in THE TEXAS CHAINSAW MASSACRE kennen, die Italiener lösten eine ganze Welle von Kannibalenfilmen aus, deren Höhepunkt CANNIBAL HOLOCAUST (1980) war, und nicht zu vergessen: MAN-EATER (1980). Mit DAS SCHWEIGEN DER LÄMMER und die Figur des Hannibal „The Cannibal“ Lecter kam das Thema dann im Mainstream der 90er-Jahre an. Es folgten Filme wie RAVENOUS (1999), ROTHENBURG (2006), der mexikanische SOMOS LO QUE HAY (2010), bzw. das US-Remake WE ARE WHAT WE ARE (2013) oder der französische RAW (2016), die das Thema alle auf ihre Art aufgegriffen haben. Und nun kommt Luca Guadagnino daher und adaptiert den gleichnamigen Roman von Camille DeAngelis aus dem Jahre 2015, der sich dem Thema der Anthropophagie annimmt.

    Was Guadagnino bereits in seiner SUSPIRIA (2018) Version gelungen ist und sich hier noch mehr intensiviert: sämtliche Gefühle anzuregen. Schmerz, Traurigkeit, Angst, Ekel sind ebenso zu finden wie Liebe und Hoffnung. Dabei bedient sich Guadagnino an sämtlichen Genre-Schubladen und zieht ein Coming-of-Age-Liebesfilm-Roadmovie-Kannibalen-Horrorfilm-Drama aus dem Hut, was mich auch an Vampirfilme wie THE HUNGER (1983), NEAR DARK (1987) und SO FINSTER DIE NACHT (2008) hat denken lassen. Die Kannibalen nennen sich hier Eater und sehen aus, wie du und ich. Allerdings können Sie hervorragend riechen und sich so auch als Kannibalen untereinander erkennen. Die meisten von ihnen leben nicht an festen Orten, sondern treiben sich durch die Gegend herum. Und so begleiten wir Maren, Lee oder hin und wieder Sully, einen in die Jahre gekommenen Kannibalen, wie sie auf ihrer ewigen Reise an Nahrung kommen. Dabei wird auch über die Fleischbeschaffungs-Moral philosophiert. Manche töten Menschen, um sich zu ernähren, manche lehnen dies strikt ab und warten, bis der Tod von alleine einsetzt. Hier ist der Kannibalismus nicht zwangsläufig nötig. Solange man sich im Griff hat, muss kein Menschenfleisch verzehrt werden. Ganz anders als beim Vampirismus, der den Befallenen in der Regel dazu zwingt, da der Blut-Suchtdruck zu hoch ist. Aber BONES AND ALL ist nicht nur ein Film über das Verspeisen menschlicher Körper durch Menschen, sondern auch ein Liebesfilm. Taylor Russell (ESCAPRE ROOM, 2019) als Maren bringt die Zerrissenheit über ihren Trieb gut zum Ausdruck. Sie steht im starken Kontrast zu Timothée Chalamet (DUNE, 2021), der hier als Herzensbrecher Männlein wie Weiblein die Köpfe verdreht. Chalamet ist mal wieder ein Glücksgriff für Guadagnino. Unangenehme Spannung bringt hingegen Mark Rylance (DUNKIRK, 2017) als den undurchsichtigen Sully mit. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Chloë Sevigny (KIDS, 1995) und der wunderbaren Jessica Harper (SUSPIRIA, 1977, 2018). Wie schon bei SUSPIRIA nimmt sich Guadagnino Zeit und inszeniert mit Ruhe eine Geschichte, die mich emotional gepackt hat. Die wenigen Gewalt-Spitzen sind allesamt Treffer, tun weh und unterbrechen die Ruhe wirkungsvoll. Hier gibt es nicht zu viel und nicht zu wenig zu sehen.
    Der ganze Anstrich des Film ist sehr authentisch und ohne Schnörkel gehalten. Die Geschichte ist in den 80er-Jahren angesiedelt, was in kleinen Details (Walkman, Telefonbuch) ersichtlich wird. Ein Wir-kotzen-Dir-die-Achtziger-ins-Gesicht, wie es andere Filme und Serien gerne anwenden, passiert hier jedenfalls nur marginal und am ehesten noch durch die Songs, die im Film zu hören sind. Bands wie Kiss, Joy Division, New Order oder a-ha sind am Start. Doch die größere musikalische Befriedigung bekam ich durch Trent Reznor und Atticus Ross, die einen wunderschönen Score abliefern, der die Bilder und Gefühle wie eine untrennbare Einheit trägt.

    BONES AND ALL ist ein sehr reichhaltiger Film, der sich trotz einiger populärer Themen, nicht beim einem großen Publikum anbiedern will und genau deshalb ganz hervorragend funktioniert.

    (Bjoern Candidus)

  • Zoltan… Hound of Dracula, 1977 – ★★★

    Zoltan… Hound of Dracula, 1977 – ★★★

    ZOLTAN – DRACULAS BLUTHUND
    (DRACULA‘S DOG, USA, 1977, Regie: Albert Band)

    Bei einem Manöver der rumänischen Armee in den Karpaten, wird eine alte Gruft frei gelegt. Genauer: die Gruft von Dracula und seiner Sippschaft. Als jemand den Pflock aus einem der Särge entfernt, wird damit der Dobermann Zoltan zum Leben erweckt. Es ist der Hund von Graf Dracula. Zoltan erweckt als nächstes Veidt Smith, den Diener Draculas. Gemeinsam sollen sie nun einen neuen Herren finden, einen Nachfahren der Familie Dracula. Und so führt sie der Weg in die USA, zu Michael Drake, und der bereitet gerade mit seiner Familie einen Urlaub in der Natur vor.

    Das Verspricht viel, und Filmlegende Albert Band, Vater von Empire-Full Moon-Charles, liefert zumindest einen atmosphärisch dichten Hybrid aus Vampir- und Tier-Horrorfilm. Als Drehbuchautor zeichnete sich Frank Ray Perilli verantwortlich, der auch für DAS HAUS MIT DEM FOLTERKELLER (1976) und LASERKILL (1978) in die Tasten schlug.

    Nach der Eröffnungsszene, in der Draculas Gruft freigelegt wird, gibt es Rückblicke ins Jahr 1670, um die Verbindung zwischen Dracula, Zoltan und Veidt Smith zu verstehen. Dann geht es zurück in die Gegenwart, in der man sich dann schnell in einem ländlichen Setting bewegt, in der die Familie ihren wohlverdienten Urlaub in der Natur verbringen möchte, und mit Wald und Wiese liegt man im Horrorfilm sowieso meist richtig. Dazu unterstützt Andrew Belling mit einem unauffälligen, aber gruseligen Score. Statt auf ausufernde Blutrünstigkeit setzt Band eindeutig auf Stimmung. Dennoch gibt es nette Momente im Bereich der Effekte, für die sich Stan Winston verantwortlich zeigte.
    Hat man Reggie Nalder an Bord, hat man die personifizierte Griesgrämigkeit auf seiner Seite und kann eigentlich nur auftrumpfen. Wenn Nalder als Veidt Smith mit seinem Hund durch die Nacht marschiert oder einfach nur herumsteht und wie ein Irrer blickt, wird es schön schaurig. Mehr macht er hier im Grunde auch nicht, denn dafür hat er ja den Titel-Star: Zoltan, ein imposanter Dobermann, der sich zu der ein oder anderen blutigen Bissattacke hinreißen lässt. Michael Pataki bleibt hingegen sowohl als Graf Dracula wie auch als sein Nachfahre Michael Drake blass. Zum Ausgleich steht ihm José Ferrer zur Seite, der mehr Charisma mitbringt.

    ZOLTAN – DRACULAS BLUTHUND ist ein kurzweiliger B-Film mit dem Herz am richtigen Fleck.

    (Bjoern Candidus)

  • Our Evil, 2017 – ★★★

    Our Evil, 2017 – ★★★

    OUR EVIL – DIE HOFFNUNG STIRBT ZUERST

    (MAL NOSSO, Brasilien, GB, 2017, Regie: Samuel Galli)

    Arthur sucht im Darkweb nach einem Auftragskiller, und in Charles, der sich mit Snuff-Clips geradezu profiliert, hat er genau die Person gefunden, die seinen Auftrag ausführen soll. Dabei geht es um die Ermordung von Arthur selbst und seiner Tochter zu ihrem zwanzigsten Geburtstag, an dem auch sie ein grauenvoller Fluch einholen wird. Die beiden Männer vereinbaren ein Treffen in einer Bar. Charles sagt zu, führt den Plan aus und erhält anschließend über einen USB-Stick den Code eines Bankschließfachs, in dem die zweite Hälfte der Bezahlung liegt und eine Videobotschaft, die Arthurs Beweggründe schildert, die auch für Charles nichts Gutes bedeuten.

    Horror aus Brasilien! Da baut sich mir vor allem ein Gesicht auf: das von José Mojica Marins. Doch um die bizarren Alptraumwelten des Coffin Joe soll es hier nicht gehen. Es wird allerdings auch nicht lebensbejahender, denn Samuel Galli hat in seiner ersten (und bisher einzigen) Regiearbeit einen ziemlich düsteren Horrortrip abgeliefert.

    Bereits in den ersten Minuten wohnt man der Skalpierung einer Frau bei, was die Laune nicht gerade anhebt. Auch im weiteren Verlauf liefert Galli keine Hoffnung. Der langsame Aufbau der Story wird vermutlich einigen missfallen; es gibt Szenen, die einfach viel zu sehr gedehnt werden. Eine bleierne Schwere liegt über der Inszenierung. Aber das ist nicht nur schlecht, denn Galli versteht es, eine dichte und visuell ansprechende Atmosphäre zu erzeugen, die in den besten Momenten an das Kino von David Lynch erinnert. Im kleinen Rahmen, wohl bemerkt. Die Sets sind ansprechend ausgeleuchtet und gut eingefangen. Der Aufbau einer kleinen Welt in einer großen Welt des Grauens ist soweit geglückt. Dass es sich um eine Independent-Produktion handelt, wird zwar schnell klar, aber man erkennt Hände, die nicht einfach nur einen Horrorfilm dahin kleckern wollten. Das Budget wurde gut verteilt und an keiner Stelle unnötig verpulvert. Mein größter Kritikpunkt gilt definitiv der Spielzeit, aus der man locker zehn Minuten hätte entfernen können. Die Darsteller, die hier quasi alle ihr Filmdebüt feiern, sind durchaus annehmbar und passen sich der düsteren Grundstimmung an. Auch an Blut und Gewalt wurde gedacht. In diesem Bereich geht es nicht gerade zimperlich zu, aber man ertrinkt auch nicht im Sumpf aus Blutwurst, denn dafür konzentriert sich Galli zu sehr auf die Story. Aber selbst die Effekte und das Make-up muss sich hier nicht verstecken. Akustisch wurde das Ganze passend von Guilherme und Gustavo Garbato untermalt.

    OUR EVIL – DIE HOFFNUNG STIRBT ZUERST ist ein kleiner Dämonen-Horrorfilm, der Wert auf seine Story und die Figuren legt und sich trotzdem gängigen Mechanismen bedient, ohne diese unnötig auszuschlachten. Eine Empfehlung für Leute, die den Horror-Einheitsbrei oder die 100. Kopie der Kopie nicht mehr sehen können.

    (Bjoern Candidus)

  • The Green Inferno, 1988 – ★★

    The Green Inferno, 1988 – ★★

    Erstsichtung:

    GREEN INFERNO
    (NATURA CONTRO, Italien, 1988, Regie: Antonio Climati)

    Eine Gruppe Abenteurer sucht im kolumbianischen Regenwald nach einem vermissten Forscher, der auf der Suche nach dem Volk der Imas spurlos verschwunden ist. Hier müssen sie sich nicht nur vor den Gefahren von Flora und Fauna in Acht nahmen, sondern vor allem vor Verbrechern, die den Regenwald von Mutter Natur ausbeuten wollen.

    Was mit Lenzi startete und mit Deodato seinen Höhepunkt feierte, verabschiedet sich mit dem Mondofilm-Experten Antonio Climati: das italienische Kannibalen-Kino. Strenggenommen handelt es sich bei GREEN INFERNO gar nicht um einen Kannibalenfilm, denn Menschen werden hier nicht gefressen. Dafür bekommt man eine Einführung zur Herstellung von Schrumpfköpfen, was man in detaillierterer Form bereits in DIE VIER SCHÄDEL DES JONATHAN DRAKE (1959) bewundern durfte. Grünes Licht gibt es für Tierfreunde. Von Tiersnuff bleiben alle Parteien verschont, vor allem die Tiere. Das Einfangen, bzw. das Sedieren mittels Betäubungspfeile, die auf kleine Affen geschossen werden, ist zwar auch nicht nett, macht aber wenigstens inhaltlich Sinn, um die Missstände, die Climati hier aufzeigt, zu demonstrieren. Die Ausbeutung von Flora und Fauna und Menschen durch andere Menschen steht auf dem Plan. Statt mit Klischees überzogene Eingeborene mit Hunger auf Menschenfleisch, stehen Tierfänger, Goldgräber und Menschen-, bzw. Organhändler, die narkotisierte Kinder in Holzkisten sperren, um sie zu verschiffen, im Zentrum. Menschen werden versklavt, gefoltert, getötet. Das klingt grausamer als es ist, zumindest wird es kaum explizit dargestellt. Es gibt nur wenige blutige Momente, die sich vor allem im letzten Drittel kurz zeigen und nicht im Ansatz die Wucht von CANNIBAL HOLOCAUST (1980) oder DIE RACHE DER KANNIBALEN (1981) mitbringen. Aber das muss auch gar nicht sein. Vielmehr hätte man sich auf die Figuren konzentrieren sollen, denn in dem Punkt trifft man auf Trostlosigkeit. Kein Ivan Rassimov, kein Giovanni Lombardo Radice, stattdessen eine Handvoll unerfahrener Nullgesichter und ein paar ausrangierte Herren wie Sal Borgese (DIE NACHT DER ROLLENDEN KÖPFE, 1973) oder Bruno Corazzari (LA ORCA, 1976). Das einfältige Trüppchen fällt vor allem in der ersten Hälfte negativ auf, da sich das gesamte Geschehen wie Kaugummi zieht. Immerhin kann man sich im Regenwald Kolumbiens umschauen, den Antonio Climati selbst eingefangen hat, aber damit hatte er ja auch Erfahrung. Schöne Landschaftsbilder sind dem Zuschauer also gewiss. Zum negativen Ausgleich gibt es einen unpassenden Synthesizer-Score von Maurizio Dami.

    Als endgültigen Abgesang auf das italienische Kannibalen-Kino kann man diesen Film schnell übersehen, zu Recht, denn GREEN INFERNO lässt sich eher als Abenteuerfilm mit mahnendem Zeigefinger betrachten, der sich natürlich nie über seine Vordergründigkeit heraushebt. Hier würde ich eher den wesentlich besseren CUT AND RUN (1984) als Vergleich heranziehen, in dem auch keine Kannibalen im Einsatz sind, auch wenn das Setting danach schreit. Nichtsdestotrotz hat Antonio Climati einen durchaus interessanten Film abgeliefert, der zwar mit deutlichen Problem zu kämpfen hat, aber sich meistens über Wasser halten kann.

    (Bjoern Candidus)

  • Fright, 1971 – ★★★★

    Fright, 1971 – ★★★★

    DIE FRATZE
    (THE FRIGHT, GB, 1971, Regie: Peter Collinson)

    Da Helen und Jim einen wichtigen Termin in einem Restaurant haben, organisieren sie Amanda als Babysitterin für ihren kleinen Sohn Tara. Zur gleichen Zeit bricht der schwer gestörte Brian aus der Sicherheitsverwahrung aus, der nichts besseres zu tun hat, als das Anwesen von Helen und Jim aufzusuchen, da er der Ex-Mann von Helen ist, die er zwar umbringen wollte, aber immer noch liebt. Für Amanda ist die Angelegenheit besonders ungünstig, da Brian sie in seiner Verwirrung für Helen hält und in das Haus will.

    Peter Collinson (THE ITALIAN JOB, 1969) legt hier ein Home-Invasion-Thriller-Kammerspiel vor, das Elemente vorwegnimmt, die Filme wie LAST HOUSE ON THE LEFT (1972), BLACK CHRISTMAS (1974) oder WHEN A STRANGER CALLS (1979) nach ihm erneut aufgreifen und sie zu Klassikern ihrer Zunft werden ließen. Für den Inhalt zeichnete sich Tudor Gates verantwortlich, der zu dieser Zeit auch an Drehbüchern für die Hammer-Studios (Karnstein-Trilogie) involviert war. Dass man es hier mit einer britischen Produktion zu tun hat, fällt schnell auf, was der allgemeinen Stimmung zugute kommt. Von der ersten Minute an steht die Stimmung auf Spannung. Die kurzen Waldabschnitte, die Amanda zu dem Anwesen von Helen und Jim führt, verraten die Abgeschiedenheit. Schnell gesellen sich kleine Details, wie ein zusätzlicher Riegel an der Haustür, dazu, die Amanda schon am Anfang ein komisches Gefühl bereiten. Bedrückung und Beklemmung macht sich breit. Das weitläufige alte Haus mit seiner miefigen Einrichtung, die sich mit vielen Brauntönen schmückt, ist schon ausladend genug, hinzu kommt das Ticken der Uhren, die knarzenden Holzdielen, die Geräusche der Wasserleitungen, die nicht nur beginnen Amanda zu ängstigen, sondern auch beim Zuschauer die Spannung erhöhen.
    Auch der Score von Harry Robertson sorgt für zusätzlichen Grusel. Mit Susan George (STRAW DOGS, 1971 / DAS HAUS DER VERDAMMTEN, 1982) hat man eine Gute Wahl getroffen; sie ist für solche Rollen einfach wie geschaffen. Ihr gegenüber: Ian Bannen (EIN HAUFEN VERWEGENER HUNDE, 1978) als Psychopath, der überzeugend unangenehm daherkommt. In weiteren Rollen gibt es Honor Blackman, George Cole und Denis Waterman zu sehen.

    Wer britischen Horror will, aber gerade mal keine Lust hat auf das glorreiche Werk von Pete Walker oder die Produktionen von Hammer, Tigon und Amicus, dem empfehle ich ganz dringend DIE FRATZE zu sichten.

    (Bjoern Candidus)

  • Cohen and Tate, 1988 – ★★★★

    Cohen and Tate, 1988 – ★★★★

    HITMAN
    (COHEN & TATE, USA 1988, Regie: Eric Red)

    Trotz Personenschutz durch das CIA werden die Eltern des neunjährigen Travis getötet, da der Vater gegen die Mafia vor Gericht aussagen soll. Cohen und Tate, die beiden Auftragskiller, entführen den Jungen, um ihn zu ihren Auftraggebern zu bringen. Eine lange Fahrt durch Texas über den nächtlichen Highway beginnt…

    Bei Eric Red klingeln die Glocken. Zu Recht. Ob als Drehbuchautor (HITCHER, 1986 / NEAR DARK, 1987 / BLUE STEEL, 1990) oder als Regisseur (BODY PARTS, 1991 / BAD MOON, 1996) – Eric Red würzt ordentlich. Und was ihn scheinbar besonders begeistert: finstere Road-Movies mit bizarren, durchsetzungsfähigen Charakteren, die nicht selten blutbesudelt dastehen und bis an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen. Dazu versteht er es, Geschichten mit guten Dialogen zu erzählen. Und so schließt COHEN & TATE die Road-Trilogie, die mit HITCHER (Regie: Robert Harmon) startete und mit NEAR DARK (Regie: Kathryn Bigelow) fortgeführt wurde. Inhaltlich haben diese Filme freilich nichts miteinander zu tun, wobei sie durch ihre Ästhetik durchaus im gleichen Universum spielen könnten, obwohl die Regiestühle von völlig unterschiedlichen Menschen beseelt wurden. Der gemeinsame Nenner ist die Grundlage von Eric Red.

    Startet der Film noch am helllichten Tag abseits der Großstadt, geht es nach der mörderischen, westernartigen Eröffnung-Szene unmittelbar auf den Highway in die Nacht. Gerade die Nachtaufnahmen durchzogen mit den Autoscheinwerfern und anderen Lichtern des Highways entfesseln eine starke Atmosphäre, die vor allem Roy Scheider hinter dem Streuer geradezu diabolisch erscheinen lassen. Den Rest erledigt er selbst. Ist Scheider für mich immer der gute Brody, zerstört er hier das Bild und wird zum garstigen Cohen. Ganz wunderbar. An seiner Seite: Adam Baldwin, der glücklicherweise nichts mit dem Baldwin-Klan zu tun hat. Auch er bringt als psychopathischer Killer sehr viel Feuer mit. Am überraschendsten fand ich allerdings Harley Cross als neunjährigen Travis. Gerade Kinder-Darsteller sind oft nervig oder bleiben blass und hölzern, aber nicht Harley Cross, dessen Charakter die Spannungen zwischen Cohen und Tate immer wieder anheizt und durch geschickte Einfälle glänzt, wenn er z.B. anfängt die Landkarte zu essen, damit die beiden Herren die Orientierung verlieren. Für Cross (DAS RITUAL, 1987) war dies die vierte Rolle in einem Film, in dem er entführt oder als Geissel gehalten wird. Auf Seiten der Hautdarsteller gibt es also überhaupt nichts zu bemängeln, was in dem Fall auch sehr wichtig ist, da man hier sonst nur wenig andere Figuren kennenlernt und sich der Fokus kaum von den Dreien wegbewegt.
    Da man sich kontinuierlich auf der Straße befindet, hält sich Red kaum auf und ist bedacht, nach vorn zu kommen. Es gibt hier mal einen Halt zum tanken, dort mal eine Polizeikontrolle oder es wird von Travis ein Versuch unternommen, zu fliehen.

    HITMAN ist ein kraftvolles Regiedebüt mit einer simplen, aber packenden Story, die in erster Linie von ihren Figuren und durch das Erscheinungsbild glänzt. Obwohl man merkt, dass der Film nicht viel gekostet hat, gewinnt er gerade durch die Limitierung von Effekthascherei und Action, die man hier möglicherweise erwarten würde. Nicht dass es hier zimperlich zugeht, nein, nein, denn der ein oder andere Gewaltakt ist zu verzeichnen, und zwar blutig.
    Abgerundet werden die von Kameramann Victor J. Kemper (AUDREY ROSE, 1977 / COMA, 1978) fotografieren Bilder von einem Score von Bill Conti.

    (Bjoern Candidus)

  • Cannibal Apocalypse, 1980 – ★★★★

    Cannibal Apocalypse, 1980 – ★★★★

    ASPHALT-KANNIBALEN
    (APOCALYPSE DOMANI, Italien, Spanien, 1980, Regie: Antonio Margheriti)

    Als hätte der Vietnamkrieg nicht genug Spuren hinterlassen, werden zwei Veteranen von einem ganz speziellen Trauma eingeholt. Charlie und Tom sind nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg in die Psychiatrie gekommen und scheinen auf einem guten Weg zu sein. Doch der Schein täuscht, denn das kannibalistische Verhalten, was sie in Gefangenschaft an den Tag legten, basiert nicht auf einem Trauma, sondern auf einem Virus, der eine US-Stadt auf den Kopf stellt.

    Ich war noch nicht ganz auf der Welt oder gerade eben (geb. 1981) als Filme mit so klangvollen (deutschen) Titeln wie NACKT UND ZERFLEISCHT (1980), LEBENDIG GEFRESSEN (1980), EIN ZOMBIE HING AM GLOCKENSEIL (1980) oder HÖLLE DER LEBENDEN TOTEN (1980) in die Kinos kamen. Filme, die ich erst gut 20 Jahre später das erste Mal erblicken durfte und mir heute vertrauter sind als der Großteil der Produktionen der letzten 20 Jahre.
    ASPHALT-KANNIBALEN ist auch so ein Film, der sich nahtlos in diese Liste von Filmen einreihen lässt. Doch das Besondere: Regisseur Antonio Margheriti kombiniert geschickt sämtliche angesagte Themen und schafft so einen facettenreichen Mix. Das soll nicht heißen, dass Margheriti mit Innovationen kleckert; viel Neues gibt es nicht zu bewundern, aber dafür Vertrautes in versierter Form. Und ein Vietnam-Kriegstrauma kombiniert mit einem Kannibalismus-Virus, der Infizierte in Irre mit ordentlich Appetit verwandelt, darf als Idee durchaus gelobt werden, besonders 1980. Menschen-fressen-Menschen-Szenen, blutige Schießereien, Menschen, die in Brand gesteckt werden… in Sachen Gewalt fährt Margheriti einiges auf, um sich dem Zeitgeist zu beugen. Der Film ist von Fernando Arribas fotografiert, der gute Arbeit geleistet hat, dazu werden die Bilder von einem funky Score von Alexander Blonksteiner veredelt, was besonders gut in den Action-Szenen kommt, von denen es einige gibt. Wenn sich der Film wieder eher dem Horror widmet, passt sich Blonksteiner entsprechend an. Doch all das wäre nur halb so gut, gäbe es nicht auch eine passende Besetzung. Und da kommen John Saxon (TENEBRE, 1982) als Norman Hopper, Elizabeth Turner (DIE SIEBEN SCHWARZEN NOTEN, 1977) als Jane Hopper und Giovanni Lombardo Radice (DER SCHLITZER, 1980) als Charles ‚Charlie‘ Bukowski gerade recht.

    Düster, blutig, actionreich, humorbefreit, stark besetzt – Antonio Margheriti serviert mit ASPHALT-KANNIBALEN einen Kessel Buntes, der mir erneut gemundet hat.

    (Bjoern Candidus)